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Danny Blum: Die Freude über den Ausgleich in Dortmund währte nicht lange.

Interview Danny Blum

"Und dann kam die Explosion"

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Profi Danny Blum im Interview über den Frust der Tribünenhocker, wie er mit den vielen Rückschlägen umgeht, seine Explosion der Gefühle in Dortmund und weshalb er jetzt weniger Fleisch isst.

Hinter Danny Blum liegt keine einfache Zeit. Monatelang stand der 27-Jährige gar nicht im Kader der Eintracht, in dieser Saison sowieso nur sechsmal, zweimal kam er zu kurzen Einsätzen, einen völlig missratenen in Mainz Ende Oktober - und einen elfminütigen jetzt am Sonntag in Dortmund - prompt schoss der Frankenthaler sein erstes Saisontor. Es war das 2:2 in der Nachspielzeit, dem dann doch noch der 2:3-Niederschlag folgte. Für Blum, der auch im Pokal in Schweinfurt traf, war das Erlebnis dennoch wichtig, er wertet es als Wendepunkt, hofft darauf, dass es nun wieder aufwärts geht.

Der Linksfuß, der zum Islam konvertiert ist, wird immer wieder von Blessuren oder Krankheiten zurückgeworfen, mal eine Mandeloperation, dann eine Knieverletzung oder muskuläre Probleme. Auch ein Grund, weshalb er selbst  in der abgelaufenen Runde nur auf 14 Einsätze kam – dreimal stand er überhaupt nur in der Startformation. Blum steckte aber nie auf, kämpfte sich oft zurück.

Herr Blum, wir wollen mal direkt auf Ihren exaltierten Torjubel in Dortmund zu sprechen kommen. Das war ja ein Ausbruch, förmlich eine Explosion der Gefühle.
Da sind die Emotionen mit mir durchgegangen. Ich war jetzt lange raus, meistens durch Verletzungen, und wenn man dann mal die Chance bekommt, dann will man sie nutzen. Und dann freut man sich schon mal auf diese Art und Weise.

Umso bitterer, dass Sie mit Ihrem Treffer in der Nachspielzeit nicht der Held des Abends wurden, weil die Dortmunder postwendend das 3:2 gemacht haben.
Das Wort Held würde ich da nicht benutzen. Es war natürlich eine merkwürdige Situation: In dem einen Moment habe ich mich tierisch gefreut, weil ich der Mannschaft in so einer wichtigen Phase helfen konnte. Und wenn du dann kurz vor Schluss so ein dummes Tor kassierst, dann ärgerst du dich doppelt und dreifach. Denn der Trainer hat schon so oft angesprochen, wie wir uns in solchen Situationen verhalten sollen. Deshalb ist es umso bitterer.

Wie war dieses Spiel in Dortmund für persönlich, Sie waren ja schon lange nicht mehr dabei, und auf einmal sind Sie quasi vom Schatten ins Rampenlicht katapultiert worden.
Das, was ich davor erlebt habe, war die Kehrseite der Medaille. Was durfte ich in den vergangenen vier, fünf Monaten alles über mich lesen? Dass ich verkauft werde solle im Winter, dass ich emotionslos trainieren würde. Und was weiß ich, was alles. Aber viele Leute wissen gar nicht, wie hart ich trainiere, auch privat. Viele wissen gar nicht, was ich für ein Mensch bin. Und dass ich alles dafür tue, dass der Verein und die Mannschaft Erfolg haben können. Das steht im Vordergrund, und ich würde alles dafür in Kauf nehmen, Hauptsache, es funktioniert. Und wenn ich der Mannschaft dann persönlich helfen kann, dann freue ich mich umso mehr. Das Tor in Dortmund war die passende Antwort für das, was über mich alles geschrieben wurde.

Jetzt müssen wir doch mal nachfragen, wer genau was über Sie geschrieben hat.
Ich weiß gar nicht genau, welche Zeitung. Ich meine es generell, auch User im Internet, in den sozialen Netzwerken oder Onlineportale. Wenn ich sehe, was da geschrieben wird, dann fange ich innerlich an zu brodeln. Diese Leute wissen gar nicht, dass ich einen eigenen Athletiktrainer habe, den ich selbst bezahle, und der mir hilft, dass ich topfit zurück auf den Platz komme.

