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Der Trainer soll wissen: Wenn David Abraham ausfällt, ist Tuta da.“ Sagt Tuta, brasilianischer Innenverteidiger der Eintracht.

Eintracht-Verteidiger im Interview

„Wenn Abraham ausfällt, ist Tuta da“

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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  • Daniel Schmitt
    Daniel Schmitt
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Eintracht-Verteidiger Tuta über Auslese auf der Straße, fremde Kleinstädte und Nachlässigkeiten beim Fußball.

Lucas Melo, warum nennt Sie alle Welt eigentlich Tuta?

Das ist keine komplizierte Geschichte. Beim ersten Probetraining in Sao Paulo in einer Fußballschule hat der Trainer die Mannschaften eingeteilt, gelbe Leibchen verteilt und mir hat er den Namen Tuta gegeben. Warum auch immer. Ich habe dann ein bisschen recherchiert und festgestellt, dass es einen brasilianischen Spieler gab, der Tuta hieß und der mir auch ein bisschen ähnlich sah.

Wir dachten, Sie sähen Neymar ähnlich?

Ja, bei Eintracht-TV sollten wir sagen, bei welchem Spieler eine gewisse Ähnlichkeit besteht und ich sagte: Neymar. Nur die Frisur ist anders.

Seit ein paar Wochen sind Sie wieder in Frankfurt. Sie sehen anders aus als vor einem Jahr und der Ausleihe nach Belgien, kräftiger, männlicher.

Das war eine wichtige Zeit für mich in Belgien. Mir war schnell klar, dass ich mehr Selbstvertrauen benötige. Und mit viel Arbeit und Konzentration habe ich auch die erforderliche Spielpraxis bekommen. Jetzt fühle ich mich hier bei der Eintracht gut, auch gelassener, ruhiger, bin nicht mehr so aufgeregt. Ich fühle mich nun in der Lage, bei der Eintracht zu spielen und der Mannschaft helfen zu können.

Das Training bei der SGE ist anders als in Brasilien

Vor eineinhalb Jahren, kurz nachdem Sie die Copinha, den Pokal der U20-Nachwuchsmannschaften mit dem FC Sao Paulo gewonnen hatten, war vieles fremd und ungewohnt für Sie in Frankfurt.

Ja, das stimmt. Ich wollte diesen Wettbewerb unbedingt noch spielen und gewinnen, das ist uns sogar gelungen und im Finale beim Elfmeterschießen habe ich sogar getroffen. Witzigerweise war noch nicht sicher, ob ich mit Sao Paulo oder der Eintracht im Winter 2019 am Florida-Cup teilnehme (beide Mannschaften hatten in Florida ihr Trainingslager bezogen, d. Red.).

Und in Frankfurt war alles so viel anders als in Brasilien, vor allem war es kalt.

Ja, die Intensität des Trainings, das Tempo und die Körperlichkeit waren ganz anders als ich es gewohnt war. Das war eine ganz andere Nummer. Hier muss man viel laufen, arbeiten und stets konzentriert sein.

Haben Sie vor Ihrer Leihe je von dem belgischen Klub KV Kortrijk gehört?

Ich wusste nichts, nada. Belgien, klar, war mir ein Begriff, auch Brüssel, aber Kortrijk? Nein. Eine kleine Stadt, und es gab nicht viele Angebote. Das war natürlich nicht leicht für mich und meine Frau. Für alle Brasilianer, die nach Europa kommen, ist die Kälte ein Problem, dann die Schwierigkeit mit der Sprache.

Tuta: Nachfolger des Kapitäns Abraham bei der SGE?

In Belgien lief es anfangs auch nicht so gut. Sie spielten bis November gar nicht, aber danach jede Sekunde. Was war da passiert?

Der Trainer hatte seine Stammformation. Da ich die Saisonvorbereitung nicht mitgemacht hatte, hat er zwei anderen Spielern das Vertrauen geschenkt. Vier Monate habe ich nur trainiert, ohne zu spielen. Ich musste auf meine Chance warten, dann habe ich sie genutzt und weiter hart an mir gearbeitet. Und weil wir in meinem ersten Spiel 0:0 gegen den RSC Anderlecht gespielt hatten, ein Spitzenteam, war ich drin in der Elf. Aber der beste Moment kam später: Im Nachbarschaftsderby gegen Zulte Waregem habe ich in der letzten Sekunde den 2:2-Ausgleich geköpft.

Bei der Eintracht sollen Sie über kurz oder lang als Nachfolger von David Abraham aufgebaut werden. Was kann man von ihm lernen?

Man kann sich einiges abschauen von unserem Kapitän. Er ist ein gestandener Profi, ein Athlet, ich kann mir manche Scheiben von ihm abschneiden.

