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Sehr bemüht, aber sehr unglücklich: Eintracht-Neuzugang Lucas Torro (oben) kann die Erwartungen bisher nicht erfüllen.

Eintracht Frankfurt

Vakuum im Eintracht-Kosmos

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Es gibt hausgemachte Gründe für den Fehlstart des Frankfurter Bundesligisten. Eine Analyse.

Die Aussagekraft der Vorbereitungsspiele    im Profifußball tendiert nicht immer, aber doch häufig genug gen null, viele Partien in aller Freundschaft sind ein Muster ohne Wert, die den Ernstfall simulieren sollen, aber nicht können. Manchmal aber sind sehr wohl Tendenzen und Strömungen zu erkennen – wenn man die Warnsignale ernst nimmt. Die deutsche Nationalmannschaft etwa ging bei der WM auch deshalb krachend zu Boden, weil sie sich in Sicherheit wähnte. Wenn es darauf ankomme, werde man gewiss das wahre Gesicht und alte Stärke zeigen. Hat dann nicht so gut geklappt. 

Bei Eintracht Frankfurt lief es bisher ganz ähnlich, von den sieben präsaisonalen Begegnungen haben die Hessen nur zwei gewonnen, die allererste gegen den Verbandsligisten Offenburg (7:1) und die andere gegen den Drittligisten Wehen Wiesbaden (6:2). Die letzten beiden Privatkicks verlor die Eintracht gegen Kontrahenten aus Italien, 0:2 gegen FC Empoli, 1:2 gegen SPAL Ferrara. Und so ging es denn auch weiter, als die Vorbereitung endete und die ersten beiden Pflichtspiele anstanden: peinliches 0:5 im Supercup gegen den FC Bayern, blamables Pokalaus in Ulm. Das frühe Scheitern des Titelverteidigers mag vordergründig eine Sensation sein, doch bei genauerer Betrachtung hatte sich die Schlappe beim Viertligisten angedeutet. 

Das lag nicht nur an den Ergebnissen in der Vorbereitung, sondern an den Leistungen der Mannschaft. In neun Partien der neuen Saison hat die Eintracht genau eine gute Halbzeit gespielt, die zweite in Wiesbaden, da standen im Übrigen acht Akteure auf dem Platz, die am Samstag in Ulm nicht zur Anfangself zählten, zwei davon sind mittlerweile aussortiert und in die Trainingsgruppe zwei gesteckt worden: Marc Stendera und Simon Falette. 

Es ist nicht so, dass diese beiden nun das Niveau derart anheben würden, dass man sich um die Eintracht gar keine Sorgen mehr machen müsste. Aber es bleibt die Frage, weshalb nun insgesamt schon sieben Spieler abgeschoben wurden. Das ist eine Frage des Stils, eine Frage des Umgangs. So etwas gab es bei Eintracht Frankfurt früher nicht, und dass man sich auf eine Stufe mit der TSG Hoffenheim stellt, die sich damals mit ihrer berühmten Trainingsgruppe zwei um Tim Wiese zum Gespött gemacht hatte, wirkt etwas befremdlich. 

Zudem: Mit solch einer Maßnahme sinkt der Marktwert der Spieler, die man ja abgeben will. Und die Verantwortlichen nehmen eine Spaltung des Teams bewusst in Kauf: Es kommt innerhalb der Gruppe nicht gut an, wenn verdiente oder langjährige Mitstreiter ohne ersichtlichen Grund und ohne sich etwas zuschulden haben kommen lassen ausgegrenzt werden. 

Sportdirektor Bruno Hübner wartete mit einer eigentümlichen Erklärung auf. Es gebe keine erste oder zweite Trainingsgruppe, sondern eine „zusätzliche“ Einheit. „Es geht darum, effektives Training anzubieten, das geht nur mit einer gewissen Anzahl von Spielern.“ Und weiter: „Ich glaube, dass das für alle Beteiligten eine gute Geschichte ist und es von allen gut aufgenommen wird.“ Eine steile These. 

