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Schon immer dribbelstark, auch 2015 gegen Leverkusen: Luca Waldschmidt im Eintracht-Dress.

Talent

Waldschmidt startet durch, doch die Eintracht hat davon nichts

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Die Leistungsexplosion des Ex-Frankfurters kommt für die Eintracht nicht überraschend. In Frankfurt hofft man auf Nachahmer in den eigenen Reihen.

Wenn sie bei Eintracht Frankfurt gerade aus der Ferne die U21-EM in Italien betrachten, werden sich vermutlich gemischte Gefühle breitmachen. Auf der einen Seite ein wenig Zufriedenheit, weil man vor neun Jahren ganz gut gelegen und das Näschen für kickende Talente richtig geschnuppert hatte. Auf der anderen aber auch eine Menge Unzufriedenheit, weil man vor drei Jahren doch befand, dass die fußballerischen Anlagen des Auserkorenen nicht groß genug sind, um den Weg gemeinsam fortzusetzen. Die beiden konträren Gefühlswallungen ruft ein 23 Jahre junger Mann hervor. Ein Lockenkopf, der zurzeit trifft, wie er will: Luca Waldschmidt.

Drei Jahre ist es her, da titelte die FR: „Talente in der Sackgasse“. Der anschließende Bericht beschäftigte sich hauptsächlich mit eben jenem Waldschmidt, damals 20, die Haare noch kurz frisiert, die Ärmchen quasi muskelfrei. Dieser Bursche, den die Eintracht 2010 aus dem mittelhessischen Wieseck an den Riederwald gelotst hatten, entschied sich, 2016 lieber beim Hamburger SV seine Karriere fortsetzen zu wollen, weil er in Frankfurt unter Trainer Niko Kovac kaum zum Zug kam. Mittlerweile spielt Waldschmidt nicht mehr in Hamburg, sondern in Freiburg und schießt gerade bei der U21-EM die deutschen Gegner reihenweise ab. Sieben Tore sind es bisher, und am Sonntag steht ja noch das Finale bevor.

Armin Kraaz ist nicht überrascht über die Entwicklung Luca Waldschmidts

Armin Kraaz, heute wie damals Leiter des Leistungszentrums bei der Eintracht, überrascht die Entwicklung des Linksfußes nicht. „Natürlich wussten wir schon damals, dass er ein guter Junge ist. Er hat auch in der Jugend immer seine Tore geschossen. Luca hat ja einen Jahrgang unter Spielern wie Marc Stendera und Marc-Oliver Kempf gespielt. Bei denen drei hatten wir uns schon gesagt, dass sie es mal in die Bundesliga schaffen müssten.“ Alle packten es, nur Stendera steht noch in Frankfurt unter Vertrag.

Haben sie bei der Eintracht also das Talent von Waldschmidt falsch eingeschätzt? Die aktuelle Entwicklung lässt diesen Schluss zu, der HSV bezahlte damals nur eine Million Euro für den Angreifer, heute liegt der Marktwert bei 20 Millionen. Einerseits. Andererseits sind sie in Frankfurt ja nicht ganz doof, sie sahen das Potenzial, tief im Abstiegssumpf steckend waren aber erfahrenere Profis gefragt. Zumal Waldschmidt vor drei Jahren, das räumt er selbst ein, „noch nicht so weit war“.

Stendera beerbt Stendera

Das ist er ehrlicherweise noch nicht mal in der zurückliegenden Saison in Freiburg gewesen, in der er zwar neun Tore schoss, aber auch häufig genug untertauchte. Die Leistungsexplosion fand erst in diesen Wochen der EM gegen Gleichaltrige statt. „Manchmal braucht es seine Zeit, um sich durchzusetzen. Es ist sauschwer, schon mit 19, 20 in der Bundesliga regelmäßig zu spielen“, sagt Kraaz, „deutsche Spieler gibt es zurzeit ja kaum, die das sofort schaffen. Ein Kai Havertz in Leverkusen, aber das ist auch ein Überflieger, den man als Bundesligaprofi ja kaum verhindern konnte. Viele andere brauchen zwei, drei Jahre mehr.“

Das sei auch an Aymen Barkok zu erkennen, 21, noch so einer aus der Eintracht-Talentschmiede. Barkok startete in seinem ersten Profijahr (2016/17) durch, als „Juwel“ beschrieb ihn nicht nur die FR. Barkok „hatte dann ein kleines Loch, das in diesem Alter normal ist“, sagt Kraaz. Daher wäre Barkok gerade in der so erfolgreichen vergangenen Saison bei den Hessen wohl kaum zum Zuge gekommen. Stattdessen wurde er nach Düsseldorf verliehen und spielte bei der Fortuna nach einigen Anfangsproblemen eine ordentliche Rolle. Der 21-Jährige, der der Eintracht bis 2021 gehört, bleibt noch eine weitere Runde in der Stadt am Rhein. Eine gute Idee, schließlich haben die Hessen kein U23-Team mehr, in dem Barkok (und andere) auch mal Spielpraxis sammeln könnten. Kritik an der Entscheidung, die Reserve abzumelden, gibt es in regelmäßigen Abständen, für die Toptalente aber, entgegnet Kraaz, mache das gar keinen so großen Unterschied: „Der HSV hatte auch eine U23, aber da hat Luca auch nur ganz selten gespielt. Für diese Spieler ist die Regionalliga, in der die zweiten Mannschaften ja fast immer spielen, meiner Meinung nach zu niedrig. Sie müssten ein Stück höher Fußball spielen, um sich richtig zu entwickeln.“ Klingt jedenfalls nicht ganz verkehrt, selbst wenn es die Abmeldung unter dem heutigen Sportvorstand Fredi Bobic wohl nicht gegeben hätte. Schaden würde eine Reserve sicher nicht.

Eintracht Frankfurt macht Nils Stendera und Sahverdi Cetin zu Profis

Eintauchen in den Frankfurter Bundesligakosmos werden bald Nils Stendera und Sahverdi Cetin. Beide wurden noch als Jugendspieler mit langfristigen Profiverträgen an den Klub gebunden, ab kommender Woche wollen sie bei Profitrainer Adi Hütter angreifen. „Wir trauen ihnen den nächsten Schritt zu“, sagt Kraaz, „aber natürlich haben sie große Konkurrenz.“ Nils Stendera, 18, spielt im defensiven Mittelfeld und gilt als Stratege. Von seinen Veranlagung her ist dem großgewachsen Bruder von Marc Stendera, der ja den Klub verlassen soll, der Sprung zum Erstligakicker zuzutrauen. Für Cetin, 18, ebenfalls Mittelfeld, eher schmächtig, scheint der Weg weiter, in der Vorsaison agierte er unbeständig. „Beide sollten den Sprung zu den Profis als Chance begreifen, um an der Seite von so tollen Spielern wie Djibril Sow, Lucas Torro oder Gelson Fernandes zu lernen“, sagt Kraaz, „denn das müssen sie noch – ohne Zweifel.“ Manchmal dauert eine Entwicklung halt ein paar Jahre länger, siehe Luca Waldschmidt.

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