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VAR da was?

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Der Stoß: Während Mats Hummels sich dem Ball entgegenwirft, wird Jesper Lindström von Karim Adeyemi umgestoßen.
Der Stoß: Während Mats Hummels sich dem Ball entgegenwirft, wird Jesper Lindström von Karim Adeyemi umgestoßen. © Lindström

Im turbulenten Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und Dortmund übersieht Schiedsrichter Stegemann ein glasklares Foul an Lindström. Noch viel schlimmer: Videoassistent Kampka greift nicht ein.

Es muss schon etwas Besonderes vorgefallen sein, wenn Axel Hellmann in offizieller Mission in die Mixed Zone des Waldstadions schreitet, um seine Sicht der Dinge darzulegen. In der Vergangenheit passierte das meistens, wenn die Fans mal wieder gewaltig über die Stränge geschlagen hatten, doch am Samstagabend suchte der Vorstandssprecher der Frankfurter Eintracht das Gespräch mit dem Medienschaffenden, weil er eine grundsätzliche Botschaft auszusenden hatte, das große Ganze in den Mittelpunkt rückte. „Ich äußere mich so gut wie nie zu sportlichen Themen“, hob der 51-Jährige nach der absurd anmutenden 1:2 (1:1)-Niederlage gegen Borussia Dortmund an. „Aber wir stehen vor einem Problem, das offenkundig geworden ist.“ Ein massives Problem.

Hellmann meint die nun seit fünf Jahren tobende Debatte um den Videoschiedsrichter, der für mehr Gerechtigkeit auf den Spielfeldern der Bundesliga sorgen sollte, gefühlt aber nur deutlich mehr Verdruss hervorruft. Auf allen Ebenen, vereinsübergreifend. Seit Samstagabend hat die fortwährende Diskussion einen neuen Höhepunkt erreicht und eine andere Dimension angenommen. „Wir schwächen die Souveränität der Schiris auf dem Platz, wir machen sie zu Kasperln“, wettert der langjährige Eintracht-Vorstand, der aus gegebenem Anlass das Zusammenspiel des Kölner Kellers mit dem Unparteiischen im Stadion anprangerte. Seiner Auffassung nach würden die Referees beschädigt, ohne dass sich etwas verbessert hätte. „Wir kommen nicht zu einer gerechten Betrachtung. Dem muss man sich mal stellen. So wie es jetzt läuft, kann es nicht mehr laufen.“

Im konkreten Fall geht es um eine gravierende Fehlentscheidung des Schiedsrichters auf dem Platz und eine noch gravierende des Herren in Köln vor dem Monitor, der seinen Partner quasi ins Verderben laufen ließ. Kurz vor der Halbzeit passierte im Bundesligaspiel zwischen der Eintracht und Borussia Dortmund beim Stand von 1:1 dieses: BVB-Profi Karim Adeyemi schubste den einschussbereiten Frankfurter Stürmer Jesper Lindström drei, vier Meter vor dem Tor mit beiden Händen von hinten in den Rücken, so dass der Däne den Halt verlor und nach vorne umkippte. Strafstoß wäre die einzig richtige Konsequenz gewesen, womöglich gar noch eine persönliche Bestrafung für den Dortmunder Spieler.

Schiedsrichter Sascha Stegemann aber entschied auf Freistoß – für die Borussia, weil Lindström beim Sturz mit der Hand auf den Ball fiel. Nahezu grotesk. Schlimmer wurde es dennoch, weil aus dem Kölner Keller in Person von Robert Kampka keine Intervention erfolgte. Auch das ist abenteuerlich, denn: Ein klareres Foulspiel gibt es kaum mehr, es ist völlig schleierhaft, wie ein ausgebildeter Schiedsrichter diese Zuwiderhandlung nach Studium der TV-Bilder nicht richtig bewerten und an den Referee auf dem Feld weitergeben kann. Unerklärlich.

Schiri Stegemann, der ohnehin überfordert wirkte, keine Linie hatte und eine denkbar schwache Performance bot, räumte ein, in Echtzeit einer falscher Wahrnehmung aufgesessen zu sein. „Auf dem Spielfeld dachte ich, es sei ein normaler Körperkontakt gewesen. Ich habe kein klares Foul erkannt. Ich habe das auch zum VAR nach Köln transportiert. Dort wurde die Situation gecheckt und nicht als falsch eingeschätzt“, sagte der Unparteiische. „Nach dem Studium der Zeitlupenbilder muss ich konstatieren, dass es Strafstoß hätte geben müssen. Es gibt einen klaren Impuls mit beiden Händen.“

