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Mag nicht mehr hinsehen: Eintracht-Trainer Thomas Schaaf.

Eintracht Frankfurt

Völlig konzeptlos

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In Mainz lässt sich Eintracht Frankfurt wieder einmal ohne ersichtlichen Grund von einem nicht gerade übermächtigen Gegner den Schneid abkaufen.

Am Tag nach der fast schon erwarteten Pleite beim Nachbarn aus Mainz (eine halbe Autostunde oder drei Schiffsstunden entfernt) hat Trainer Thomas Schaaf seine Mannschaft erst einmal um sich geschart und einige Minuten auf sie eingeredet. Nach der klaren Ansprache am Sonntagmorgen stand dann unwiderruflich fest: Die Partie vom Vortag würde Eintracht Frankfurt auch in der Nachbesprechung nicht mehr gewinnen können. Schade eigentlich.

Die Spieler waren auch am Sonntag, 16 Stunden nach der 1:3-Schlappe von Mainz, noch einigermaßen konsterniert. Sie konnten selbst nach einer unruhigen Nacht nicht fassen, weshalb sie es in schöner Regelmäßigkeit nicht schaffen, einen Vorsprung über die Zeit zu retten und sich die Punkte, die fast schon auf dem Silbertablett serviert werden, noch wegschnappen lassen. Die Eintracht hat mittlerweile 18 Punkte verschenkt, wenn sie in Führung lag. Das klingt grotesk. Das ist unglaublich. „Mir fällt dazu nichts mehr ein“, sagte Stefan Aigner, der in Mainz noch als einer der wenigen seine Normalform erreichte und die Frankfurter mit seinem siebten Saisontreffer (sechs in den letzten acht Partien) in Führung schoss (35.). „Doch was dann passiert, ist unerklärlich“, wie Aigner befand.

Schaaf: "Wir haben viele Dinge verändert"

Die Eintracht brach auseinander, ließ sich in die Einzelteile zerlegen, nicht nur in Mainz, auch zum Rückrundenauftakt in Freiburg kamen die Frankfurter nach einer Führung unter die Räder, mit 1:4. Es ist kaum zu glauben, wie sich die Mannschaft den Schneid abkaufen und in die Ecke drängen lässt und wie paralysiert nur noch auf den finalen Niederschlag wartet. „Wir haben jetzt den 22. Spieltag und müssen jedes Mal dieselben Scheißfragen beantworten“, sagte ein entnervter Torwart Kevin Trapp. Es war eher eine Selbstanklage.

Trainer Thomas Schaaf findet diesen fehlenden Behauptungswillen „ärgerlich“, aber ganz offenkundig sind die Resultate und Spielabläufe kein Zufall. „Wir können mit dem Vorteil des Vorsprungs nicht umgehen“, bemerkte er. Die Gründe seien in dem Umwälzungsprozess im Sommer zu suchen. „Wir sind alle ungeduldig, wir alle wollen eine Entwicklung. Aber vielleicht schaffen wir das noch nicht, vielleicht ist es zu früh.“ In jedem Fall „treten wir auf der Stelle“, das sei zwar nicht zufriedenstellend, aber nicht zu ändern. „Auch wenn es langweilig klingt: Aber wir sind einfach in einem Umbruch, wir haben im Sommer viele Dinge verändert.“ Das Merkwürdige an diesem Umbruch: Auch nach 22 Spieltagen ist keine Entwicklung zu erkennen. Wenn überhaupt, ist sie rückläufig. Ende des alten Jahres war die Mannschaft schon definitiv mal weiter als nach fast einem Drittel der Rückrunde.

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In Mainz dauerte es nach der Führung nur drei Minuten, ehe die Platzherren durch Christian Clemens egalisieren konnten. Dem Tor war eine bemerkenswerte Frankfurter Fehlerkette vorausgegangen. Für Trainer Schaaf ist das ein altbekanntes Phänomen. „Man ist immer dann am anfälligsten, einen Gegentreffer zu bekommen, wenn man selbst gerade ein Tor geschossen hat“, analysierte er. „Da spielen dann auch die Euphorie und die Glückshormone eine Rolle.“ Die würden die Sinne ein wenig vernebeln. Sportdirektor Bruno Hübner wurde da konkreter: „Wir waren da viel zu naiv, da fehlt mir auch die Überzeugung, das Tor unbedingt verhindern zu wollen.“ Oder es ist eine Frage der Qualität und des fehlenden Defensivkonzepts. 44 Gegentore sind kein Zufall. Die Schießbude der Liga hat nach der kurzzeitigen Schließung gegen Schalke (1:0) wieder geöffnet.

Was folgte, war nur schwerlich zu erklären. Mit einem Doppelschlag zu Beginn des zweiten Abschnitts durch Johannes Geis (47.) und Yunus Malli (50.) waren die Frankfurter schon ausgeknockt. Die Leistung des Teams im zweiten Abschnitt war an Harmlosigkeit und Hilflosigkeit kaum zu überbieten, es war eine peinliche, fast schon lachhafte Vorstellung der Hessen. „Wir haben völlig versagt“, gestand Alexander Meier.

Man hat sich verzettelt

Die Eintracht ließ sich vom Spielverlauf aus dem Konzept bringen, die Spieler rieben sich in Privatduellen auf, meckerten, zeterten und zerrten. Sie verzettelten sich. „Wir haben uns nicht mehr auf Fußball konzentriert, sondern nur noch auf die Treterei“, kritisierte Marco Russ zurecht. „Der Fokus muss auf dem Fußball liegen, nicht auf diesem Rumgehacke.“ Natürlich habe man gewusst, was einem in Mainz erwartet. „Wir haben ja gesehen, wie sich der neue Trainer präsentiert hat, dass er über Emotionen und Leidenschaft kommt“, erklärte Sportdirektor Hübner. Aber weshalb sich sein Ensemble dann irgendwann gar nicht mehr zu wehren vermochte, das konnte er nicht beantworten: „Wir sind zu brav, wir haben nicht genügend dagegengehalten.“ Oder halt nur auf eine Art und Weise. Denn die Eintracht hat sich mittlerweile auch zu einer unangenehmen Mannschaft entwickelt, die häufiger Foul spielt und meckert als die meisten anderen. 54 Gelbe Karten sind jedenfalls Ligaspitze. In Mainz erwischte es auch Haris Seferovic, der völlig außer Tritt geratene Schweizer ließ sich – wie so oft zuletzt – zu einem Frustfoul hinreißen und sah die fünfte Gelbe. Er wird der Eintracht gegen Hamburg fehlen.

Da muss sich die Eintracht etwas einfallen lassen: In Mainz reichte es nur noch zu einem wilden, ideenlosen Spiel. Da stand eine Mannschaft auf dem Platz, die kein Konzept verfolgte, sondern eine, die ihr Heil in einer Art Hauruckfußball ohne Masterplan versuchte. „Wenn wir mal den Ball hatten, was ja selten war, haben wir ihn nach vorne gebolzt“, sagte Stefan Aigner. Diese Zeiten schienen in Frankfurt eigentlich der Vergangenheit anzugehören. Oder eben nicht.

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