Also war das für Sie auch eine Genugtuung am Sonntag?
Ich habe mir immer gesagt: Es wird der Tag kommen, an dem alle wieder etwas von mir wissen wollen. Und dieser Tag war am Sonntag. Und es freut mich umso mehr, dass ich am ersten Tag, an dem ich meine Chance bekam, direkt zugestochen habe. Das ist für mich ein Signal gewesen. Ich weiß jetzt, dass sich die harte Arbeit, die ich investiert habe, dass der viele Schweiß, den ich gelassen habe, dass sich das bezahlt gemacht hat. Ich habe auch im Winterurlaub dreimal am Tag trainiert, ich tue alles, um mich so in Form zu bringen, dass ich eine Alternative bin.

Wie war das, als Sie in Dortmund eingewechselt werden sollten?
Man malt sich solche Situationen ja auch aus, wie das ist, wenn man reinkommt. Am Sonntag war es so, dass ich eingewechselt werden sollte, aber dann haben wir das 1:1 gemacht. Da hieß es dann: „Warte noch mal.“ Da dachte ich nur: ,Oh Mann, ich bin doch so bereit gerade.‘ Ich hatte so ein gutes Gefühl. Erst zwei Tage vor dem Spiel hatte ich noch mal mit meinem privaten Athletiktrainer trainiert, da hatte ich auch schon das Gefühl: ,Ich bin so richtig spritzig, total frisch.‘ Ich war auf den Punkt fokussiert. Das ist ja auch nicht immer so. Als ich in Mainz eingewechselt wurde, da kam ich gar nicht rein ins Spiel. Und jetzt war ich von der ersten Sekunde gleich da. Ich hatte gleich einen guten Ballkontakt. Und es ist ja so: Über die kleinen Schritte kommst du rein, um dann die großen Schritte zu machen. Ich hatte zwei, drei gute Aktionen, da dachte ich schon: ,Okay, du bist gut im Spiel, heute könnte was gehen‘. Und ich weiß, dass ich manchmal nur eine Aktion brauche, um ein Spiel entscheiden zu können. Als dann der Ball von Danny da Costa reinkam, da wusste ich, ich werde vor meinem Gegenspieler am Ball sein und ihn reinmachen. Und dann kam die Explosion.

Wie war die Zeit, in der Sie gar nicht mehr im Kader waren?
Ich war lange nicht dabei, und irgendwann besteht die Gefahr, dass man sich daran gewöhnt. Denn ich habe ja auch gesehen, dass es die Jungs gutmachen und wir nicht umsonst da oben stehen. Dann muss man persönlich zurückstecken, man darf sich niemals über die Mannschaft und den Verein stellen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Man muss sein Ego zurückstellen, aber vielleicht bekommt man irgendwann doch mehr zurück als man selbst erwartet.

Aber wie schafft man es, die Motivation immer weiter hochzuhalten?
Das ist nicht leicht, keine Frage. Das ging ja bei mir mehrere Monate so. Nehmen wir die Situation zu Beginn der Rückrunde. Ich war topfit, gegen Freiburg war ich noch im Kader. Aber dann habe ich Probleme mit der Wade bekommen, es war doch eine etwas größere Geschichte. Dann war ich wieder vier Wochen raus, und das muss man erst mal aufholen. Vier Wochen hört sich für einen Außenstehenden vielleicht nicht mal so viel an, aber ich sage Ihnen: Nach einer Woche ist man wieder wie bei Null. Auf diesem Niveau ist es so, als würde man wieder von vorne beginnen. Und das ist schon ein Rückschlag, und dann muss man sich wieder heranarbeiten. Das ist nicht einfach.

Was haben Sie getan, um schnell wieder fit zu werden?
Trainiert. Ohne Ende. Wir hatten einmal ein paar Tage frei, aber selbst da habe ich mit dem Trainer abgesprochen, dass ich mit meinem privaten Athletiktrainer zweimal am Tag was machen möchte, um noch frischer zurückzukommen.

