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Adler fliegen hoch. Und weit.

Eintracht in Europa

Tore, Geister und ein gehaltenes Versprechen

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Die FR blickt auf einen über alle Maßen erfolgreichen Auftritt der Frankfurter Eintracht in Europa zurück.

Es ist jetzt gut viereinhalb Monate her, dass in Nyon in Lostrommeln gegriffen und Eintracht Frankfurt zwei Knaller und eine schöne Reise beschert wurden: Olympique Marseille, Lazio Rom, Apollon Limassol - klangvolle Namen, tolle Paarungen, Eintracht Frankfurt mittendrin im Europapokal. Gut, ein bisschen hat man in Frankfurt schlucken müssen, so stark hätten die Gegner von der Papierform bei der Rückkehr ins internationale Geschäft nicht gleich sein müssen, aber egal: Eintracht kann Europa, und die Heimspiele waren eh allesamt schon ausverkauft, noch ehe bekannt war, wer als Gegner überhaupt in den Stadtwald kommen würde.

Nur hätte vielleicht Vorstand Fredi Bobic im Sommer den Mund nicht ganz so voll nehmen solle: Man werde durch die Gruppe marschieren, hatte der Mann gesagt. Naja.

Geisterspiel in Marseille

Und dann folgte die erste kalte Dusche: Ausgerechnet im ersten Auswärtsspiel auf Europas Bühne seit 2013 bekam Eintracht Frankfurt den französischen Vertreter zugelost, und Olympique Marseille musste wegen Zuschauerausschreitungen in der Vergangenheit eine Sperre abbrummen, die sich gewaschen hatte und auch die Fans der Hessen betraf: ein Geisterspiel. Das war ein Schlag ins Kontor - ausgerechnet die reisewütigen Frankfurter werden ausgesperrt. 46 andere Mannschaften hätten die Hessen bekommen können, aber die mit dem Makel, die bekommt die Eintracht zugelost. Und dann auch noch Lazio Rom am letzten Spieltag? Da ist doch alles entschieden, und die Eintracht nach Stand der Dinge eh ausgeschieden, argwöhnten die notorischen Unken.

Viereinhalb Monate später ist die sechste Europapokal-Partie tatsächlich zu einer reinen Kaffeefahrt geraten, aber gänzlich anders als erwartet: Eintracht Frankfurt stand längst als Gruppenerster fest. Und wie Eintracht Frankfurt durch Europa gestürmt war: Alle 18 Punkte aus sechs Spielen hatte in der Gruppenphase noch keine deutsche Mannschaft aufs eigene Konto packen können. Und die Spiele in der Europa League avancierten zu Festtagen, mit rauschenden Choreographien und tollen Darbietungen. Eintracht Frankfurt und ihre große Anhängerschaft zelebrierten die internationalen Auftritte. Mit so viel Begeisterung und Engagement nehmen nicht viele Klubs die Europa League an, bei der Uefa ist das sehr wohl registriert worden. Von einer Belastung konnte keine Rede sein. Der Ritt durch Europa wurde für die Hessen zum Triumphmarsch. „Wir können Europa“, sagte Vorstand Axel Hellmann euphorisch. Und wie die Eintracht Europa konnte...

Olympique Marseille - Eintracht Frankfurt 1:2 (1:0)

Es war ein Spiel, das jedem Fan weh getan hat. Ein riesiges, architektonisch gewagtes Stadion, das Stade Velodrome, das bald 68 000 Zuschauer fasst - und kein Mensch auf den Tribünen, allenfalls 100 Menschen, allesamt Verantwortliche beide Klubs, waren zugelassen. Es war traurig, trostlos, öde. Und hatte natürlich Auswirkungen auf das Geschehen auf dem Rasen. Die Partie versprühte bald den Charakter eines Freundschaftsspiels. „Vom Feeling wie bei auf einem Bolzplatz“, fasste Marco Russ die Stimmung zusammen. Olympique ging früh in Führung, Lucas Ocampos hatte den letztjährigen Finalisten nach drei Minuten in Front geschossen. Immerhin glich Luca Torro (52.) per Kopf aus, doch als Jetro Willems mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde, schien die Partie zu kippen, doch Luka Jovic nutzt spät seine Chance zum überraschenden 2:1 (89.). Der Auftakt in die Europa League war gelungen. Klar war aber auch: Die gespenstige Atmosphäre hatte der Eintracht in die Karten gespielt. Die Hausherren bekamen nie einen Draht zum Spiel, zudem hatte die Eintracht Glück, dass zwei Strafstöße nicht gepfiffen wurden. Am Abend stieß Präsident Peter Fischer am Hafen mit den trotz eines generellen Aufenthaltsverbots nach Marseille gereisten Fans, einige hunderte, mit ein paar Freibier an. Auch Marco Russ, Jan Zimmermann und Alex Schur ließen sich dabei nicht lumpen, drückten auf diese Weise ebenfalls ihren Dank an die Fans aus, die 1000 Kilometer zu einem Spiel reisten, das sie nicht vor Ort sehen durften.

