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Waldschmidts erste Bundesligapartie in Dortmund? „Ich habe gar nicht wahrgenommen, dass ich gegen Weltmeister spiele“
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Waldschmidts erste Bundesligapartie in Dortmund? „Ich habe gar nicht wahrgenommen, dass ich gegen Weltmeister spiele“

Interview Luca Waldschmidt

"Es war Wahnsinn, es war krass"

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Nachwuchsstürmer Gian-Luca Waldschmidt über erfüllte Träume, sein viel beachtetes Bundesligadebüt in Dortmund, hartnäckige Verletzungen, Abiturstress und die Vorzüge des Führerscheins.

Es gibt junge Spieler, die fühlen sich zurückgestuft, wenn sie, gerade mit einem Profivertrag ausgestattet, wieder in der Jugendmannschaft aushelfen sollen. Bei Gian-Luca Waldschmidt, der seinen Vornamen übrigens ganz ohne italienische Vorfahren verliehen bekommen hat, ist das anders. Der fast 19-Jährige, in Siegen geboren, in Fronhausen, Dillenburg, beheimatet und in Frankfurt wohnhaft, freut sich von ganzem Herzen auf die Partien mit der U19 der Eintracht. Das hat auch damit zu tun, dass der hochtalentierte Stürmer eine lange Leidenszeit hinter sich hat und froh ist, überhaupt wieder schmerzfrei dem Ball nachjagen zu können. Aber auch mit seiner grundsätzlichen Einstellung, seinem Charakter. Der Linksfuß ist ein bodenständiger junger Mann, ein Leisetreter, der nicht abhebt. Waldschmidt hat einen Vertrag bis 2017 unterschrieben. „Er hat was, was andere nicht haben“, sagte Ex-Trainer Armin Veh über ihn. B-Jugendtrainer Uwe Bindewald attestierte ihm eine „tolle linke Klebe“. Mit der will er für Furore sorgen. Bald auch dauerhaft bei den Profis.

Herr Waldschmidt, sagen Sie mal: Haben Sie eigentlich vom Bahnstreik etwas mitbekommen?
Vom Bahnstreik? Ja, aber nur aus dem Radio. Mehr nicht

Wäre das früher anders gewesen?
Wenn die U-Bahn nicht gefahren wäre, dann hätte es mich getroffen, das hätte ich dann mitbekommen. Klar.

Darauf wollten wir hinaus. Sie sind ja vor noch nicht allzu langer Zeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Profitraining gekommen. Erzählen Sie doch mal.
Ich habe ja drei Jahre im Internat am Riederwald gewohnt, und dann bin ich entweder mit der Bahn ins Stadion gefahren oder wurde gefahren, also nach der Schule abgeholt und zum Training gebracht.

Welche Schule haben Sie besucht?
Ich war auf dem Wirtschaftsgymnasium, Klingerschule an der Berger Straße.

Und jetzt fahren Sie mit dem Auto.
Ja, klar, das ist angenehmer.

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Wohnen Sie mittlerweile alleine in Frankfurt?
Ja, seit Sommer habe ich eine Wohnung hier. Die nutze ich jetzt erst so richtig. Vorher war ich ja kaum da.

Wegen Ihrer Verletzung?
Ja, ich bin in Berlin operiert worden, dann war ich für sechs Wochen in der Reha in Köln. Anschließend zu Hause in Dillenburg, dann mal wieder zwei Wochen in Donaustauf. Da stand die Wohnung leer die meiste Zeit.

Und vorher hat Sie Ihr Opa von Dillenburg in den Riederwald gefahren?
Ja. Ich war 15, als ich zur Eintracht gewechselt bin, da war das Internat noch gar nicht fertig. Da hat mein Opa den Bus gefahren und auf der Strecke haben wir noch andere Spieler eingesammelt. Nach einem Jahr bin ich dann ins Leistungszentrum nach Frankfurt gezogen.

War Ihnen schon immer klar, dass Sie Profifußballer werden wollen und diesem Ziel alles unterordnen?
Mein Ziel war es immer. Aber es gibt da ja trotzdem noch einige Unwägbarkeiten. Als ich zur Eintracht kam, bin ich diesem Ziel einen Schritt näher gekommen. Aber dann sind da immer noch 20 andere Jungs in der Mannschaft, die es genauso packen wollen.

Waren Sie immer einer der Besten?
Bevor ich zur Eintracht kam, habe ich in Wieseck gespielt. Und es war dann nicht so, dass ich in der U15 bei der Eintracht so ein Spieler war, bei dem klar war, dass ich mal Profi werde und den Sprung schaffe. In der U15 habe ich, glaube ich, nicht zu den Top Drei der Mannschaft gezählt.

