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Frankfurt in der Europa League: Eintracht muckt jetzt schon gegen Barcelona auf

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Von: Ingo Durstewitz

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Ein Highlight jagt das nächste: Kaum hat Eintracht Frankfurt das Viertelfinale der Europa League erreicht, geht es gegen den FC Barcelona - den ruhmreichsten Klubs der Welt.

Frankfurt - Am Tag nach dem unkontrollierten Ausbruch der Gefühle herrschte Business as usual im Frankfurter Stadtwald. Erst mal zumindest. Keine Spuren mehr von Ekstase und freigesetzten Glückshormonen, die erwachsene Menschen wie kleine Kinder umhertollen ließen, ein ganzes Stadion beinahe zum Wanken gebracht hatten und einen total „geflashten“ Oliver Glasner zurückließen. Der Eintracht-Trainer konnte sich am späten Donnerstagabend gar nicht ausmalen, wie es in diesem Tollhaus zugehen würde, wenn nicht nur 25 000 Fans, sondern die doppelte Menge zugegen gewesen wäre. „Ich habe diese Stimmung hier jetzt einmal erlebt“, sagte er zu dem, was er zuvor nur vom Hörensagen kannte, nun aber auf und unter der Haut erlebt hat. „Wir lechzen nach einem vollen Haus.“

Selbst der erfahrene Torwart Kevin Trapp, der schon so manchen Gipfel gestürmt und tiefe Täler durchschritten hat, suchte nach diesem an Dramatik kaum zu überbietenden Einzug ins Viertelfinale der Europa League nach Worten. „Das war von den Emotionen her in den Top five. Einfach unfassbar, das kannst du nicht übertreffen“, sagte der Keeper. „Alle drehen durch, das ganze Stadion will aufs Feld rennen und sich gegenseitig umarmen. Das ist Fußball, dafür spielen wir Fußball.“

Torwart Trapp vor Frankfurter Jubeltraube. Foto: Imago images
Torwart Trapp vor Frankfurter Jubeltraube. © IMAGO/Jan Huebner

Eintracht Frankfurt: Kevin Trapp für Länderspiele nominiert

Trapp, der am Freitag von Bundestrainer Hansi Flick verdientermaßen zur anstehenden Länderspielreise berufen wurde und den Vorzug vor Bernd Leno erhielt, hatte nach dem von Martin Hinteregger erzwungenen 1:1-Ausgleich in der Nachspielzeit der Verlängerung im Achtelfinale gegen Betis Sevilla zu einem strammen 100-Meter-Jubelsprint übers ganze Feld angesetzt, der selbst Carl Lewis zu Ehren gereicht hätte. Ausnahmezustand.

Am Tag danach sitzen Coach Oliver Glasner und Sportvorstand Markus Krösche auf dem Podium im kargen PK-Raum im Bauch des Stadions und versuchen, das Erlebte und Bevorstehende einigermaßen nüchtern einzuordnen. Das ist nicht so leicht, denn zur Mittagszeit am Freitag flattert schon die nächste aufregende Kunde ins Haus. Die Auslosung der Viertelfinalspiele beschert Eintracht Frankfurt nämlich den renommiertesten, aber auch mit Abstand schwersten Gegner im Topf: den ruhmreichen FC Barcelona. Ein Hammerlos. Gar keine Frage. „Das ist ein anspruchsvoller Topgegner“, untertreibt Manager Krösche, der aber nicht so wirkt, als wolle er schon vorab die weiße Fahne hissen und das große Duell als netten Reputationsfaktor nutzen. „Das wäre die völlig falsche Herangehensweise“, sagt er. Im Gegenteil. „Unser Anspruch und unser Ziel bleibt ganz klar das Halbfinale.“ Die kleine Eintracht muckt auf, sie macht sich groß. Camp Nou soll nicht die Endstation der Reise sein. Nur ein frommer Wunsch? Realitätsferne?

Goncalo Pacienca und der Rest von Eintracht Frankfurt feiern den Sieg in der Europa League.
Goncalo Pacienca und der Rest von Eintracht Frankfurt feiern das Tor in der Europa League gegen Betis Sevilla. © Arne Dedert/dpa

Eintracht Frankfurt: Glasner stimmt Mannschaft auf Kracher ein

Nein. Findet auch Cheftrainer Glasner, der zwar von einem der „größten und schillerndsten Namen im europäischen Fußball“ spricht, seine Mannschaft in der Außenseiterrolle wähnt, aber sich durchaus reelle Chancen ausrechnet, den 26-fachen Meister auszuschalten. „Wer gegen den Fünften der spanischen Liga weiterkommt, kann das auch gegen den Dritten schaffen“, sagt der 47-Jährige.

Die Eintracht tritt am 7. April zu Hause an, eine Woche später geht es nach Barcelona ins legendäre Camp Nou, in dem zumindest Kevin Trapp als Torwart von Paris St. Germain in der Königsklasse schon mal aufgelaufen ist, beim 1:6 (nach 4:0-Sieg im Hinspiel) aber die schwärzeste Stunde seiner Karriere erleben musste. Geschichte soll sich dieses Mal nicht wiederholen.

Eintracht Frankfurt in der Europa League: Glasner stimmt Team auf FC Barcelona ein

Oliver Glasner stimmte seine Mannschaft schon am Freitag auf den Kracher ein. Als sich im Besprechungsraum nach dem Barcelona-Los das Raunen gelegt hatte und die Spieler tuschelnd dem Ausgang entgegenstrebten, ermahnte sie der Trainer, sie mögen sich doch bitte noch anschauen, wer der mögliche Gegner im Halbfinale sein könnte, nämlich West Ham United oder Olympique Lyon am 28. April und 5. Mai. „Ich habe ihnen gesagt: Mit Barcelona ist es nicht vorbei. Es geht mir darum, dass wir nicht in Ehrfurcht erstarren.“ Sondern eben an die Chance glauben, so wie es Frankfurter Mannschaften auf diesem Niveau und in diesem Wettbewerb stets zu tun pflegen.

Die Eintracht wird gegen Barcelona natürlich zwei Sahnetage, zwei perfekte Spiele erwischen müssen, wenn sie die Chance am Leben erhalten will, wie vor drei Jahren auf ihrer abenteuerlichen und mitreißenden Reise ins Halbfinale einzuziehen. Dieser Kraftakt vom Donnerstagabend dient als Mutmacher, er wirkt nach, irgendwie hat es die Eintracht wieder geschafft, in den Europapokalmodus zu schalten, man hat das Gefühl, dass dieser Mannschaft noch eine ganze Menge zuzutrauen ist – vielleicht sogar gegen den turmhohen Favoriten.

Eintracht Frankfurt bleibt in Europa League ungeschlagen

Auch in dieser zu Beginn eher unspektakulären Europa-League-Saison ist sie bisher ungeschlagen geblieben, sie hat in Antwerpen, Piräus und Sevilla gewonnen und bei Fenerbahce nicht verloren. Und sie hat im Rückspiel gegen Betis Widerständen getrotzt und das drohende Ausscheiden abgewendet – durch den spätesten Treffer, der in der Geschichte der Europa League jemals erzielt wurde.

Es war eine pure Willensleistung, wie Martin Hinteregger sich in der letzten Sekunde in den Freistoß von Filip Kostic warf und den Ball mit Hilfe von Betis-Verteidiger Guido Rodriguez im Tor unterbrachte. Es gab wohl keinen im Stadion, der sich nicht für den lange in einem Formtief steckenden Verteidiger freute. „Martin hat es erzwungen mit allem, was er hatte“, sagte Glasner. „Er hat sogar eine Verletzung riskiert.“ In der Tat ist der Österreicher mit einer bemerkenswerten Furcht- und Rücksichtslosigkeit in diese letzte Flanke hineingeflogen – als gebe es kein Morgen. „Es hat perfekt gepasst, dass Hinti das Tor gemacht hat“, fand Kapitän Sebastian Rode.

Eintracht Frankfurt: Lob von Trainer Oliver Glasner

Auch dem Südhessen imponierte die Art und Weise, wie seine Mannschaft die nächste Runde erreicht hat. „Das Wie war wieder etwas ganz Besonderes.“ Nach eintracht-typischer Machart nämlich, einfach immer weitermachen, nie aufgeben, immer daran glauben, nie zweifeln. „Dieses Spiel hat alles geboten, für was die Euro-Eintracht steht“, fand auch Oliver Glasner. „Die Last-Minute-Eintracht ist wieder da.“

Der Fußballlehrer lobte sein Ensemble überschwänglich. „Riesenkompliment, ich bin unheimlich stolz, freue mich riesig.“ Gegen Betis war die Eintracht über zwei Spiele gesehen die bessere Mannschaft, kam insgesamt verdient weiter, auch „wenn wir im Rückspiel nicht unser bestes Spiel gemacht haben“, wie Djibril Sow sagte. Die Eintracht musste leiden für die nächste Runde, das 0:1 in der letzten Minute der regulären Spielzeit war ein Tiefschlag, von dem sich die Mannschaft erst einmal erholen muss. Geistig und körperlich. „In der 90. Minute bricht die Fußballwelt zusammen“, beschreibt es der Trainer. „Und nach 120 Minuten strahlt sie dann rosarot.“ So eng, man weiß es, liegen Freud und Leid beieinander.

Nun gilt es für die Eintracht erst einmal, den Alltag zu bewältigen, am Sonntag (15.30 Uhr/Dazn) geht es zu Topklub RB Leipzig. Eine hohe Hürde. „Doch die Herangehensweise bleibt gleich“, sagt Glasner. „Wir fahren dahin, um zu gewinnen.“ Wie nach Barcelona, Mitte April. (Ingo Durstewitz)

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