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Torwart Kepa bleibt mutig in der Mitte.

Hinteregger und Paciencia

SGE: Trost für die Untröstlichen

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Die SGE-Profis Martin Hinteregger und Goncalo Paciencia scheitern aus elf Metern – Vorwürfe macht ihnen deswegen niemand.

Der Chef persönlich gab Geleitschutz. Fredi Bobic schirmte Martin Hinteregger ab und führte den Eintracht-Verteidiger durch die unter freiem Himmel errichtete Mixed Zone an der Stamford Bridge, vorbei an den im strömenden Regen wartenden Reportern, die nur zu gerne eine Aussage des Unglücksraben erhascht hätten. „Er sagt nix“, bedeutete der Sportvorstand den Journalisten. Ob Hinteregger nichts sagen sollte oder wollte, blieb unklar, ist aber eh irrelevant.

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Martin Hinteregger, der Mann fürs Grobe, der in seinem knappen halben Jahr in Frankfurt schon so viel erlebt hat und schon so tief mit diesem Verein verwoben ist, hatte entscheidenden Anteil daran, dass Eintracht Frankfurt das dramatische Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea doch noch verlor und nicht nach Baku zum Finale reisen, sondern einen Marketing-Trip nach China aufbrechen wird. Der 26-Jährige, der zuvor eine tadellose Leistung gezeigt hatte, war es, der den vierten Frankfurter Elfer, die Eintracht lag mit einem Tor vorne, nicht im Netz unterbrachte, sondern an Torwart Kepa scheiterte. Hätte er getroffen, wäre Baku nur noch einen Schuss entfernt gewesen. So aber war der Vorteil dahin.

Einen Vorwurf machte ihm deshalb niemand, das wäre ja auch absurd. „Denn Elfmeterschießen ist“, wie Danny da Costa es beschrieb, „immer ein bisschen wie Lotterie. Die Chancen stehen 50:50.“ Dieses Mal schlug das Pendel zugunsten der Engländer aus, „weil sie zu wenige englische Schützen hatten“, wie Bobic augenzwinkernd anmerkte. Dabei hatte die Eintracht, dabei hatte Hinteregger eine gute Ausgangslage. Der Abwehrchef entschied sich dazu, den Ball mit Vollspann in die Mitte zu schießen. Ein oftmals probates Mittel, weil sich kaum ein Torhüter traut, einfach stehen zu bleiben. Der Spanier Kepa, 24 Jahre, 55 Millionen Euro schwer, traute sich, und hielt den Ball irgendwie mit seinen Füßen auf, ehe er ihm doch noch durch die Beine ins Tor gekullert wäre. „Martin wollte es mit aller Gewalt durch die Mitte probieren, das klappt in 90 Prozent der Fälle“, sagte Bobic. „Ein Torhüter bleibt fast nie stehen, da hat der Junge gut gezockt.“

Keeper Kepa handelte instinktiv, vielleicht hat er auch geahnt, dass ein starker und kräftiger Verteidiger wie Hinteregger eher die rustikale Variante wählen würde. In jeden Fall ist es in der Tat bemerkenswert, dass ein Torwart, zumal im Elfmeterschießen, einfach in der Mitte verharrt. Die meisten Schlussmänner entscheiden sich zumeist für eine Seite, in die sie mit Verve hechten, weil sie einigermaßen belämmert aussehen würden, wenn ein Schütze den Ball in eine Ecke schießt und sie wie angewurzelt in der Mitte stehen würden. Kepas Mut wurde belohnt.

Hazard kennt den Druck

Hinteregger wurde nach dem Spiel von den Fans explizit gefeiert, die Augen noch feucht wurde er von einem Anhänger am Spielfeldrand einfach in den Arm genommen, auch Trainer Adi Hütter munterte seinen Landsmann in der Kabine auf. Trost für einen Untröstlichen. Und der Österreicher hatte ja nicht mal den entscheidenden Elfer versemmelt, das war der Portugiese Goncalo Paciencia, der wegen seiner Abschlussqualität eigens fürs Elfmeterschießen eingewechselt wurde. Der 24-Jährige stand durch Hintereggers Fehlschuss enorm unter Druck, war quasi zum Treffen gezwungen. Das war zu viel für den Stürmer, die Nerven spielten ihm einen Streich, und Chelsea-Torwart Kepa hielt den zweiten Schuss vom Punkt nacheinander. Eden Hazard schoss die Blauen schließlich ins Finale. „So ein 150- oder 200-Millionen-Spieler hat natürlich auch viel Erfahrung mit solchen Situationen“, bewertete Fredi Bobic. „Goncalo hat diese Erfahrung noch nicht, da mache ich ihm keinen Vorwurf. Hätte Martin davor getroffen, hätte er ihn sicher reingemacht.“ Das freilich ist hypothetisch.

Bleibt aber doch die Frage, weshalb nicht etwa der erfahrene Makoto Hasebe oder der schussgewaltige Filip Kostic angetreten sind. Coach Hütter, der ja kein Elfmeterschießen üben ließ, weil man den Druck im Training nicht simulieren und man die Situationen daher nicht vergleichen könne, hatte die von ihm auserwählten Schützen gefragt, ob sie sich in der Lage fühlten. Alle haben bejaht.

„Es soll keiner schießen, der nicht schießen will“, sagte er. „Wir haben uns vorher Gedanken gemacht und waren überzeugt davon, dass diese fünf uns ins Finale bringen werden.“ Es hätte beinahe geklappt, aber nur beinahe.

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