Die Kaderstärke ist durch die Verbannung der sieben Akteure urplötzlich arg geschrumpft, sodass Trainer Adi Hütter jetzt nur noch rund 20 Feldspieler zur Verfügung stehen, wenn man Youngster wie Noel Knothe und Deji Beyreuther sowie einen Langzeitverletzten wie Timothy Chandler nicht mitzählt. Die Krux an der Geschichte: Zu diesem Aufgebot zählen auch die sechs Neuzugänge, von denen bisher keiner so wirklich seine Befähigung nachweisen   konnte. Evan Ndicka und Chico Geraldes standen bisher noch gar nicht im Aufgebot, Allan saß in Ulm auf der Bank, blieb aber ohne Einsatz. Lucas Torro spielte beide Male von Beginn an, offenbarte aber große Defizite, immerhin traf Concalo Paciencia direkt nach seiner Einwechslung per Kopf. Nicolai Müller hat wohl die größten Chancen, alsbald in die erste Elf zu rutschen. Bei Ndicka ist die Veranlagung zu erkennen. 

Und doch bleibt die Frage, weshalb Spieler geholt wurden, die in Portugal bei Rio Ave (Geraldes) oder in Spanien bei Zweitligist Osasuna (Torro) oder auf Zypern bei Apollon Limassol (Allan) ihr Geld verdienten. Offenbar hat Chefscout und Kaderplaner Ben Manga in den Spielern etwas gesehen, was viele andere nicht entdeckt haben und was die Spieler erst noch beweisen müssen – wenn sie es können. Natürlich ist es korrekt, dass die Neuen Zeit benötigen, um sich einzugewöhnen und anzupassen, aber das wird nur klappen, wenn das generelle Niveau ausreichend für die Bundesliga ist. Da sind zumindest Zweifel angebracht. 

Zumal auch Trainer Hütter die Profis noch nicht so weit sieht, sonst würde er sie häufiger einsetzen. Nach dem Aus in Ulm sagte er: „Es ist eine Frage der Philosophie, ob man auf Dauer auf junge Spieler setzt und ihnen eine Chance gibt.“ Indes: So jung sind die Neuen nicht mehr, Geraldes ist 23, Torro und Paciencia 24, Müller fast 31. Allan ist 21, aber nur ausgeliehen. Nur Ndicka ist wirklich blutjung, 19 Jahre alt. 

Der Trainer wirkt ohnehin wie ein Suchender, der eigentlich eine andere Fußballphilosophie hat, nun aber seine Vorstellungen auf die Fähigkeiten der Mannschaft runterbrechen muss. Das endet zurzeit darin, dass auf dem Feld ein Vakuum in punkto System und Taktik entsteht. Was die Mannschaft spielen kann, soll oder will, lässt sich nicht ausmachen. 

Auffällig ist indes, dass die Widerspenstigkeit auf der Strecke geblieben ist, dieses Unbeugsame ist verfolgen. „Uns hat auch ein bisschen Herz gefehlt“, sagte Verteidiger Danny da Costa. Mentalitätsmonster, wie lange Zeit unter Ex-Coach Niko Kovac, sind die Frankfurter nicht mehr. Im Gegenteil: Spieler winken häufiger mal ab, beschweren sich, auch untereinander. Das Ganze wirkt wenig harmonisch, es hakt an allen Ecken und Enden. Wie fit das Team ist, wird sich ebenfalls noch weisen müssen: Das Training ist längst nicht so hart wie unter Kovac, Jetro Willems etwa hat schon um Extraschichten gebeten. 

Die schlechte Form einiger Spieler ist überdies alarmierend: Kapitän David Abraham ist kaum mehr wiederzuerkennen, ein ausgemachtes Sicherheitsrisiko. Die WM-Fahrer Makoto Hasebe und Carlos Salcedo wirken merklich uninspiriert und unfit. „Die Nationalspieler können noch gar nicht in Form sein“, beschwichtigt Manager Hübner, der von der Qualität des Kaders überzeugt ist: „Es ist nicht die Zeit, die Mannschaft oder das Ganze in Frage zu stellen.“ Vertrauen, das die Spieler auf dem Feld zurückzahlten sollten – wenn sie es, rein qualitativ gesehen, denn können. 

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