Was machen Sie dann genau?
Ich trainiere in der CrossFit Box in Frankfurt, Marius Wolf und ich gehen da häufiger hin. Aber wir melden das beim Trainer an, damit er über alles Bescheid weiß.

Wie groß ist die Gefahr, in ein Loch zu fallen? Oder helfen auch Leidensgenossen wie Marc Stendera?
Man muss mental schon komplett auf der Höhe sein. Wenn du mental zusammenbrichst, dann besteht die Gefahr, dass du in dem Job nicht mehr weit kommst. Die Situation ist nicht leicht. Die, die am Spieltag nicht dabei sind, versuchen schon, Spaß zu haben, wir pushen uns, damit nicht jeder ein langes Gesicht zieht. Denn es ist ja so: Du bereitest dich die ganze Woche darauf vor, um am Wochenende das Highlight zu erleben, und wenn du da halt lange nicht dabei bist, dann tut das auch weh. Denn du möchtest da unten auf dem Platz stehen, es ist das, was du liebst. Aber ich warte halt auf diesen einen Moment, und auf den arbeite ich so gewissenhaft hin, bis er da ist. In diesem Moment möchte ich voll da sein, dafür musst du aber in jedem Training zeigen, dass du es willst. Das geht nicht, wenn man keinen Bock hat und den Kopf hängen lässt.

Hatten Sie schon Durchhänger?
Klar, aber da hat mir meine Familie geholfen. Und mein Berater Samy Wagner. Er hat mir jetzt am Sonntag gleich geschrieben und gesagt: „Siehst du, du hast es dir verdient, jetzt ist es passiert.“ Ich habe mich bei ihm bedankt, denn er musste sich immer mein Gejammer und Gejaule anhören. Es ist doch klar, dass es nicht leicht ist, wenn du trainiert, trainierst, trainierst, aber nicht spielen darfst. Es gab viele Phasen, in denen ich down war und ich nicht wusste, wie es weitergehen soll.

Hilft Ihnen da auch Ihr Glauben?
Klar. Mein Glauben spielt immer eine Rolle, da ziehe ich mich zurück, kann in mich gehen. Dann sehe ich das Ganze aus einer anderen Perspektive. Aber in dem aktuellen Moment sind Menschen wichtig, die mich auch in schlechten Tagen stützen.

Stand mal ein Vereinswechsel im Raum?
Natürlich überlegt man, ob man hier noch eine Zukunft hat. Man zweifelt manchmal, klar. Aber ich habe nicht umsonst einen Vertrag bis 2020 unterschrieben. Und wenn die Eintracht mich nicht mehr wollen würde, hätte sie mir wahrscheinlich schon im Sommer signalisiert: „Danny, bis hier hin, aber nicht weiter, such dir bitte was anderes.“ Aber so war es nicht. Und auch mein Berater sagte mir immer: „Wenn es so wäre, hätten sie schon lange angerufen und gesagt: Bereitet euch auf einen Wechsel vor.“ Ich habe dann auch ein Gespräch mit dem Trainer gesucht, und er hat mir auch bestätigt, dass das nicht der Fall ist.

Mit Niko Kovac gibt es demnach keine Dissonanzen?
Nein, überhaupt nicht. Ich verstehe ihn ja, wir sind 25, 26 Spieler. Wenn da jeder jeden Tag mit ihm reden wollte, würde er zu gar nichts mehr kommen. Nein, der Trainer ist absolut top. Hut ab, was wir mit ihm erreicht haben. Da darf sich niemand beschweren.

Sie haben es selbst angesprochen: In wie weit glauben Sie, dass die Verletzungen Sie gebremst haben? Denkt man da nicht manchmal: „Meine Güte, warum immer ich?“
Das denke ich mir jedes Mal. Ich hinterfrage mich dann aber selbst, frage mich, was machst du falsch, kannst du was ändern? Im Moment bin ich gerade dabei, meine Ernährung umzustellen. Ich esse nicht mehr so viel Fleisch, obwohl ich ein leidenschaftlicher Fleischesser bin. Ich versuche, alles unterzuordnen. Ich habe mir auch – in Absprache mit den Ärzten – viele ergänzende Präparate zugelegt. Ich versuche wirklich alles, um fit zu sein und gesund zu bleiben. Wenn du etwas erreichen willst, musst du dafür leben. Das ist nicht leicht, denn du willst ja auch das machen, was die Freunde, die du schon ein Leben lang kennst, machen. Aber ich habe gelernt, zu trennen. Privat und Job muss man einfach trennen, das muss alles passen und stimmig sein. Ansonsten geht es nie bergauf, sondern nur bergab.