Und wie hat ihre Karriere dann Fahrt aufgenommen?
Ich habe mich weiterentwickelt. Und das erste Jahr bei der U17, als ich mich mit den älteren Spielern messen musste, hat mir gut getan, es hat mir viel gebracht. Da habe ich viel gelernt. Da hatte ich ein gutes Jahr. Das war auf jeden Fall sehr wichtig.

Und dann merkt man irgendwann, dass man besser ist als die anderen?
Das will ich so nicht sagen. Ich hatte dann aber einfach eine gute Saison. Damals habe ich mit Marc Stendera und Noah Michel zusammen gespielt. Stendera hatte 16, Noah Michel 17 und ich 18 Tore geschossen. Das war schon gut. Hinten stand Marc-Oliver Kempf in der Abwehr. Ich glaube, wir vier sind da schon ein bisschen herausgestochen.

Obwohl Sie da bereits auf dem aufsteigenden Ast waren, war es Ihnen wichtig, das Abitur zu bauen. Weshalb?
Die Schule hatte immer oberste Priorität. Es war für mich immer klar, dass ich mein Abitur machen will. Auch wenn es nicht immer leicht war. Ich bin damals auch deswegen ins Eintracht-Internat nach Frankfurt, weil es aus Dillenburg nicht mehr zu realisieren war. Ich bin in meinem ersten Jahr bei der Eintracht um drei, halb vier von der Schule abgeholt worden, dann ging es nach Frankfurt zum Training und abends um zehn war ich wieder zu Hause. Das war keine einfache Zeit.

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Und gab es nie die Überlegung, alles auf die Karte Fußball zu setzen?
Es gab nur im vergangenen Jahr mal kurz die Überlegung, mit dem Fach-Abi abzugehen und sich voll auf den Beruf zu konzentrieren. Aber diesen Gedanken haben wir verworfen.

Wenn Sie von wir sprechen, dann meinen Sie in erster Linie Ihre Mutter. Sie ist, so weit wir wissen, Lehrerin.
Ja, das stimmt, in Dillenburg. Meine Mutter war auch der Meinung, dass es besser für mich ist, aufs Wirtschaftsgymnasium zu gehen. Das haben wir dann auch gemacht. Aber ich wollte die Schule schon von mir aus zu Ende bringen. 

Obwohl das nicht so einfach ist, beides unter einen Hut zu bekommen.
Allerdings. Es war auch schwer, mich zu motivieren. Da musste mich meine Mutter schon von hinten mal anschieben (lacht). Aber im Nachhinein bin ich froh, es durchgezogen zu haben.

So eine Fußballerkarriere kann ja auch schnell vorbei sein. Erst am Samstag hat sich Sonny Kittel seine vierte schwere Knieverletzung zugezogen. Kommt man da ins Grübeln?
Natürlich. Im Fußball weiß man eben nie, was passiert. Ich habe jetzt was in der Hinterhand, wenn es nicht klappen sollte mit dem Fußball.

Sie haben ja selbst schon die Erfahrung gemacht, dass man auch mal schnell eine Zeitlang weg vom Fenster sein kann. Ihre Leistenverletzung vor Beginn dieser Saison hat sie aus der Bahn und zurückgeworfen.
Das stimmt. Für mich war es schwer, weil ich nicht genau wusste, was es ist. Wenn man, als Beispiel mal, einen Außenbandriss hat, dann weiß man, man ist in sechs Wochen wieder da. Aber so war es schwierig. Man konnte nicht wirklich sagen, an was es liegt. Nicht zu wissen, was es ist, war das Schlimmere.

Haben Sie Sorge gehabt, dass es das gewesen sein könnte mit der Profikarriere?
Es war eine blöde Situation, aber Zweifel hatte ich nicht. Mir war klar, dass ich wieder zurückkomme.

Wie ging es weiter?
Ich bin dann unters Messer gekommen, und erst während der Operation hat Doktor Jens Krüger entdeckt, dass ein kleines Loch in der Leiste war. Das konnte man auf dem Ultraschall oder den MRT-Bildern nicht erkennen.

Und seitdem sind Sie schmerzfrei?
Ich habe keine Probleme mehr, ich merke gar nichts. Wir haben auch ein bisschen länger Reha gemacht, als der Arzt vorgegeben hatte, um gar kein Risiko einzugehen. Und ich muss sagen: Die Reha war gut, hat sogar Spaß gemacht, was ja eher selten ist. Ich habe auch gemerkt, dass ich körperlich dazu gewonnen habe. Jetzt geht es mir richtig gut.

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Und dann kommt der große Moment, von dem man schon als kleiner Bub träumt. Das erste Profispiel, dann noch gleich in Dortmund vor 80 000 Menschen. Ein Gänsehauterlebnis?
Es war Wahnsinn, es war krass.

Das wollen wir aber schon noch mal genauer wissen. Realisiert man in diesem Moment genau, was jetzt passiert? Dass der große Traum in Erfüllung gehen wird?
Ganz ehrlich: Ich weiß es gar nicht mehr so genau. Auf dem Weg vom Warmlaufen zur Bank habe ich daran gedacht, das weiß ich noch. Aber als ich reinkam, weiß ich nicht mehr, an was ich gedacht habe.

Haben Sie dann, als Sie im Spiel waren, gemerkt, dass das hier Bundesliga und dass es verdammt laut im Stadion ist? Oder ist man da im Tunnel?
In den ersten fünf Minuten war ich nervös, da habe ich ein bisschen nachgedacht. Aber danach war es für mich einfach nur ein Fußballspiel.

Obwohl sich da so ein Spieler wie Marcel Schmelzer in den Weg stellt oder ein Weltmeister wie Mats Hummels?
Ich habe da gar nicht so wahrgenommen, dass ich gegen einen Weltmeister spiele.

Und die Lautstärke im Dortmunder Stadion?
Man nimmt es irgendwie wahr, aber irgendwie auch nicht. Natürlich ist es was anderes, wenn man auf einem Sportplatz spielt und jeden Zwischenruf hört. Aber ich bleibe dabei: Im Endeffekt ist es doch nur ein Fußballspiel. 

Und am nächsten Tag fahren Sie dann rüber an den Riederwald und   spielen mit der A-Jugend vor 80 Zuschauern gegen 1860 München.
So ungefähr. War aber auch gut. Klar war es was anderes, aber ich habe mich auch auf dieses Spiel gefreut, ich mag auch die Spiele mit der U19. Ich freue mich generell, wenn ich spielen darf. 

Und sind Sie dann da aufgelaufen und haben gesagt: ,So, Freunde, gestern habe ich Bundesliga in Dortmund gespielt, heute zeige ich Euch mal, was Sache ist‘?
(lacht) Nein, nein. Natürlich will man zeigen, was man kann. Und natürlich geht man selbstbewusster in so ein Spiel rein, aber die Gegenspieler können auch kicken. Da habe ich keinen großen Unterschied gemacht.

Haben die A-Jugend-Mitspieler oder Trainer Alexander Schur gratuliert zu Ihrem ersten Profieinsatz?
Ja, natürlich. Mit Alex Schur habe ich noch kurz vor dem Spiel geschrieben, direkt nach dem Spiel hat er gratuliert. War eine schöne Sache.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Alex Schur? Viele Spieler berichten von einer besonderen Beziehung zu Schur. Gilt das auch für Sie?
Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Ich habe ihn letztes Jahr bei der U 23 so ein bisschen kennengelernt. Und jetzt vertieft sich das bei der U19. Er ist einfach super für mich.

Herr Waldschmidt, welchen Anteil hat denn Ihr Vater Wolfgang an Ihrer Karriere, er ist ja auch ein ehemaliger Profi, hat bei Darmstadt 98 gespielt. Ist Ihr Talent also in die Wiege gelegt worden?
Ohne Talent geht, glaube ich, nichts. Aber mein Vater hat mich schon sehr gefördert. Von Kindesbeinen an war er mit auf dem Sportplatz und hat mit mir trainiert. Er sieht sich auch alle meine Spiele an. Wir haben viel miteinander trainiert. Das hat mir weitergeholfen. Er versteht schon eine Menge von Fußball. Noch heute sprechen wir einzelne Spielszenen durch und versuchen, Lösungen für gewisse Situationen zu finden.

Am Wohnzimmertisch oder auf dem Sportplatz?
Sowohl als auch. Manchmal gehen wir auch noch raus, wenn es die Zeit zulässt. Auf jeden Fall versuchen wir, darüber zu sprechen und zu analysieren. Er hat fast alle relevanten Szenen im Kopf – weit mehr als ich jedenfalls.

Führt er ein strenges Regiment?
Mal so, mal so. Wenn ich ihm aber sage, ich habe jetzt keine Lust oder lassen wir das Thema einfach mal gut sein, dann ist das auch in Ordnung. Aber wenn ich Hilfe brauche oder etwas auf dem Herzen habe, ist er immer für mich da.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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