Eintracht Frankfurt - Lazio Rom 4:1 (2:1)

Und es wurde sogar noch besser: Was für eine magische Nacht, was für eine Atmosphäre, was für ein Fluidum in der natürlich ausverkauften Arena. Die Choreographie im Stadion schien selbst die abgezockten Italiener zu beeindrucken. Keine drei Minuten waren gespielt, da führte die Eintracht bereits, Danny da Costa hatte getroffen, selbst der Ausgleich durch Marco Parolo (23.) änderte nicht viel, Filip Kostic (28.) mit seinem ersten Pflichtspieltor für die Hessen erzwang die erneute Führung. Und unmittelbar vor der Pause sah Dusan Basta die Gelb-Rote Karte, gegen zehn, später, als Joaquim Correa (59.) vom Platz flog, sogar gegen neun Römer, hatte die Eintracht leichtes Spiel, Luca Jovic (52.) und nochmals da Costa schraubten das Ergebnis in unerwartete Höhe. Die Eintracht hatte die hoch gehandelten Römer nach allen Regeln der Kunst abgekocht, hatte ein zweites Ausrufezeichen gesetzt. „Es war ein unfassbar guter Abend für uns“, freute sich Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic. Selbst Bundestrainer Jogi Löw hatte vorbeigeschaut. Einen besonderen, allerdings tragischen Moment hatte die Partie nach Spielschluss. Da informierte Trainer Adi Hütter die Mannschaft noch am Mittelkreis über den plötzlichen Tod eines Bruders von Luca Torro, der dennoch und auf eigenen Wunsch 90 Minuten durchgespielt hatte. Auch Marco Russ wirkte wenig später angefasst: Da hatten er und der Italiener Francesco Acerbi Trikots getauscht, bei beiden Spielern war in der Vergangenheit Hodenkrebs diagnostiziert worden, beide haben die Krankheit überwunden. 

Eintracht Frankfurt - Apollon Limassol 2:0 (2:0)

Natürlich begann auch die zweite internationale Ballnacht im Frankfurter Tollhaus wie schon die erste gegen Lazio Rom mit einer überwältigenden, imposanten Choreographie. Die fleißigen Fans hatten sich wieder nicht lumpen lassen und einen bunten, glamourösen und stimmungsvollen 

Rahmen geschaffen, quasi den Boden bereitet, auf dem die Eintracht ihre so famosen Darbietungen stilsicher weiterführen sollte. Und die Mannen in den schwarzen Hemden gehorchten aufs Wort. Auch im dritten Gruppenspiel hielten sie sich schadlos, dieses Mal war Apollon Limassol der Kontrahent, der den Frankfurtern nicht mal im Ansatz das Wasser reichen konnte. Am Ende hatte die Mannschaft von Trainer Adi Hütter locker und leicht mit 2:0 (2:0) gewonnen, die Tore erzielten Filip Kostic (13.) und Sebastien Haller (32.). Der Sieg hätte noch sehr viel höher ausfallen können, doch dieses Mal wollte nicht jeder Ball ins Tor. Neun Punkte bei 8:2 Toren sind aller Ehren wert. 

Apollon Limassol - Eintracht Frankfurt 2:3 (0:1)

Heimspiel auf Zypern. Knapp 5000 Fans waren mit auf die Insel der Aphrodite geflogen, sie alle trugen grauen Hoodies und bildeten eine stimmungsvolle Kulisse im ansonsten kaum besuchten GSP-Stadion zu Nikosia. Und sie überreichten später sogar jedem Spieler einen dieser Kapuzenpullis. Fußballerisch war die Sache schnell klar: Luca Jovic sowie Sebastien Haller und Mijat Gacinovic nach der Pause stellten schnell auf 3:0, in der Schlussphase kamen die Zyprioten auf 3:2 heran, gefährdet war der Sieg nie. Weiterhin führt die Eintracht ihre Gruppe souverän an. 

Eintracht Frankfurt - Olympique Marseille 4:0 (2:0)

„Erneute Demonstration der Stärke“, schrieb die FR nach diesem Abend. Die Eintracht, die damit vorzeitig den Gruppensieg klarmachte und ins Sechzehntelfinale einzog, beherrschte den letztjährigen Finalisten nach Belieben, ja zeitweise genossen sie regelrecht dieses Spiel, sie zelebrierten es, selbst wenn die längst schon ausgeschiedenen Franzosen nicht mit ihrer ersten Elf gekommen waren. Aber was die Eintracht dennoch an Spielfreude und Kombinationslust an den Tag legte, nötigte schon Respekt ab. Es war eine Klasse für sich, zeitweise spektakulär und jederzeit unterhaltsam. Es war darüber hinaus wettbewerbsübergreifend der zehnte Sieg im elften Spiel. Die Fans sangen den Gassenhauer: „Europas beste Mannschaft, SGE“. Bereits nach 62 Sekunden lag der Ball im Tor, Jovic hatte getroffen. Dann schoss sich Marseille zweimal selbst den Ball  kurios ins eigene Tier, schließlich rundete Jovic mit seinem insgesamt fünften Treffer das Spektakel ab.

Lazio Rom - Eintracht Frankfurt 1:2 (0:0)

Und zum guten Schluss wurde auch noch in Rom gewonnen. Damit hat die Eintracht einen neuen Rekord aufgestellt, noch nie war es einer Bundesligamannschaft gelungen, in der Europa League alle sechs Spiele zu gewinnen. „Ich bin stolz“, sagte Trainer Hütter. Den Sieg stellten Mijat Gacinovic und Sebastien Haller bei einem Gegentor von Joaquim Correa fest. Knapp 9000 Fans waren in die Ewige Stadt mitgereist, nicht alle benahmen sich ordentlich, was Vorstand Axel Hellmann richtig sauer machte. Und: Der Sieg wurde teuer bezahlt. Makoto Hasebe musste wegen muskulärer Probleme ausgewechselt werden. Finanziell hat der europäische Auftritt der Eintracht allein an Uefa-Prämien knapp 7,5 Millionen Euro in die Kassen gespült. Am Montag werden die Paarungen der letzten 32 ausgelost, am 14. Februar geht die Reise weiter.

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