+
Von oben sieht man besser: Niko Kovac beobachtet das Training auf einem eigens für ihn errichteten Podest.

Eintracht-Trainingslager

Der Wächter

  • schließen

Eintracht-Trainer Niko Kovac überlässt im Trainingslager in Spanien nichts dem Zufall.

Es kommt schon vor, dass sich der Frankfurter Fußballlehrer Niko Kovac in der Sonne Südspaniens einen besseren Überblick verschaffen will. Dann klettert der 46-Jährige auf einen eigens errichteten Metallturm am Spielfeldrand und verfolgt seine Profis in bester Feldherrnpose bei der Ballarbeit. Lange hält er aber nicht still, da oben auf der Aussichtsplattform, natürlich greift der Eintracht-Trainer auch in luftiger Höhe korrigierend ein, gestikuliert, ruft, treibt an. Kovac ist ein zwar stets disziplinierter, kontrollierter und selbstbeherrschter Mensch, aber doch sehr lebendig und emotional. Die reine Beobachterrolle ist nichts für den feurigen Kroaten aus Berlin-Wedding. 

Ansagen in verschiedenen Sprachen

Kovac unterbricht die Übungen gerne mal, erklärt vieles, versucht Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Mitunter mischen sich erstaunliche Banalitäten ins Fußballspezifische, Inhalte, die ein Profispieler allemal schon verinnerlicht haben sollte. Aber Kovac arbeitet sich an den Basics genauso akribisch ab wie an den taktischen Feinheiten und Kniffs auf höchstem Niveau. Der Coach wechselt dabei munter die Sprachen, reine Amtssprache Deutsch – das war vielleicht irgendwann mal. Englisch gehört ebenso zum Standard, dem Serben Luka Jovic begegnet der Kosmopolit Kovac auf Kroatisch. 

Der Trainer bimst seinen Spieler immer wieder ein, den Ball nicht leichtfertig zu verschenken, Druck auf den Gegner zu machen und das richtige Timing fürs Abspiel zu finden. Pässe über 50 Meter sollen vermieden werden, lieber über zehn, 15 Meter spielen, den sicheren Ball eben. Aymen Barkok, der hochtalentierte, aber immer noch lernende Senkrechtstarter von einst, bekommt häufiger Nachhilfe, er soll nicht zu früh abschalten und sich schneller vom Verteidiger zu lösen. Barkok ist ein guter Schüler, hört genau zu, versucht die Hinweise umzusetzen. 

Oberlehrer Kovac ist mit Feuereifer bei der Sache, mit dem I-Pad steht er auf dem Trainingsplatz und fragt die Spielformen ab. Es geht darum, Automatismen zu erarbeiten, gerade im Spiel von hinten heraus. Der Coach unterbricht, wenn ihm etwas nicht gefällt, dann lässt er sich den Ball geben und macht das vor, was er erwartet. Das kann er ja, der Ex-Nationalspieler. Immer wieder mahnt er höhere Konzentration an. Taleb Tawatha auf links und Gelson Fernandes in der Mitte offenbaren eine enorm hohe Streuung in ihren Abspielen, obwohl die Gegenspieler dazu angehalten sind, nicht richtig anzugreifen. Das kann dem Fußballlehrer nicht gefallen. 

Auch Kevin-Prince Boateng nicht. Der Anführer des Frankfurter Spielerensembles sitzt strampelnd am Spielfeldrand auf dem Ergometer und beobachtet die Kollegen mit Argusaugen. Ab und an gibt der weitgereiste Weltmann ein paar Tipps vom Fahrrad aus, er macht das aufbauend, positiv, nicht maßregelnd. Ein Onlinemedium hat Boateng daraufhin gleich mal zum „heimlichen Co-Trainer“ gemacht. Kovac hat das nicht so gut gefallen. 

Kovac ist Perfekionist

Der Trainer macht in Campoamor nahe der Costa Blanca einen höchst konzentrierten und fokussierten Eindruck, einmal hat er sich nach einer Einheit zu einem ausgedehnten Lattenschießen mit einem Physio hinreißen lassen, natürlich hat Kovac häufiger getroffen. Das hat ihm, dem Unbeugsamen, Spaß gemacht, da konnte er für ein paar Augenblicke abschalten, und den Ball, der übers Tor tief ins Gebüsch hinein flog, den holte er selbst aus dem Dickicht. Selbstverständlich.

Kovac, der Perfektionist, denkt pausenlos an Fußball und daran, wie er seine Mannschaft verbessern und den Gegner überlisten kann. Jedes Training wird gefilmt und anschließend ausgewertet, eine Handvoll Physios kümmert sich um die Mannschaft, Yogalehrerin Martina Sturm, Ernährungsberaterin Annemarie Stein und zwei Köche sind am Start. Das Essen ist nahrhaft und ausgewogen, perfekt abgestimmt, für den Normalsterblichen vielleicht etwas gewürzarm. Und doch: Es fehlt an nichts.  

Kovac, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, überlässt nichts dem Zufall, das macht er sowieso nie, doch jetzt, da die Winterpause historisch kurz ist und alle im Eintracht-Zirkel inständig hoffen, einen brachialen Absturz wie in der vergangenen Rückrunde vermeiden zu können, erst recht nicht. Die Zeit in Spanien ist knapp bemessen, fünfeinhalb Tage wollen sinnvoll genutzt sein. Danach geht es schon schnurstracks auf den Rückrundenauftakt gegen den SC Freiburg zu. Die Breisgauer haben eigens einen Spion ins Eintracht-Camp nach Südspanien geschickt, um taktische Winkelzüge zu enttarnen. Big Brother is watching you. Ob das wirklich was bringt? Es gehört im heutigen Zeitalter, da in der Branche viel Sinn und noch mehr Unsinn unter dem Deckmäntelchen der Professionalisierung betrieben wird, wohl einfach dazu. Sehr wahrscheinlich wird auch die Eintracht einen Späher ins Freiburger Trainingslager ins 550 Kilometer entfernte Sotogrande entsendet haben.

Kovac bereitet seine Mannschaft im Campoamor nahe Murcia ohne viel Ablenkung und Tamtam auf den Rückrundenstart vor. Sein Team schottet er ab, Medientermine für die 13 mitgereisten Journalisten sind nur begrenzt und unter Aufsicht möglich, der Trainer selbst wird nur einmal, am Samstag nach dem dreimal 45-minütigen Testspiel gegen den Zweitligisten FC Erzgebirge Aue, zur Presse sprechen. Der Fußballlehrer wünscht nicht, dass seine Spieler en passant von den Medienschaffenden angesprochen werden. Den noch immer angeschlagenen David Abraham mal kurz fragen, wann er wieder ins Training wird einsteigen können – nicht möglich, nicht erwünscht. Als zwei Kollegen einen kurz Plausch mit Kevin-Prince Boateng hielten, schritt Kovac sofort ein. Der Spieler wies seinen Trainer daraufhin, dass er selbst die Reporter angesprochen habe. Dann störe die Journalisten bitte nicht bei ihrer Arbeit, hat Kovac seinem Leitwolf augenzwinkernd geantwortet. Seinen Humor hat er bei aller Anspannung nicht verloren, der erfolgshungrige Niko Kovac. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare