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Einer, der mal für viel Geld veräußert werden könnte: Talent Evan Ndicka.

Analyse

Veredeln und verkaufen

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Wie Eintracht Frankfurt weiter nach oben kraxeln will.

Am Montagabend, zu später Stunde, ist Axel Hellmann im Fernsehstudio des Hessischen Rundfunks vorstellig geworden. Der Eintracht-Vorstand scheut sich nicht, die regionalen Medien zu bedienen, während Sportchef Fredi Bobic eher die nationalen Sendeanstalten auf dem Schirm hat, um seine Botschaften zu verbreiten. 

Der 47-Jährige hat im TV-Studio eigens den Europapokal-Anzug übergestreift, den alle Vorstände und Aufsichtsräte erhalten haben, im Futter eingestickt der Slogan: „Zu Hause in Europa.“ Für Hellmann ein sinnbildlicher Akt. „Wir wollten symbolisieren, dass das für uns Feiertage sind. Ich glaube, dass das ein Impuls ist, den eine Mannschaft merken kann. Wenn die Spieler wissen, das ist denen wichtig, das ist etwas Besonderes.“ Es gehe darum, auch auf dieser eher metaphorischen Ebene alles auszureizen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. „Wenn man als Mittelklasseklub wie Eintracht Frankfurt Erfolg haben und diese sehr schwere Gruppe überstehen will, muss man an allen Stellschrauben drehen.“ 

Die  Geschichte von David, der Goliath besiegt 

Dass die Europa League für die Hessen etwas ganz Spezielles ist, ist längst klar. „Es gibt bei uns eine besondere Sehnsucht und Ernsthaftigkeit gegenüber Europa und diesem Wettbewerb. Die Hütte ist voll, die Spiele ausverkauft, jeder zelebriert Europa, und dieser Virus überträgt sich auf die Mannschaft.“

Der grandiose Pokalsieg im Mai und die Teilnahme am Europapokal haben der Eintracht ein Zugewinn an Renommee und Reputation verschafft. „Dieser Pokalsieg wurde rund um den Globus zur Kenntnis genommen, weil er eine wunderbare David-besiegt-Goliath-Geschichte ist“, sagte Hellmann im HR-Heimspiel. „Die Aufmerksamkeit ist größer geworden und man nimmt einen Klub wie Eintracht Frankfurt anders wahr.“ Doch dann schob der Marketingvorstand ein dickes Aber nach. Denn der Triumph im Pokal und die internationale Teilnahme werden nicht helfen, die Eintracht auf ein anderes Niveau oder aus dem Stand in die Phalanx der Topklubs zu hieven. „Es ist nicht so einfach, weil ein solcher Erfolg ein singuläres, einmaliges Ereignis ist. Wenn wir jetzt fünf Jahre lang Euro League oder Champions League spielen würden – dann wäre das etwas anderes, weil man dauerhaft wahrgenommen werden würde. Wir sind erst am Anfang eines Weges, auf dem wir sagen: Wir stoßen in die Top-10-Sphäre vor. Wir sind immer noch ein Klub, der irgendwo zwischen Platz acht und 13 hin- und herpendeln kann. Das ist auch unsere Positionierung, was unseren Spieleretat angeht. Wir müssen realistisch bleiben. Mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten aus dem einmaligen Ereignis Pokalsieg wird es uns nicht gelingen, Stars zu halten.“ 

Durch die Teilnahme am Europacup hat sich der Investitionsspielraum aber erweitert. Die Europa League ist so lukrativ wie nie zuvor, die Uefa schüttet sehr viel mehr Geld aus als im vergangenen Jahr, insgesamt 560 Millionen Euro – in der Saison davor waren es nur 381 Millionen. Fix ist die Startprämie: 2,92 Millionen Euro gibt es für jeden Teilnehmer der Gruppenphase. Für jeden Sieg, wie jetzt in Marseille, klingeln zusätzlich 570 000 Euro in der Kasse. Ein Remis bringt immerhin 190 000 Euro. Prämien gibt es zudem für den Gruppensieger (eine Million Euro) und den zweiten Platz (500 000 Euro). Für das Erreichen des Sechzehntelfinals werden eine halbe Million Euro ausgeschüttet, fürs Achtelfinale weitere 1,1 Millionen Euro. 

Zudem war es wichtig, dass sich die Eintracht wieder fürs internationale Geschäft qualifiziert hat, sonst wäre sie aus der TV-Fünfjahreswertung geflogen. Aus diesem internationalen Fernsehgeldtopf erhält die Eintracht seit ihrer Teilnahme 2013/14 jährlich rund 3,8 Millionen Euro. Auch die DFL verteilt Geld aus der Auslandsvermarktung. DFL-Chef Christian Seifert hat vorgerechnet, dass ein Starter, der in der Gruppenphase zehn Punkte einspielt, aus diesem Pool über Jahre gesehen mit 18,5 Millionen Euro entlohnt wird. Ein ganz schönes Stück vom Kuchen. Hellmann kalkuliert mit rund 18 Millionen Euro durch die Europa League. 

Das ist Geld, das die Eintracht gut gebrauchen kann, um konkurrenzfähig zu bleiben. Denn an vielen Stellschrauben lässt sich nicht mehr drehen. „Wir sind ausverkauft, haben 13 Premium-Partner und in der Summe 54 Sponsor-Partner. So viele hatten wir noch nie, wir sind so gut aufgestellt, wie wir es noch nie waren“, sagte Hellmann und schob nach: „Im Stadion sind wir ausgereizt, bei der Fernsehgeld-Verteilung gibt’s nicht mehr viel zu holen – wir haben das Ende der Fahnenstange unserer originären Erlöse erreicht. Die Wahrheit ist auch: Unsere Kostensituation – die altbekannte Debatte über das Thema Stadion und Vermarktung – ist schlecht. Ich habe die Verträge damals nicht abgeschlossen, aber ich muss mit ihnen leben. Eine bessere Entwicklung werden wir erst ab 2020 hinbekommen, wenn wir uns mit der Stadt auf einen anderen Stadiondeal einigen.“ 

30 Millionen Euro beträgt das Eigenkapital

So sieht es auch Aufsichtsrat Philip Holzer, der im Interview mit der FR ähnlich argumentiert. Holzer, einst Investmentbanker, war es auch, der vor einigen Monaten gemeinsam mit dem der Eintracht ebenfalls stark zugeneigten Unternehmer Stephen Orenstein für eine Erhöhung der Kapitalbasis um 15 Millionen Euro sorgte. 

Für die nun laufende Runde sind die Zahlen beeindruckend: fast 30 Millionen Euro beträgt das Eigenkapital, der Gesamtumsatz mehr als 150 Millionen Euro, der Personaletat mehr als 50 Millionen Euro. Zudem gibt es ein Investitionsspielraum von rund 30 Millionen Euro. Doch auch die Ausgabenseite ist gestiegen, die Eintracht investiert in viele Geschäftsfelder, sie hat einige Großprojekte vor der Brust: Der Neubau der Geschäftsstelle, der geplante Ausbau des Stadions oder die Digitalisierungsoffensive. Die Frankfurter haben überdies einen sehr viel größeren Mitarbeiterstab als noch vor einigen Jahren, darunter auch viele fähige Fachkräfte, die, das ist nur logisch und auch legitim, ihren Preis haben. 

Und so werden die Frankfurter weiterhin versuchen, mal den großen Coup auf dem Transfermarkt zu landen, aber eher auf der abgebenden Seite. Im Sommer schon hätte die Eintracht Stürmer Ante Rebic für 30 Millionen Euro verkaufen können, doch sie hätte einen Gutteil der Ablöse an den vorherigen Verein des Kroaten, den AC Florenz, abtreten müssen. So entschieden die Verantwortlichen, den 24-Jährigen mit allen Mitteln halten zu wollen. Dafür haben sie seinen Vertrag um ein Jahr verlängert und ihn zum Topverdiener gemacht. Auch darauf muss man immer achten: Das Gehaltsniveau eines Kaders darf nicht explosionsartig wachsen, sondern sukzessive. 

Hellmann hofft auch darauf, mal ein Juwel in den eigenen Reihen zu haben und es dann verkaufen zu können. „Unser Ziel ist es daher, Spieler günstig zu bekommen, sie zu veredeln, sie weiterzuentwickeln und zu einem höheren Preis abzugeben. Das wird auch in Zukunft unser Weg sein. Nur nicht mehr auf dem Niveau, dass wir für eine Million einkaufen und für sechs oder acht Millionen verkaufen. Sondern auf dem Niveau, dass wir für sechs- bis acht einkaufen und für jenseits der 20 Millionen verkaufen. Unser Weg führt über eine Transferpolitik, die wertbildend ist.“ Einer, der dafür in Frage kommt: Evan Ndicka, 19 Jahre jung, und ziemlich gut für sein Alter. 

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