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Fixpunkt in vorderster Front: Für Sebastien Haller läuft es richtig rund.

Sebastien Haller

Die Wandlung des Sebastien H.

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Eintracht-Stürmer Haller ist im Vergleich zur Vorsaison kaum wiederzuerkennen. Bereits neun Tore und acht Vorlagen.

Natürlich hat Sebastien Haller auch am Samstag in Augsburg getroffen, zum neunten Mal in dieser Runde. Es ist ja fast schon keine Erwähnung mehr wert. Ein Torjäger, der verlässlich trifft, das ist beinahe eine Meldung nach dem Motto „Hund beißt Briefträger“. Normalität. Sebastien Haller hat in dem Spiel zudem einen weiteren Treffer vorbereitet. Kennt man ebenfalls, acht Assists haben ihm die Statistiker bereits gutgeschrieben, nun führt der 24 Jahre alte Franzose in Diensten von Eintracht Frankfurt die inoffizielle Scorerliste an. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Neun Tore also nach zwölf Spielen, in insgesamt 912 Minuten. Eben diese neun Tore hatte der Mann auch im letzten Jahr für die Hessen erzielt, in seinem ersten Jahr in der Bundesliga, allerdings nach 34 Spielen. Allein das verdeutlicht vor allem eines: So gut, so wertvoll wie im Augenblick war Sebastien Haller wohl noch nie. Und er ist Eintracht-Legende Anthony Yeboah dicht auf den Fersen. Der Ghanaer hatte 1993 in acht Pflichtspielen hintereinander getroffen, Haller bislang in sieben.

Und da spielt und trifft und zweikämpft   ein anderer Sebastien Haller als der, der in der vergangenen Runde für die Eintracht spielte, traf und zweikämpfte. Der war auch nicht schlecht, zumindest anfangs nicht. Er schoss Tore, das gewiss, aber der Mann spielte im Grunde nicht richtig mit. Oft wirkte er ungelenk, gedanklich langsam, er hatte, wie es der Anschein war, zudem spielerische Defizite, zeitweise wirkte er wie ein Fremdkörper. In der Rückrunde wurde es nicht besser, im Gegenteil, er wurde komplett unsichtbar, nun schoss er nicht einmal mehr Tore, nur noch eines gegen Bayern München, mit dem Knie, mehr Zufall als gewollt. Und der Familienvater aus Ris-Orangis, 25 Kilometer südöstlich von Paris, verlor sogar seinen angestammten Platz vorne drin in der Spitze.

Die FR titelte im Frühjahr eine Geschichte über den Torjäger a.D. folgendermaßen: „Der tiefe Fall des Sebastien H.“ Im Pokalfinale im Mai dieses Jahres, dem größten Triumph des Klubs seit 30 Jahren, saß Haller geschlagene 89 Minuten auf der Ersatzbank, erst dann kam er ins Spiel, um Minuten von der Uhr zu nehmen. Und: Es hat ihn niemand vermisst.

Wer Sebastien Haller jetzt spielen sieht und die Kritiken aus dem März, April, Mai liest, kann nicht glauben, dass es sich um identischen Spieler handelt. Im Augenblick ist Haller aus dem Frankfurter Spiel nicht mehr wegzudenken. Er ist der Fixpunkt in vorderster Front, er ist der Zielspieler, der gesucht wird, der die (langen) Bälle festmacht und verteilt, der die vielen, vielen Kopfballduelle gewinnt. Er ist der Mann, der Räume schafft, in die die anderen starten können. Wahrscheinlich ist er - neben Makoto Hasebe und Torhüter Kevin Trapp - der wichtigste Spieler im Frankfurter Ensemble.

In dieser Saison hat Haller, ein robuster, athletischer 1,90-Meter-Kerl, 398 Zweikämpfe bestritten, mehr als jeder andere Bundesligaspieler, mehr als jeder Verteidiger, mehr als jeder Nationalspieler. Von diesen Duellen hat er die Hälfte gewonnen (201) - das ist für einen Stürmer eine ganz außergewöhnlich gute Quote. Zum Vergleich: Timo Werner (RB Leipzig) hat 196 Zweikämpfe bestritten und 75 gewonnen, Robert Lewandowski (Bayern München) von 108 deren 66. Selbst durch die vielen Fouls - Haller zählt zu den meistgefoulten Profis - ist er kaum zu stoppen.

Was also ist nur passiert in der Sommerpause?

Nun ist es nicht so, dass Sebastien Haller sich nicht auch seine Gedanken gemacht hätte, warum es in der Rückrunde nicht so lief. Der Mann ist reflektiert, hinterfragt sein Tun selbstkritisch, zieht sich eher zurück als den großen Zampano zu markieren. Das erste Jahr in der Bundesliga sei ein sehr lehrreiches gewesen, hat er mal gesagt. Tempo, Härte, an all das musste er sich erst gewöhnen. Entscheidend für seine Leistungsexplosion aktuell aber sei etwas anderes gewesen. „Ich habe meine innere Ruhe gefunden“, sagte er unlängst in der „FAZ“. Mittlerweile wisse er auch, wie der Hase läuft in der obersten deutschen Spielklasse, wie man sich gegen die Wadenbeißer durchsetzt, er habe jetzt mehr Erfahrung. Das gelte auch für die gesamte Mannschaft, die ja im Kern die gleiche ist wie im Vorjahr. Nur besser, wie er findet, weil „wir mehr Erfahrung haben“. Und weil sie deutlich offensiver ausgerichtet ist.

Gestiegener Marktwert

Natürlich tut sich ein Knipser wie Haller leichter, wenn er vorne nicht allein auf weiter Flur agieren muss. Dass Ante Rebic und Luka Jovic neben ihm spielen, die von ihren Gegenspielern mindestens so viel Aufmerksamkeit absorbieren, gereicht Haller zum Vorteil. Die Drei da vorne sind schwer einzufangen, und Tore will Haller weiter schießen. Ohnehin gibt es, obwohl es so gut läuft für den Sohn einer Ivorerin und eines Franzosen, noch einiges zu verbessern, im Abschluss insbesondere, sagt Haller. Das klingt fast wie eine Drohung. Er müsse noch konzentrierter sein. In Augsburg etwa hat er in der Schlussphase zwei glasklare Möglichkeiten vergeben. Aber das Toreschießen liegt ihm im Blut, schon als Zehnjähriger wollte er stets Tore schießen, Tore, Tore, Tore. Selbst im heimischen Wohnzimmer. Davon zeugt noch immer eine abgeschossene Lampe, die seine Eltern aufbewahrt haben.

Das Spiel gegen Augsburg in der Analyse der Schlusskonferenz des Rasenfunks

Und natürlich wecken viele Tore Begehrlichkeiten „der ganz großen Fische“, wie Vorstand Fredi Bobic die Topklubs genannt hat. Der Wert des für sieben Millionen Euro vom FC Utrecht gekommene Haller liegt sicher höher als die bei transfermarkt.de taxierten 15 Millionen Euro. Mit dem Verkauf Hallers könnte Eintracht Frankfurt einen weiteren großen Schritt tun. Aber noch tut Haller für die Eintracht das, was er am besten kann: Tore schießen.

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