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Der gewohnte Absturz von Eintracht Frankfurt

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Von: Thomas Kilchenstein

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Schmallippig: Eintracht-Trainer Oliver Glasner.
Schmallippig: Eintracht-Trainer Oliver Glasner. © Imago

Auch Eintracht-Trainer Oliver Glasner kann das Frankfurter Phänomen des Absturzes in der Rückrunde noch nicht beheben.

Frankfurt - Seit Dienstag, nach den zwei freien Ostertagen, startet der Frankfurter Trainer Oliver Glasner einen erneuten Versuch, die taumelnde Mannschaft aufs richtige Gleis zu setzen und nach sechs sieglosen Spielen in der Liga endlich wieder einen dreifachen Erfolg zu feiern. Borussia Mönchengladbach ist der nächste Gegner, Samstagabend, 18.30 Uhr im Stadtwald, nicht ungefährlich, wer ist das schon, aber um nicht weiter durchgereicht zu werden, ist ein Dreierpack praktisch alternativlos.

Aus einer Krise herauszukommen, ist kompliziert, oft weiß man gar nicht, wieso es plötzlich wieder flutscht. Bei Eintracht Frankfurt flutscht im Augenblick nicht so viel - sieht man einmal vom lockeren 2:0 gegen indisponierte Berliner im Pokal ab. Spielerisch lässt sich das in den letzten Spielen halbwegs ordentlich an, doch es fehlt an Durchschlagskraft, an Effizienz. Die Hessen betreiben enorm viel Aufwand für relativ wenig Ertrag.

Eintracht Frankfurt: Kolo Muani überragt

Das ist insofern erstaunlich, denn im Frankfurter Angriff bricht ein Randal Kolo Muani (19 Pflichtspieltore, 14 Vorlagen) praktisch Spieltag für Spieltag einen neuen persönlichen Rekord, man stelle sich nur mal vor, der Franzose würde nicht derart überragend spielen. Bemerkenswert ist auch: Die Frankfurter Misere ist benannt - wenig sattelfeste Defensive, zu viele einfache Fehler, Schwächen bei defensiven wie offensiven Standards, außer Kolo Muani verströmt kaum einer Torgefahr - und doch findet Trainer Glasner bislang kein adäquates Mittel dagegen,

Klar: Es fehlt ein Jesper Lindström (Bänderriss), es fehlen seine Sprints in die Tiefe, es fehlt seine Schnelligkeit. Es fehlte auch lange in Eric Dina Ebimbe einer, der dieses Tempo über außen hätte bringen können. Ohnehin sind die Außen - Philipp Max, Christopher Lenz, Aurelio Buta - Spieler, die zuerst defensiv denken und dann ins Risiko gehen. Das war früher bei Filip Kostic und Ansgar Knauff komplett anders, beide sind gerne nach vorne marschiert. Knauff sieht inzwischen seine Zukunft in Frankfurt und nicht bei Borussia Dortmund, nun geht es um die Höhe der Ablösesumme. Zehn Millionen Euro, wie der BVB angedeutet hat, werden die Hessen sicher nicht zahlen, allenfalls die Hälfte.

Dazu kommt, dass ein Daichi Kamada, der über die Feiertage mitgeteilt hat, die Eintracht definitiv zu verlassen, seit der WM komplett außer Form ist, zwölf seiner 13 Tore in 38 Pflichtspielen, hat er in 2022 erzielt, in diesem Jahr hat er nur im Pokal gegen Darmstadt 98 getroffen. Seine Tore und Vorlagen fehlen, und er fehlt als Doppelpasspartner für Mario Götze, der - um seine Stärken zur Geltung zu bringen - zwingend Spielpartner braucht.

Eintracht Frankfurt: Es ruckelt und rumpelt also in der kreativen Abteilung

Es ruckelt und rumpelt also in der kreativen Abteilung, und folglich ist es doppelt schlimm, wenn zudem die Defensive wackelt und stetig, auch das zieht sich durch die ganze Runde, vermeidbare Gegentore kassiert. Und jetzt beißt sich die Katze in den Schwanz, wie Djibril Sow sagt: „Wenn du hinten nicht so sattelfest bist, dann must du vorne treffen.“ Das klappt freilich auch nicht, ein Teufelskreis.

Hinten ist Eintracht Frankfurt nicht gut aufgestellt, auch die Neuzugänge, etwa Jerome Onguene (wieder an RB Salzburg verliehen) oder Hrvoje Smolcic (Knie-OP) vermochten die Lücke, die Martin Hinteregger gerissen hat, nicht zu stopfen. Almamy Touré, dessen Vertrag im Sommer nicht verlängert wird, spielt gar keine Rolle mehr. Dass der Kader insgesamt nicht austariert ist, hat die FR schon im vergangenen Spätsommer moniert.

Und zum zweiten Mal in Folge brechen die Frankfurter in der Rückrunde dramatisch ein, kein neues Phänomen in Frankfurt. In 2021/22 lagen sie zur Halbzeit mit 27 Punkten auf Platz sechs (und wurden Elfter mit 42 Zählern). Das fiel wegen des Sensationstriumphs von Sevilla nicht ins Gewicht. In diesem Winter lagen sie auf Platz vier (mit 31 Punkten) und stehen jetzt bei 41 Punkten.

Im Herbst galten sie tatsächlich als ernsthafter Bayern-Jäger, am 16. Spieltag rangierten sie auf Platz zwei. Eine Wiederholung dieses frappierenden Absturz wollte Trainer Glasner unbedingt verhindern. Er hat es nicht gepackt und viele Probleme nicht lösen können. Doch wie konnte dies nur geschehen? Im Grunde fehlt aus der Mannschaft des goldenen Herbsts derzeit nur Lindström. Trotzdem ist der Flow komplett weg. Setzt man jetzt alles auf die Karte DFB-Pokal?

Eintracht Frankfurt: Vertrauen aufs Unbewährte

Glasner, der in diesen Tagen ungewohnt unsouverän auf nicht mal kritische Fragen reagiert, hat es noch nicht geschafft, den Turnaround zu schaffen. Er verändert auch wenig, taktisch wie personell, lässt meist dieselben Profis spielen, etwa den unglückliche Rafael Borré. Der Coach hat aber auch kaum einen Profi aus der zweiten Reihe, etwa Faride Alidou, Lucas Alario, Paxton Aaranson besser gemacht oder wie Kristijan Jakic, Touré oder Knauff stabilisieren können. Im Übrigen ein Kritikpunkt, den auch Sportvorstand Markus Krösche formuliert hat. Diese Spieler nun plötzlich hineinzuwerfen in die Startelf, mal etwas Neues zu probieren, wäre möglich, teils vielleicht auch sinnvoll, würde aber allen bisherigen Entscheidungen des Trainers entgegenstehen.

Eintracht Frankfurt ist inzwischen von der Konkurrenz ausgelesen, jeder weiß, wie den Hessen beizukommen ist. Die Eintracht hat ein bisschen ihre Identität verloren, ist bei allem Eifer und Willen nicht mehr bei sich, wie das Glasner stets verlangt hat. Zurückzukommen ist schwer. Siege würden helfen. (Thomas Kilchenstein)

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