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Tote Hose im Stadtwald – Corona macht’s möglich.

Eintracht Frankfurt

Training im Garten

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Eintracht Frankfurt präsentiert sich in Zeiten der Krise kreativ. Mit Video-Interviews im Klub-TV werden die Spieler befragt. Am Dienstag machten die Profis individuell noch einen Laktattest.

Die drohende Langeweile kann Felix Wiedwald ganz gut bekämpfen. Die Tochter, zweieinhalb Jahre alt, hält den dritten Torwart der Frankfurter Eintracht auf Trab, das Würfelspiel Kniffel steht hoch im Kurs, dann gibt es auch noch Gartenarbeit, die verrichtet werden will – und der Grill, ja, der möchte natürlich gereinigt werden, jetzt, da der Frühling gefühlt schon da ist, auch wenn niemand weiß, ob die Wiedwalds wirklich jemanden zum Brutzeln einladen können, dürfen oder wollen – so genau wissen sie es wahrscheinlich selbst noch nicht. Das Haus, erzählt der gerade 30 Jahre alte gewordene Keeper, sei jedenfalls tiptop in Schuss, blitzblank, noch nie so sauber gewesen wie momentan. Zeit ist ja plötzlich kein Faktor mehr.

Auch die Familie des Eintracht-Profis fährt auf Sparflamme. „Die Gesundheit geht vor. Wir versuchen, alles zu meiden, um uns und unsere Mitmenschen zu schützen.“ Die Tochter spiele trotzdem mit dem Nachbarsjungen, das liegt in der Natur der Sache. „Das lässt sich nicht komplett vermeiden. Es ist schwierig, ihr die Situation zu erklären“. Allzu verständlich.

Felix Wiedwald ist einer jener Profisportler, die zurzeit zur Untätigkeit verdammt sind, der gesamte Alltag eines Profisportlers gebe nun ein „ungewohntes Bild“ ab, wie er findet. Es sei ja nicht mal Bundesligapause, in der es mal ein paar freie Tage zu genießen gebe, nein, es ist Coronazeit. „Alles ist zurückhaltend, aber es ist ja zur Sicherheit“, bedeutet der Torwächter. Was genau man davon halten soll, nein, das weiß auch Wiedwald nicht.

Jeder Berufsfußballer der Eintracht hat, wie alle anderen Spieler in den höheren Ligen, individuelle Trainingspläne erstellt bekommen, dazu gehören Dauerläufe in verschiedenen Tempi, Krafttraining und Stabilisationsübungen. Der Fitnessraum im Stadion ist geöffnet, aber nur in überschaubarem Umfang, auch hier gibt es Vorgaben, an die sich die Spieler zu halten haben. Voranmeldungen sind zwingend, keiner kann einfach vorfahren und denken, ein paar Gewichte stemmen zu können. „Wir müssen uns einen Tag vorher anmelden, dann haben wir 45 bis 60 Minuten Zeit, um unser Programm zu absolvieren“, sagt Wiedwald und fügt lächelnd an: „Danach müssen wir zusehen, dass wir wieder wegkommen.“

Anschließend wird der Raum gründlich gereinigt sowie desinfiziert und für den nächsten Profi bereitgestellt. Die hygienischen Maßnahmen sind, der Situation und dem einer Profimannschaft angepasst, auf höchstem Niveau. Das ganze Procedere sei, wie Wiedwald bekennt, absolutes Neuland. Wie urplötzlich das gesamte Leben.

Für die Frankfurter Torhüter ergibt sich noch mal eine andere Situation als für die Feldspieler, sie haben ja quasi einen eigenen Trainer, in diesem Falle Jan Zimmermann, der das Amt in der Winterpause von Manfred „Moppes“ Petz übernommen hat und, wenn man so will, vom Kollegen zum Vorgesetzten aufgestiegen ist. „Wenn wir individuelles Torwarttraining haben möchten, können wir uns dafür anmelden“, sagt Wiedwald. Darauf könnte es die nächste Zeit hinauslaufen, denn kaum ein halbwegs rational denkender Mensch glaubt ernsthaft, dass der Ball schon Anfang April wieder rollen wird. Am Dienstag absolvierten die Akteure dennoch individuell einen Laktattest, offiziell wird sich die Mannschaft am kommenden Montag wieder treffen, was angesichts der aktuellen Entwicklungen unwahrscheinlich erscheint. Aber selbst wenn der Termin gehalten werden könnte, würde die Eintracht ins Blaue hinein trainieren, denn wann es in der Liga wieder um Punkte geht, weiß niemand.

Wiedwald, der in dieser Saison schon mehr Einsätze hatte als gedacht, in drei Europa-League-Qualifikationsspielen und drei Bundesligapartien (drei Niederlagen, acht Gegentore) im Kasten stand, hat seinen sehr authentischen und kurzweiligen Ausführungen in einem Interview mit dem vereinseigenen TV-Kanal zum Besten gegeben. Aber auch in keinem sogenannten Face-to-Face-Interview, sondern per Videochat.

Wiedwald, Dreitagebart, grauer Pulli, weiße Kopfhörer, saß da sehr entspannt im häuslichen Umfeld, voll im Home-Office-Modus also. „Felix, vielen lieben Dank für das kurze Interview, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder persönlich“, beschloss Eintracht-TV-Redakteur Lars Weingärtner das Gespräch. „Das hoffe ich auch“, entgegnete der Schlussmann. Und Ende.

So genau weiß in diesen Tagen ja niemand, wann wieder ein halbwegs geregelter Betrieb möglich sein wird, und da ist die Rede nicht mal von Bundesliga- oder Europapokalspielen, sondern vom Alltag, von Training, Sitzungen, Analysen, Mittagessen, Zusammenkünften, eben dem Alltag eines Bundesligavereins. Die Medienabteilung der Eintracht kommt den Profis logischerweise auch nicht näher als andere, Pressetermine für unabhängige Berichterstatter sind auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, Interviews kaum mehr möglich, vielleicht mal schriftlich oder fernmündlich, vis-à-vis natürlich nicht. Nachvollziehbar.

Niemand hat bisher eine solche Ausnahmesituation erlebt, in der höhere Mächte alles aushebeln, was gestern noch gültig war. Und auch deshalb ist der Blick in die Zukunft einer voller Ungewissheit, selbst für die Verantwortlichen eines höchst professionellem Fußballklubs, der auf dem Vormarsch ist und auf absehbare Zeit in die Phalanx der Großen eindringen und dauerhaft um einen Startplatz im europäischem Wettbewerb mitspielen möchte.

Auch deshalb hat die Eintracht an einem Shutdown auf medialer Ebene kein Interesse, selbst ein solch prosperierendes und potentes Unternehmen will im Gespräch bleiben und präsent sein, selbst mit „Neuigkeiten“ ohne großen Inhalt punkten, deshalb postet sie kurze Videosequenzen ihrer Spieler oder teilt Twitter und Instagram-Nachrichten. Da geht es, ganz klar, auch um Reichweiten und andere Multiplikatoren, die für Image und Reputation und also für Wachstum auf allen Feldern von einigem Gewinn sind.

Übrigens: Filip Kostic und Mijat Gacinovic gehen regelmäßig am Main spazieren, mit Kinderwagen sogar. Vorbildlich, selbst wenn der gebotene Mindestabstand vielleicht nicht immer eingehalten wird.

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