Hatte es verdammt schwer da vorne allein auf weiter Flur: Eintracht-Stürmer André Silva (vorne), hier gegen Upamecano.
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Hatte es verdammt schwer da vorne allein auf weiter Flur: Eintracht-Stürmer André Silva (vorne), hier gegen Upamecano.

Personal

Umgebaut und Punkt gesaugt

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht-Trainer Adi Hütter überrascht mit ungewohntem Personal und freut sich über ein „gutes Unentschieden“ gegen das Spitzenteam aus Leipzig.

Ein wenig perplex wirkte er schon, der unverzagte Vorkämpfer Stefan Ilsanker, als Eintracht-Medienchef Jan Martin Strasheim dessen Auftritt auf dem Fußballfeld mit einem einzigen Wort umschreiben wollte: Staubsauger. Strasheim hatte das ausnahmslos anerkennend gemeint, doch weil Ilsanker etwas verdutzt-ratlos dreinblickte und mit dem Dieter-Eilts-Prinzip von vor fast zweieinhalb Jahrzehnten bei der EM 1996 nicht sonderlich vertraut schien, schob der Frankfurter Pressemann rasch nach: „Alles weggefiedelt, was wegzufiedeln war.“ Richtig so.

Ilsanker aber wiegelte pflichtbewusst ab, das sei ja nur sein Job, und überhaupt: Wenn man gegen ein Topteam wie Leipzig keinen vor der Abwehr habe, „der sich voll reinhaut und alles wegräumt, dann sieht es nicht so rosig aus.“ So tutti-frutti-rosarot sah es nach 92 Minuten im kalten Frankfurt am Samstagabend denn auch nicht aus, aber weit weg von rabenschwarz, eher so in der Mitte. In Fußballdeutsch: Unentschieden, Eintracht eins, Leipzig eins.

Für die Frankfurter ist das Resultat nebst ansprechender Vorstellung sicherlich ein Mutmacher und ein Stimmungsaufheller, der starke Torwart Kevin Trapp ordnet das Remis als „gutes Unentschieden“ ein, also nicht so wie die Unentschieden gegen Bielefeld, Köln, Bremen, die waren schlecht. Ein Pünktchen ist zwar nicht das, was einen in der Tabelle besonders weit nach vorne katapultiert, erst recht dann nicht, wenn man aus acht Partien schon fünfmal nur einen Zähler erreicht hat, aber gegen einen ambitionierten Champions-League-Teilnehmer ist es doch aller Ehren wert. Zumal das 1:1 (1:0) nicht ergaunert war oder in höchstem Maße glücklich zustande gekommen ist, es ist letztlich ein leistungsgerechtes Ergebnis, wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Leipzig insgesamt die gefälligere und schnellere Spielanlage zu verzeichnen hatte – eine Überraschung ist das nicht.

Die Eintracht aber hielt mit all ihren Primärtugenden dagegen, brachte Adrenalin, Gift und Galle ins Spiel. „Wir waren sehr, sehr aggressiv. Mit unserer Härte ist Leipzig nicht wirklich klargekommen“, sagte Rechtsverteidiger Erik Durm, der es erstmals in den Kader und dann gleich in die Startformation geschafft hatte (siehe weiteren Bericht auf Seite 19). Eine Einschätzung, die selbst der Kontrahent nahezu vorbehaltlos teilt. „Die Eintracht ist extrem unangenehm“, rekapitulierte RB-Torwart Peter Gulacsi. „Das ist eine körperlich robuste Mannschaft.“

Stellvertretend dafür steht eben jener Ilsanker, die staubsaugende Kampfmaschine vor der Abwehr. Der Österreicher war in den vergangenen Wochen zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, zu fehleranfällig und holprig sei sein Spiel. Trainer Adi Hütter schützte und stützte seinen Landsmann, der 31-Jährige zahlte es jetzt mit einer kämpferisch tadellosen Leistung zurück. „Er hat sich aufgeopfert, die anderen mitgezogen und versucht, die Jungs verbal zu pushen“, urteilte der Coach. „Ich weiß, dass er kritisch gesehen wird, aber manchmal muss man die richtige Antwort auf dem Platz geben.“

Ilsanker bleibt also gesetzt, ansonsten baute der Fußballlehrer seine Mannschaft erstmals in dieser Saison ordentlich um, nahm gleich fünf Änderungen vor und beorderte vier Akteure (Durm, Barkok, Sow, Ndicka) in die Anfangself, die dieses Privileg in dieser Runde noch nicht genießen durften. Durchaus mutig.

Hinten setzte der Coach auf eine Mischform aus Dreier-, Vierer- und Fünferkette. Makoto Hasebe, der kluge Routinier, fiel dieser Variante zum Opfer. „Kein Problem für Makoto“, betonte Hütter, der eigens das Gespräch mit dem Japaner gesucht hatte. Für den fast 37-Jährigen verteidigte hinten der 21 Jahre alte Evan Ndicka.

Für Hütter nicht nur, aber im Ansatz auch eine politische Entscheidung. „Er ist ein toller Spieler, er muss spielen aufgrund seiner Qualität.“ Das ist unbestritten, der Franzose bringt alles mit, was ein Klasse-Verteidiger auf diesem Niveau benötigt, und er zeigte gegen Leipzig eine rundweg abgezockte Vorstellung. Aber Hütter dachte auch schon weiter, etwa an die Altersstruktur im Team. „Wir haben die älteste Mannschaft der Bundesliga“, sagte der Trainer. „Das ist nicht das, was ich unbedingt sehen möchte.“

Und bei Ndicka geht es auch darum, ihn aufzubieten, damit er, salopp formuliert, nicht auf dumme Gedanken kommt und einen Wechsel in Betracht ziehen könnte. „Wir haben junge, talentierte Spieler, wenn sie länger nicht spielen, haben sie vielleicht andere Ideen.“ Mit Ndicka ließe sich, davon mal abgesehen, auch noch viel Geld verdienen. In Corona-Zeiten ein nicht zu unterschätzender Fakt.

In der Defensive stand die Eintracht gegen die Bullen sehr sicher, „wir haben kaum etwas zugelassen“, lobte der Trainer, der gleich mehrfach die „taktische Disziplin“ hervorhob. Die ging freilich zulasten der Offensive, da blieb doch vieles Stückwerk. „Das Spiel nach vorne kann man besser machen, spielerisch war es ein bisschen wenig“, bemängelte der 50-Jährige. So blieb es bei dem Tor von Aymen Barkok (43.), einer Chance von Filip Kostic (47.) und einer von André Silva (78.). Auf der anderen Seite hatten die Sachen nicht viel mehr zu bieten, Yussuf Poulsen traf sehenswert zum Endstand (57.).

Klar ist: Mit ähnlich konzentrierten und feurigen Auftritten wie am Samstag hätte die Eintracht schon ein paar Pünktchen mehr eingesackt – so aber bleibt das Gefühl, einfach nur auf der Stelle zu treten – gutes Unentschieden hin oder her.

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