Stegemann hat eine unruhige Nacht hinter sich, wie er anderntags im Doppelpass bei Sport1 erzählte. „Sie war kurz und nicht sonderlich entspannt.“ Er sei enttäuscht darüber, dass es ihm und seinem Team nicht gelungen sei, die richtige Entscheidung zu treffen. „Wir fragen uns: Warum und wieso?“ Es sei falsch gewesen, in Köln den „Check-Prozess zu früh abgebrochen“ zu haben. Zudem, klärte er auf, gebe es ein Standard-Setup mit vier verschiedenen Kameraperspektiven, auf denen Kollege Kampka offenbar das Foul nicht als solches erkannte. „Leider wurde nicht auf weitere zusätzliche Kameras zurückgegriffen, obwohl die Möglichkeit da gewesen wäre.“

Das ist fürwahr unverständlich, genauso wie der nicht erfolgte aktive Eingriff Stegemanns selbst, denn die Frage ist ja, weshalb sich ein Stürmer vier Meter vor dem leeren Tor überhaupt fallen lassen sollte. „Da muss der Schiedsrichter die Souveränität haben und sagen: Das schaue ich mir an“, betont Axel Hellmann und spricht von einer „lebensnahen Betrachtung: Als Stürmer schließe ich diese Situation ab.“

Interessant: Der seit 2002 in Mainz lebende Sachse Kampka ist vom DFB vor zwei Jahren degradiert worden, darf seitdem nicht mehr in der Bundesliga pfeifen. Der Abstieg eines Referees ist im undurchsichtigen Schiedsrichterwesen äußerst ungewöhnlich. Und: Das Tandem Stegemann/Kampka hat schon häufiger für Aufregung gesorgt, etwa Ende des vergangenen Jahres, als dem Hamburger SV im Spiel gegen Hannover 96 ein glasklarer Elfmeter verweigert wurde und die Niedersachsen letztlich mit 1:0 siegten.

Ein weiteres Mal stand Robert Kampka, in Görlitz geboren und im Brotberuf Bundeswehr-Truppenarzt, im Mittelpunkt: Im DFB-Pokalhalbfinale 2019 zwischen Werder Bremen und Bayern München korrigierte er als Videoassistent einen falschen Elfmeterpfiff von Daniel Siebert nicht, weshalb die Bayern 3:2 gewannen. Kampka wurde daraufhin fürs folgende Spiel als Vierter Offizieller abgezogen. Und nun? Logisch wäre es, wenn sein Aussetzer erneut persönliche Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Ein ähnlich schlechtes Bild wie die Referees gab übrigens auch der Dortmunder Übeltäter Adeyemi ab, der die Chuzpe hatte und sein unzweifelhaftes und für jedermann ersichtliches Vergehen in unverhohlener Dreistigkeit abzustreiten. „Das war gar kein Foul, ich war Körper an Körper mit ihn“, sagte Adeyemi. „Es war schon richtig vom Schiri.“ Auf Nachfrage, ob er den Unmut der Frankfurter verstehen könne, grinste er frech: „Das ist deren Sachen, das ist mir ganz egal.“ Etwas mehr Sportsgeist dürfte es schon sein, erst recht für einen deutschen Nationalspieler, der nicht nur in der verbalen Aufarbeitung völlig danebenlag, sondern auch auf dem Feld eine miserable Leistung zeigte. Da muss einer noch ganz viel lernen.

Im Eintracht-Zirkel war der Ärger groß, Sportvorstand Markus Krösche polterte: „Das geht mir tierisch auf den Sack. Das ist ein Witz.“ Die Entscheidungen des VAR seien willkürlich, „wir haben 840-mal mit ihnen darüber gesprochen, aber ich weiß es nicht mehr, ich habe keine Ahnung“, monierte der 42-Jährige. „Das ist Freestyle.“

Krösche hat kein Problem mit Fehlern des Hauptschiedsrichters, aber eben mit jenen am Bildschirm. „Dann stampft den Keller ein“, wetterte er. Auch Trainer Oliver Glasner findet: „Der Schiedsrichter ist im Stich gelassen worden.“ So sieht es auch Vorstandssprecher Hellmann. Für ihn steht außer Frage, dass der Spielleiter besser geschützt werden müsse. „Er hat die Entscheidungshoheit, die Souveränität auf dem Platz ist das höchste Gut.“ Und wenn die weg ist, wird ein Spiel eben immer hitziger und die Stimmung aggressiver. „Das Spiel ist ihm aus der Hand geglitten“, urteilte Kapitän Sebastian Rode.

Zur Nebensache geriet sogar, dass das Duo Stegemann/Kampka noch mehr fragwürdige Entscheidungen traf, sicher in der 59. Minute, als BVB-Verteidiger Niklas Süle den Eintracht-Kreativen Mario Götze von hinten schubste, so dass dieser in den überragenden BVB-Keeper Gregor Kobel rutschte. Auch da hätte es Strafstoß geben können, eigentlich müssen. Sonderbar überdies: Schiedsrichter Stegemann entschied auf Freistoß für Dortmund. Nicht der einzige seltsame Pfiff an diesem emotionalen Abend im Stadtwald.

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