Wie groß schätzen Sie Ihre Chancen ein, in der Bundesliga bald zum Einsatz zu kommen?

ZUR PERSON

Lucas Silva Melo, genannt Tuta , nimmt einen zweiten Anlauf bei Eintracht Frankfurt, nachdem er sich in Belgien Erstligisten KV Kortrijk bewährt hat, 15 Spiele hat er bestritten, ehe in Belgien die Saison vorzeitig abgebrochen wurde. Für den Brasilianer war das ein kleiner Kulturschock, aus der 21 Millionen-Metropole Sao Paulo ins 70 000 Einwohner zählender Städtchen in Westflandern. Dem 21 Jahre alten Innenverteidiger will Trainer Adi Hütter eine faire Chance geben, seine Auftritte bei den jüngsten Testspielen waren vielversprechend. Tuta , der mit Ehefrau Victoria in Sachsenhausen lebt, hat alle Jugendmannschaft des größten brasilianischen Klubs, des FC Sao Paulo, durchlaufen. Zuletzt war er im Mai in seinem Heimatland. kil/dani

Ich muss hart arbeiten, dann kommt alles von selbst. Ich werde bestimmt meine Chance bekommen, dann muss ich sie auch nutzen

Was sind Ihre Stärken?

Schnelligkeit ist dabei, ich habe für einen Verteidiger eine gute Technik, und mittlerweile auch eine gewisse Ruhe am Ball. Arbeiten muss ich noch am Kopfballspiel, in der Luft habe ich noch Schwächen. Und ich brauche noch mehr Kraft und Robustheit, um vielleicht mal gegen einen Robert Lewandowski bestehen zu können. Und die eine oder andere Nachlässigkeit muss ich abstellen.

Wie kam Tuta zur SGE?

Aber für Sie war früh klar, dass Sie Profi werden wollen. Mit neun Jahren haben Sie schon beim großen FC Sao Paulo gespielt.

Ja, meine Mutter hat sich sehr um mich gekümmert. Sie hat mich überall hingefahren, wo ich Spiele hatte. Wir nennen das in Brasilien „a peneira“, da werden die besten Fußballer herausgefiltert, und wer solch eine Sichtung übersteht, darf in einer der Jugendmannschaften der großen Vereine spielen. So bin ich entdeckt worden. Und da habe ich gesehen: Okay, die Chance bietet sich für mich, ich habe ein gewisses Talent und auf diese Karte habe ich gesetzt.

Muss aber mehr als ein gewisses Talent gewesen sein ...

Kann sein. Bei den Sichtungslehrgängen in diesen Fußballschulen hatte ich teilweise drei, vier Spiele hintereinander gemacht. Ich habe viel auf der Straße gekickt. Eigentlich hatte ich immer nur Fußball im Kopf, darunter hat auch die Schule ein bisschen gelitten. Das war für meine Mutter nicht immer leicht.

Wie kamen Sie dann auf Eintracht Frankfurt?

Ich wusste nicht viel, auch von der Bundesliga kannte ich nur ein bisschen was. Aber es ist der große Traum aller brasilianischen Fußballer, in Europa zu spielen, ohne Zweifel. Der erste Kontakt lief über Ben Manga (Kaderplaner der Eintracht, d. Red.). Er war der erste, der mir einiges über Eintracht Frankfurt erzählt hat. Und ich danke ihm für das Vertrauen, das er mir entgegengebracht hat. Als ich mich mit dem neuen Verein beschäftigt habe, sind mir sofort die Fans ins Auge gesprungen ...

.... und Caio?

Nein, weder von ihm noch von Chris hatte ich vorher gehört.

Was sind denn die größten Unterschiede zwischen einer brasilianischen und einer deutschen Mannschaft?

Vielleicht sind die Menschen in Deutschland verschlossener, introvertierter als in Brasilien. In Brasilien ist in den Kabinen viel mehr los, viel laute Musik, viel Gerede. Aber so ein großer Unterschied habe ich nicht gesehen, was beispielsweise die Professionalität angeht.

Was ist Ihr nächsten Ziel bei der Eintracht?

Ich muss hart arbeiten, um den Trainer zu überzeugen und als Alternative eine Rolle spielen zu können. So viel Selbstvertrauen wie möglich tanken, damit der Klub ruhigen Gewissens sagen kann: Wenn David Abraham ausfällt, ist Tuta da. Und natürlich möchte ich Spielzeit bekommen.

Und eine neuerliche Ausleihe kommt nicht in Frage?

Ich denke, dass es für mich hier bei Eintracht Frankfurt weitergeht.

Interview: Thomas Kilchenstein und Daniel Schmitt

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