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West Ham: Die englische Eintracht

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Von: Daniel Schmitt

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Anführer und Urgestein bei West Ham: Mark Noble (re.). imago images
Anführer und Urgestein bei West Ham: Mark Noble (re.). imago images © IMAGO/PA Images

Eintrachts Halbfinalgegner West Ham United bringt viel von dem mit, was auch die Frankfurter stark macht – es könnte emotional zugehen.

Es genügte ein Blick ins Gesicht von Mark Noble, um die Bedeutung dieses Moments zu erahnen. Die Leitfigur des englischen Fußballklubs West Ham United saß also in der Kabine des Stadions von Lyon. Um ihn herum: wummernde Bässe, Musik, Geschrei, Ekstase. In ihm drin: Chaos. Die Gefühle spielten verrückt. Schreien, tanzen, durchdrehen? Noble schaffte das nicht mehr. Er weinte einfach. Vor Glück. Und vor Überforderung. Es war einer der größten Momente seines Sportlerlebens.

Mark Noble, 34 Jahre, 545 Pflichtspiele für die Hammers, befindet sich auf den letzten Metern seiner Karriere. Er ist Kapitän und Anführer des Teams, zwar nicht mehr ständig auf dem Rasen, dort sind jüngere Kollegen wertvoller, aber abseits davon. Keiner verkörpert den Klub so wie er, der einst schon in der Jugend nach Ostlondon kam und dort zum Profi wurde. Mark James Noble ist West Ham United.

Erstmals seit 46 Jahren stehen die Hammers nach dem 3:0-Erfolg von Lyon wieder im Halbfinale eines Europapokals, erstmals seit 57 Jahren könnten sie einen internationalen Titel gewinnen. 1965 holte der Traditionsverein in Wembley gegen 1860 München (2:0) den Europapokal der Pokalsieger. 1976 setzte man sich erst im Halbfinale gegen Eintracht Frankfurt durch, um dann das Endspiel gegen Anderlecht zu verlieren. Weitere Erfolge: dreimal englischer Cupsieger, zweimal Zweitligameister, das war’s.

West Ham United: Probleme in der Abwehr

Die anstehenden Halbfinalspiele gegen die Eintracht, das Heimduell an diesem Donnerstag (21 Uhr/RTL), zählen zu den größten Begegnungen in der Vereinsgeschichte - in der jüngeren Historie sowieso. Nicht umsonst waren alle Plätze im Londoner Olympiastadion, der von vielen Fans ungeliebten Heimat seit dem Umzug 2016 aus dem mittlerweile abgerissenen Upton Park, binnen kürzester Zeit vergriffen. Es wird laut sein, es wird hitzig zugehen, emotional - auf den Tribünen und dem Feld.

Der Klub, der in den vergangenen Jahrzehnten maximal unauffällig in Englands Eliteliga mitkickte, hat sich nach oben gekämpft, ist herangerückt an die großen Sechs der Liga. Natürlich mit einer Menge Kohle, der Ex-Frankfurter Sebastien Haller sei als Rekordtransfer exemplarisch genannt - aber welcher Klub hat in der Premier League eigentlich wenig Geld? Vielmehr ist der Aufschwung (letzte Saison Sechster, aktuell Siebter) damit verknüpft, dass die Mannschaft ihr Herz auf dem Rasen lässt. Wille, Leidenschaft, Zusammenhalt zeichnen sie aus.

Die Mannschaft lässt sich bei gegnerischem Ballbesitz gerne in die eigene Hälfte zurückfallen, hält dann das Zentrum kompakt und lenkt Gegenspieler auf die Außen, dort erst wird attackiert mit englischer Härte. Flanken ins Zentrum werden von baumlangen Verteidigern entschärft. Normalerweise jedenfalls.

Denn vor den Spielen gegen die Eintracht könnte dies die Achillesferse aus Londoner Sicht sein. Trainer David Moyes, schon zum zweiten Mal für West Ham tätig, gehen die Verteidiger aus. Kurt Zouma fehlt bis Saisonende, auch bei Issa Diop gibt es wenig Hoffnung auf eine baldige Rückkehr. Angelo Ogbonna hat eine schwere Knieverletzung. Mit Craig Dawson bleibt dem Trainer nur ein gelernter Innenverteidiger. „Wir werden schon eine taugliche Abwehr stellen“, entgegnet Moyes. Zuletzt gegen Chelsea (0:1) spielte West Ham mit einer Dreierkette.

West Ham United: Noble als Anführer

Doch sie tun nicht nur so, sie sind so entspannt bei West Ham. Das Team weiß, worauf es sich zurückziehen kann, auf sich selbst. Es trotzt Widrigkeiten in aller Regelmäßigkeit, müde Beine werden einfach rausgelaufen. Die Europa-League-Vorrunde überstanden die Londoner als Gruppensieger, im Achtelfinale gegen den Dauercupsieger FC Sevilla drehte das Team eine 0:1-Hinspielpleite in Andalusien noch zum einem Sieg in der Verlängerung, Lyon wurde auswärts locker besiegt. West Ham schafft es, im Europacup regelmäßig die Bestform abzurufen. Fast mutet es so an, als komme auf den deutschen Vertreter aus dem Hessischen eine englische Eintracht zu.

Übrigens: Mark Noble fiel in Lyon noch durch eine weitere Aktion auf. Spät am Abend beseitigte er das Chaos. Die Mitspieler feierten längst woanders, da fegte er nur mit einem Handtuch bedeckt den Dreck in der Kabine zusammen. Er genoss den Moment. Er wusste um die Bedeutung.

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