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Willkür im Kölner Keller

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Von: Ingo Durstewitz

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Auch fünf Jahre nach der Einführung des Videobeweises gibt es keine klare Linie, wann eingegriffen wird. Der zurückgenommene Elfmeter in Berlin skizziert das Grundproblem. Ein Kommentar.

Frankfurt – Das ewige Pingpongspiel zwischen Schiedsrichtern auf der einen und den Profifußballern auf der anderen Seite ist seit Samstag um eine Begrifflichkeit reicher, die des „Gurkenelfmeters“. Mit diesen Worten, so berichtet es der Frankfurter Keeper Kevin Trapp, will der Referee Frank Willenborg seinen eigenen Pfiff kassiert haben. Er wolle kurz vor Beendigung der Partie zwischen Hertha BSC und der Eintracht (1:1) nicht solch einen Gurkenelfer pfeifen. Sehr schön.

Es geht um eine Szene im Berliner Olympiastadion in der 89. Minute, Eintracht-Frankfurt-Stürmer Rafael Borré legt sich den Ball an Hertha-Schlussmann Oliver Christensen vorbei, der macht sich lang, berührt den Angreifer mit dem Handschuh am Fuß, Borré geht zu Boden und Schiedsrichter Willenborg, gut positioniert, entscheidet sofort auf Strafstoß. Und revidiert seine Entscheidung, nachdem er sich die Situation fast vier Minuten lang in unzähligen Wiederholungen auf dem Bildschirm in der Review-Area angeschaut hat. Kann man so machen, sollte man nicht so machen.

Eintracht Frankfurt: Kölner Keller hätte nicht eingreifen sollen

Klar ist, dass die Entscheidung, gar nicht zu pfeifen, die richtige gewesen wäre, weil Borré den leichten Kontakt ausgenutzt hat. Andererseits hat Frank Willenborg gemäß seiner Wahrnehmung auf dem Feld in Echtzeit auf den Punkt gezeigt. Und die Berührung am Fuß des Stürmers ist unstrittig. Der Pfiff ist daher nicht ganz falsch. Insofern, und das ist der Casus knacksus, war es unnötig, dass sich der Kölner Keller überhaupt gemeldet hat. Denn das Kriterium für eine Intervention ist klar definiert: die Begradigung einer klaren Fehlentscheidung. Und eine klare Fehlentscheidung lag eben nicht vor.

Redebedarf: Trainer Oliver Glasner Frankfurt, Trainer diskutiert mit Schiedsrichter Frank Willenborg.
Redebedarf: Trainer Oliver Glasner Frankfurt, Trainer diskutiert mit Schiedsrichter Frank Willenborg. © Imago

Das sieht man schon daran, dass Willenborg minutenlang auf den Monitor starrte, ehe weißer Rauch aufstieg. Daher sind die Erklärungen des Schiris nach dem Spiel zwar subjektiv nachvollziehbar („Meine Wahrnehmung wurde widerlegt. Ich fühle mich wohler damit, den Elfmeter nicht zu geben“), aber irrelevant. Es wäre besser gewesen, er wäre gar nicht in diese Zwickmühle gebracht worden. Dann hätte er auch die Regeln nicht beugen müssen, bis sie für ihn passen. Die Kategorie Gurkenelfmeter gibt’s noch nicht.

So bleibt, mal wieder, zu viel Grauzone, zu viel Interpretation – und die Erkenntnis, dass es eine einheitliche Linie nicht gibt, dass Hand nicht immer Hand (Frauenfinale in England) und Abseits nicht immer Abseits ist (Dortmunds 3:1 in Freiburg) und dass krasse Fehlentscheidungen mal so und mal so ausgelegt werden. Der Willkür sind auch nach fünf Jahren VAR Tür und Tor geöffnet, und es spricht nichts dafür, dass sich das irgendwann ändern wird. (Ingo Durstewitz)

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