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Über den Wolken

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Von: Thomas Stillbauer

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Königsklasse – und die Eintracht ist mit dabei. Seltsam irgendwie.
Königsklasse – und die Eintracht ist mit dabei. Seltsam irgendwie. © afp

Für die Jungen, für die Nachzügler ist die Teilnahme der Eintracht an der Champions League womöglich eine stringente Sache – für die Alten ist es immer noch unfassbar.

Schon seltsam irgendwie. Champions League. Na gut, wenn du vor zwei, drei, vier Jahren dazugestoßen bist zu Eintracht Frankfurt, wer weiß, vielleicht ist es dann sogar nachvollziehbar. Vielleicht ist es dann eine plausible Entwicklung.

2018 den Pokal geholt, 2019 Halbfinale im Europapokal, 2022 den riesigen EL-Pott gewonnen. Ei ja, was willst du denn? Dann ist das doch normal, dass die Kerle jetzt auf der höchsten Ebene Europas spielen. Und nicht nur irgendwie mitspielen, nein: Gruppenkopf sind die. Nicht Gurkentopf. Tatsächlich Gruppenkopf. Eintracht Frankfurt. Aus Lostopf 1 hinein ins kontinentale Vergnügen.

Wie gesagt, für die Jungen, für die Nachzügler, für die Leute mit den Vereinsmitgliedschaftsausweisen Nummer 70 000 bis 110 000 womöglich eine stringente Sache. Für die Alten immer noch unfassbar.

Wer hier regelmäßig mitliest, der weiß, dass mein Opa Alfred häufig auftaucht, wenn es für die Eintracht um etwas geht. Deshalb habe ich ihn ja im Mai auch um geistige Hilfe gebeten vor dem Finale in Sevilla. Und hat er geliefert? Er hat geliefert. Natürlich hat er geliefert.

Natürlich hat Opa Alfred auch hinterher wie immer seinen Kommentar abgegeben, von ganz oben, noch höher als Champions League. Vom Himmel hoch hat er gesagt, Bub – denn so nannte er mich schon damals, als wir im Ford Taunus ins Stadion fuhren, samstags, Startzeit 13.30 Uhr, ab zum Parkplatz Gleisdreieck – Bub, hier über den Wolken erlebste viel. Sagt er. Aber sowas hätte er noch nicht erlebt.

Was singen die da?

Schön wär’s, wenn er das noch hier auf Erden erlebt hätte, dass die Champions-League-Hymne an diesem Mittwoch im Waldstadion abgespielt wird und die Leute das erste Mal versuchen, den Text zu verstehen oder gar mitzusingen. Wenn das Lied für den eigenen Klub erklingt. Aber immerhin hat Opa Alfred die Meisterschaft erlebt, so ist es schließlich nicht, und danach ja auch irgendwie die Champions League, obwohl sie längst noch nicht so hieß, 1960 gegen die Rangers und Real. Uefa-Cupsieger ist er auch geworden, 1980.

Trotzdem. Wie das heute zugeht, sagt der Opa Alfred (wenn man genau hinhört, er ist ja schon mehr als 25 Jahre da oben), das ist doch irre. Früher ist man zum Stadion gefahren, hat sich eine Eintrittskarte gekauft, acht Mark, der Bub drei Mark, Bratwurst, Bier, Fanta, auf geht’s. Heute musst du im Lotto gewonnen oder ein Internet-Startup an Mark Zuckerberg verkauft haben. Heute reißen sich Hunderttausende darum, im Waldstadion dabei zu sein.

Fußball im Fernsehen? Beim Opa die Sportschau. Später am Abend das Sportstudio, wo auch gern mal Personen in bunten Klamotten zu schmissiger Musik einen Gruppen-Ausdruckstanz hinlegten in den 70er Jahren. Das war Fußball im Fernsehen. Ein Fußballspieler kam damals mit weniger als einer Million jährlich über die Runden. D-Mark. Ein Profifußballer. Das muss man sich mal vorstellen.

Als ich dem Opa erzählt habe, wie viel der Urenkel von der Frau Schnellbächer aus der Wittelsbacherallee inzwischen für Fußballübertragungen im Fernsehen bezahlt, um alle Spiele der Eintracht zu gucken, ist er fast aus allen Wolken gefallen. Das mit den tiefgekühlten Stadien für die WM habe ich ihm noch gar nicht gesagt. Ich fürchte, wenn er „November“ und „Katar“ hört, fällt er vor Schreck doch noch runter. Aber dass vorige Woche Uwe Bein, Tony Yeboah und Jay Jay Okocha wieder zusammen für die Eintracht gespielt haben, das hat ihn dann doch gefreut.

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