Sportdirektor Bruno Hübner sagte im Trainingslager im Januar in Spanien, dass er Potenzial in Ihnen sehe, und es sei schon ein Erfolg, wenn Sie für nur 20 Minuten funktionieren würden und Sie vielleicht der beste Einwechselspieler der Liga werden würden. Wir mussten da erst mal schmunzeln, wie erging es Ihnen?
Ich habe das bis jetzt noch nicht gehört, aber ich würde das als Kompliment auffassen. Wenn ich der beste Einwechselspieler der Liga wäre, wäre ich damit momentan zufrieden. Auch wenn ich natürlich mehr möchte. Aber das würde ich aktuell unterschreiben. Zurzeit ist aber Luka Jovic der beste Joker der Bundesliga. Aber der Junge ist ja auch der Wahnsinn.

Sie haben doch eigentlich alles: Schnelligkeit und einen klasse Schuss. Weshalb ist der Durchbruch nicht gelungen?
Immer, wenn ich kurz davor war, haben mich Verletzungen rausgehauen. Das ist einfach so. In der letzten Saison habe ich mich vor dem Spiel gegen die Bayern im Training verletzt. Da kam der Trainer zu mir und sagte: „Wieso jetzt, du wärst meine Geheimwaffe gegen die Bayern gewesen.“ Tja, das tut natürlich verdammt weh, aber man kann es nicht ändern. Und dann kommt man wieder in die Spirale und grübelt: Was habe ich falsch gemacht? Warum passiert das? Habe ich zu viel trainiert? Manchmal ist es wie verhext.

Was auch hängenbleibt irgendwie, das ist dieser letzte Freistoß in der letzten Minute im Pokalfinale, den sie auf Kniehöhe reingeschlagen haben. Erzählen Sie doch mal.
Den habe ich total vermasselt. Der Trainer sagte noch, ich solle ihn auf die zweite Stange hinten schlagen, das war auch mein Plan. Ich hatte da aber wahrscheinlich zwei Gedanken. Denn wenn ich Standards schlage, gebe ich da schon Pfeffer rein, weil ich denke, der Ball muss wie eine Bombe reinfliegen. Aber ich wollte ihn auch nicht zu fest reinhauen. Und dann ist mir das Ding komplett missraten. Im Nachhinein denke ich sowieso, es wäre besser gewesen, wenn Basti (der mittlerweile zu Schalke 04 abgewanderte Linksverteidiger Bastian Oczipka; Anm. d. Red.) geschossen hätte und ich mich am Sechzehner postiert hätte. Aber in dem Moment war es halt so. Ärgerlich, aber es lässt sich nicht mehr ändern.

Was ist jetzt noch drin für die Eintracht?
Am Samstag gegen Mainz, das wird ein schwieriges Spiel. Wir müssen geduldig spielen, dürfen nicht in Hektik verfallen. Aber wir müssen gewinnen, denn wir wollen den Anschluss nach oben auf gar keinen Fall verlieren.

Europa ist greifbar nahe.
Wir stehen verdient da oben. Wir haben immer konstant gespielt, und wir haben uns in der Rückserie nach dem Trainingslager im spielerischen Bereich verbessert. Es ist kein Zufall, dass wir da stehen. Glück kannst du haben, aber keine ganze Saison über. Irgendwann ist das Glück aufgebraucht. Es ist alles eng beieinander. Wir sind ja auch noch im Pokalhalbfinale. Zum zweiten Mal hintereinander. Das darf man auch nicht vergessen. Schalke ist gut, aber auf einem schmalen Grat unterwegs, immer zwischen Sieg und Niederlage. Sie sind auf jeden Fall schlagbar und zu knacken. Es warten jedenfalls noch geile Spiele auf uns.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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