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Fröhliche Hessen überall: Die Eintracht feiert sich und ihre so famose Serie. Hier Timothy Chandler, Branimir Hrgota und Ante Rebic (v.l.).

Eintracht Frankfurt

Die Welt steht kopf

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Eintracht Frankfurt legt eine überragende Hinrunde hin und will die Politik der kleinen Schritte konsequent weiter verfolgen.

Niko Kovac, dem stets adretten und makellosen Fußballtrainer, sind die Strapazen zwar nicht anzusehen, sie stehen ihm ganz gewiss nicht ins markante Gesicht geschrieben. Aber so ganz spurlos geht so ein halbes Jahr selbst an einem gut trainierten 45-Jährigen nicht vorbei. „Glauben Sie mir“, hob also Niko Kovac an, als die letzte Partie Geschichte und die unglaubliche Ausbeute von 29 Punkte auf die Seite gepackt war, „die Bundesliga zehrt ganz schön an einem.“

Und deshalb gönnt sich der Eintracht-Coach ein paar Tage der Zerstreuung, natürlich mit der Familie. „Es geht immer weiter gen Süden“, umschreibt er seine Urlaubsplanung. Am Mittwoch war er noch, quasi semi-privat, in München, um das Gipfeltreffen zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig (pikanterweise der nächste Eintracht-Gegner nach den Ferien) zu begutachten, anschließend ging es weiter in die Familienresidenz nach Salzburg und abschließend für ein paar Tage an die kroatische Adriaküste. „Man muss auch mal ein bisschen entspannen und abschalten können“, sagt Kovac. Er kann es guten Gewissens: „Es ist alles geplant.“

Und es ist alles aufs Gleis gesetzt. Eintracht Frankfurt steht nach dem dienstäglichen 3:0-Erfolg gegen den Nachbarn Mainz 05 so gut da wie seit 23 Jahren nicht mehr, sie haben sogar mehr Punkte als während der spektakulären Vorrunde 2012, sie haben sich zu einer echten Hausmacht entwickelt, die letzte Partie im Stadtwald verloren sie im April gegen Hoffenheim, seitdem haben sie zweimal Dortmund und zweimal Mainz, Schalke, Leverkusen und Köln bezwungen, gegen die Spitzenteams aus Berlin, Hoffenheim und in Unterzahl gegen Bayern ein Remis geholt. Und: Sie haben niemals in der Vereinsgeschichte weniger Tore kassiert (zwölf) als zurzeit.

Die Hessen sind zweifelsohne die größte Überraschung des Fußball-Oberhauses – vom Fast-Absteiger zum Champions-League-Anwärter binnen sieben Monaten. Die Welt steht Kopf, sie ist gar ein bisschen aus den Fugen geraten. Die Leistung der Eintracht ist nicht hoch genug zu bewerten, sie nötigt allen Experten und Fachmännern höchsten Respekt ab, ehrliche, aufrichtige Wertschätzung.

Man kann sich trefflich streiten, welches Wunder als das größere zu gelten hat: der kaum für möglich gehaltene Klassenerhalt im Mai in der Relegation oder der nun folgende Aufschwung. Mehr Nachhaltigkeit, mehr Akribie und Eigenleistung, dafür weniger Zufall, steckt sicherlich in dem momentanen Höhenflug. Was die Sportliche Führung um Niko Kovac, Vorstand Fredi Bobic, Manager Bruno Hübner und Chefscout Ben Manga aus der multikulturellen Eintracht, die vor der Saison skeptisch beäugt wurde und gemeinhin als Wundertüte galt, gemacht haben, ist schlicht sensationell, es ist beinahe märchenhaft. „Was das Trainerteam aus dieser Mannschaft gemacht hat, ist bemerkenswert“, lobte Vorstand Axel Hellmann. Die Eintracht hat ihr Gesicht komplett neu modellieren lassen: Sie ist nun höchst aggressiv, setzt den Kontrahenten unter Druck, lässt ihm kaum Zeit zum Atmen, sie ist läuferisch auf einem Top-Niveau, sie spielt einen Fußball, der dem Gegner weh tut – sie ist sogar schon als Tretertruppe in die Ecke gestellt worden. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Die Frankfurter spielen hart, haben auch ein, zwei Problemfälle, doch alles bewegt sich im normalen Rahmen. An guten Tagen, und wenn alles passt, spielt sie einen ansehnlichen Ball. Das sollte nicht vergessen werden. Die Schönheit steht aber an zweiter Stelle.

Die Verantwortlichen sind von dieser Entwicklung natürlich ebenfalls überrascht. Sie haben ihre Hausaufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erledigt, dass es aber so rund laufen, dass man bis in die Spitzengruppe vordringen und sich dort sogar etablieren würde, nein, davon waren sie in ihren kühnsten Prognosen nicht ausgegangen. „Mehr Höhen als Tiefen erleben, das war unser Ziel“, formulierte Trainer Kovac. Das haben die Frankfurter bei weitem übertroffen.

„Auf wackligen Füßen“

„Wir wollen dennoch bescheiden und demütig bleiben“, betonte Kovac gebetsmühlenartig. „In der Bundesliga geht es schnell, dass du nur noch die Rücklichter siehst.“ Das Eintracht-Konstrukt stehe, wie er findet, „auf wackeligen Füßen“. Auch Fredi Bobic bleibt bei der Sprachregelung, wonach 40 Punkte das Maß aller Dinge seien. „Wir spielen bestimmt nicht um die Meisterschaft“, sagte er. Wenn man die Marke geknackt habe, „werde ich ein neues Ziel ausgeben“, flankierte der Trainer. Sportvorstand Bobic sieht den Schlüssel zum Erfolg in der Herangehensweise. „Wir wollen die einfachen Dinge richtig machen.“ Spricht: Sich nicht im großen Ganzen verheddern, sondern die Politik der kleinen Schritte konsequent verfolgen.

Das Understatement ist nachvollziehbar, da man der Mannschaft keinen zusätzlichen Druck aufbürden möchte und keck formulierte Ziele nicht selten wie ein Bumerang zurückkommen. Doch natürlich wissen auch die Frankfurter, dass sie alles daran setzen müssen, die Gunst der Stunde zu nutzen. Gerade vor dem Hintergrund, dass im Grunde gleich vier schwächelnde Großkaliber im Dauertief stecken und sich aus dem Kampf um die Königsklassenplätze mehr oder minder verabschiedet haben: Bayer Leverkusen hat neun Zähler Rückstand auf die Hessen, Schalke 04 elf, der VfL Wolfsburg und Mönchengladbach gleich 13 Punkte. Das ist ein Haufen Holz. „Die Ausgangslage ist außerordentlich gut“, befand Vorstand Hellmann.

Wer weiß, ob noch einmal gleich ein Top-Klub-Quartett den Erwartungen hinterherhinkt. Diese Chance sollte man zumindest versuchen, am Schopf zu packen. Die Eintracht hat in der Rückrunde ein Heimspiel mehr, muss aber auswärts bei allen Topklubs ran. „Davor haben wir aber keine Angst“, urteilte Bobic.

Womöglich wird die Eintracht nochmals auf dem Transfermarkt zuschlagen. „Wenn es passt, machen wir was. Wenn nicht, dann nicht“, sagte der Trainer. „Ich bin mit unserem Kader sehr zufrieden, die Mannschaft ist gut und charakterstark.“

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