Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Markenzeichen des Horst Ehrmantraut: Gartenstuhl und Trainingsanzug.
+
Die Markenzeichen des Horst Ehrmantraut: Gartenstuhl und Trainingsanzug.

Eintracht Frankfurt

Die Tränen aus Einöd

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
    schließen

Wie Horst Ehrmantraut die Eintracht vor dem Sturz ins Nichts rettete und die Basis für ein Wunder legte / Teil 3 der Eintracht-Serie

Wie Horst Ehrmantraut die Eintracht vor dem Sturz ins Nichts rettete und die Basis für ein Wunder legte / Teil 3 der Eintracht-Serie

Es war ein kleiner Mann aus Einöd, der die große Eintracht Demut lehrte. Die Eintracht war unten, ganz unten, von den eigenen Fans mit Steinen beworfen, dem Abstieg in die damals drittklassige Regionalliga näher als der Rückkehr ins Oberhaus: Der Klub befand sich in einem recht desolaten Zustand, es gab nach dem Rücktritt von Matthias Ohms keinen Präsidenten, Bernd Hölzenbeins Vertrag als Manager wurde nicht verlängert, die Herren Hans-Joachim Otto und Bernd Thate blieben nur ein paar Wochen im Amt, als die Steuerfahndung wegen Unregelmäßigkeiten im Fall Anthony Yeboah kam, warfen die beiden Novizen hin. Den Verein drückten Schulden, die Mannschaften war zerstritten, schlecht zusammengestellt, leblos: Und dann kam, im Dezember 1996, Horst Ehrmantraut. Zuvor hatte der Mann den SV Meppen trainiert, seinerzeit das Synonym für tiefste Provinzialität.

Entsprechend groß waren die Vorbehalte gegen den früheren Eintracht-Profi, der 1980 zwar mithalf, den Uefa-Cup zu gewinnen, aber ansonsten über keinerlei Glamourfaktor verfügte. Seit Jahren, fast Jahrzehnten, war mal kein Großsprecher, kein Zampano Trainer der Eintracht, sondern einer, der von einem Baumarkt-Gartenstuhl aus das Geschehen auf dem Rasen verfolgte, der kauzig war und knorrig, ohne Allüren. Und das sollte funktionieren? Und wie das funktionierte.

Horst Ehrmantraut, dieser akribische Arbeiter aus dem saarländischen Einöd, der noch heute dort auf einem Bauernhof lebt, bewahrte die ziellos vor sich hin taumelnde Eintracht ohne jede Identität vor dem Sturz ins Nichts. Er war es, der den Verein umkrempelte, ihm Demut lehrte und alte Tugenden wie Disziplin, Teamgeist, Zusammengehörigkeitsgefühl wieder auffrischte. Er war es, der die Basis legte zur Rückkehr in die erste Liga – mit viel Fleiß, Rechtschaffenheit und Authentizität. Ehrmantraut konsolidierte das Team, hielt es in der zweiten Liga und baute ein Neues auf: Er schuf im Grunde jene legendäre Mannschaft, die am 29.?Mai 1999 das erste Wunder im Waldstadion schaffte.

Rohr, der „eiskalte Killer“

Doch bis dahin war es ein weiter Weg: Ehrmantraut holte für kleines Geld Spieler wie Urs Güntensperger, Ansgar Brinkmann, zuvor überall angeeckt, Christof Westerthaler aus Zypern, Adrian Dashi und Edi Martini aus Albanien und seinen Lieblingsspieler Istvan Pisont aus Israel. Pisont spielte zwar nie, und wenn, war er viel zu langsam. Aber Ehrmantraut schweißte ein neues Team zusammen, mit Oka Nikolov, Uwe Bindewald, Ralf Weber, Thomas Sobotzik und Thomas Epp, das souverän in die Bundesliga aufstieg – nach einem 2:2 gegen den FSV Mainz 05.

Die Rückkehr in die Bundesliga löste in Frankfurt eine unglaubliche Begeisterung aus. „Wir sind dabei, eine neue Eintracht aufzubauen“, sagte Ehrmantraut, da war der neue Manager Gernot Rohr, zuletzt bei Girondins Bordeaux und ein ausgewiesener Kenner des französischen Fußballs, gerade verpflichtet. Rohr und Ehrmantraut – das passte einfach nicht, beide waren zu verschieden, hier der bodenständige Arbeiter, dort der eloquente Weltmann aus Frankreich, der Stars wie Zidane, Lizarazu und Dugarry geformt hatte. Selbst ein 1:0-Sieg über die Bayern rettete Ehrmantraut nicht. Sport-Bild nannte Rohr im Dezember 1998 „einen eiskalten Killer“. Als Horst Ehrmantraut am 8. Dezember 1998 nach zwei Jahren Kärrnerarbeit und drei Niederlagen am Stück überraschend entlassen wurde, konnte der Mann, dem die Eintracht so sehr ans Herzen gewachsen war, die Tränen nicht zurückhalte: Er heulte wie ein Schlosshund. „Die Eintracht war etwas ganz besonderes für mich“, sagt er, inzwischen 56 Jahre alt, noch heute. Irgendwann wolle er zurückkehren, hatte er angekündigt. Doch daraus wurde nichts. Als er ging, stand die Eintracht als Aufsteiger auf Rang 14. Das war der Frankfurter Chefetage zu wenig.

Sein Nachfolger war der ehemalige Coach des Hessischen Fußballverbandes, Reinhold Fanz. Es war schnell klar: Er war mit dieser Aufgabe völlig überfordert, die Bundesliga war mindestens eine Nummer zu groß für ihn, nie konnte er die Aura eines Jugendtrainers im falschen Film ablegen. Nach einer 1:4-Niederlage gegen 1860 München brüstete er sich damit, immerhin die „zweite Halbzeit 1:0 gewonnen“ zu haben. Fanz brachte die von Ehrmantraut so lange fein ausbalancierte Mannschaft vollends durcheinander, er holte in neun Spielen ganze sechs Punkte und wurde, gemeinsam mit Rohr, sieben Spieltage vor Schluss (und mit vier Punkten Abstand auf einen Nichtabstiegsplatz) entlassen.

Berger, der Retter

Es kam Jörg Berger, zum zweiten Mal nach 1989. Der Rest ist Geschichte. Jörg Berger, am 23. Juni 2010 in Duisburg an den Folgen seines Krebsleidens im Alter von nur 65 Jahren verstorben, schaffte das erste Wunder. Aus aussichtsloser Position bewahrte er die Eintracht legendär vor dem Sturz in Zweitklassigkeit. Jan-Aage Fjörtoft, Schütze des entscheidenden 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern, sagte damals über den Coach, er hätte auch die Titanic gerettet. In Frankfurt tauften Fans die Berger-Straße kurzerhand in „Jörg-Berger-Straße“ um.

Ein halbes Jahr später, nach einem 0:3 beim Aufsteiger SSV?Ulm, musste auch der Retter gehen. Felix Magath kam.

Lesen Sie in Teil vier: Wie Octagon Millionen in der Eintracht versenkte und plötzlich ein Rainer Leben auftauchte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare