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In diesem Stadion wird der Ball rollen - aber ohne Fans.

Eintracht in Marseille

Verrammeltes Traumdomizil

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Die Frankfurter haben sich gefreut, das darf man sagen, wie kleine Kinder, dass sie einmal den Großkopferten ein Schnippchen schlagen konnten im Pokalfinale und in die Europa League einzogen.

Stell dir vor, du hast dich seit fünf Jahren darauf gefreut, mit deinen Freunden in den Zirkus in der großen Stadt zu gehen. Ein fast unerreichbarer Traum, auf dem Weg lagen große Hindernisse. Du musstest besser sein als alle Konkurrenten, obwohl viele von ihnen größer und stärker sind als du. Im Lauf der Zeit kamen immer mehr Konkurrenten dazu, denen auch noch ihr großer Bruder helfen durfte. Und doch hast du es nach diesen elend langen fünf Jahren wieder mal geschafft – du hast auf der letzten Etappe zum großen Ziel selbst den absoluten Zirkus-experten übertrumpft. Welch ein Jubel!

Stell dir vor, in diesem Moment heißt es: Tja, tut uns leid, aber jetzt darf gerade niemand in den Zirkus in der großen Stadt – weil die anderen Kinder böse waren. Blöd, aber du musst ebenfalls draußen bleiben.

Du bist todtraurig, aber dann sagst du: Was soll’s, dann fahre ich eben mit meinen Freunden einfach nur in die große Stadt, auch wenn wir nicht in den Zirkus dürfen. Hauptsache, wir sind unserem Traum wenigstens nahe. Darauf heißt es: Sorry, in die große Stadt dürft ihr auch nicht. Ihr habt zwar nichts angestellt, im Gegenteil, ihr seid bekannt für die beste Stimmung, wenn ihr alle Jubeljahre mal in die besonderen Zirkusse dürft. Aber trotzdem. Ihr müsst erst mal draußen bleiben. Ganz draußen.

Klar, die Fans von Eintracht Frankfurt sind keine Kinder, jedenfalls nicht alle, und der Fußball ist kein Zirkus, jedenfalls nicht immer. Aber die Frankfurter haben sich gefreut, das darf man sagen, wie kleine Kinder, dass sie einmal den Großkopferten ein Schnippchen schlagen konnten im Pokalfinale und in die Europa League einzogen. Dann auch noch Losglück, drei Traumreiseziele, darunter Marseille mit seinem berühmten Stadion.

Eine Tragödie, dass die Uefa angeblich nicht anders konnte, als ausgerechnet die Eintracht zum ersten Gegner von Olympique Marseille in dessen verrammeltem Domizil zu bestimmen. Ein Skandal, dass Marseille nichts Besseres zu tun hat, als zusätzlich alle Frankfurter aus der ganzen Stadt auszusperren.

Haben diese Leute vor fünf Jahren geschlafen, als die Frankfurter Fans eine Atmosphäre von Freundschaft und Zusammengehörigkeit durch Europa trugen? Haben sie nicht hingeschaut, als in Bordeaux und Porto fröhliche Hessen den Fußball feierten und das Leben?

Vor allem: Hat denn keiner mehr im Sinn, welch großartige Botschafter die 2000 Frankfurter waren, die vor fünf Jahren zum Auswärtsspiel nach Tel Aviv fuhren? Viele von ihnen feierten mit den Israelis, besuchten auch die Gedenkstätte Yad Vashem, applaudierten im Stadion zum Schluss sogar voller Respekt dem Gegner.

Der Fußball gehört den Fans. Nicht den Leuten, die Geld haben und noch mehr Geld verdienen wollen. Das muss leider immer wieder betont werden, heute stärker denn je. Wer friedliche Fans aussperrt, tötet den Fußball. Sollte es heute in Marseille zu Auseinandersetzungen kommen, ist das auch eine Folge der Entwicklung in den vergangenen Jahren, die auf Profit setzt statt auf Herzblut. Mag sein, dass es ein paar Menschen toll finden, wenn der erste Transfer eines Profikickers die Schallgrenze von einer Milliarde Euro übersteigt. Mag aber auch sein, dass diese Menschen dann allein im Stadion sitzen – nein, eher vor einem von fünf verschiedenen Endgeräten, die man dann braucht, um Fußball in bewegten Bildern zu sehen.

So platt es klingt: Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner guckt zu. Der Tag wird kommen.

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