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Timothy Chandler: Frohnatur für immer

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Von: Thomas Kilchenstein

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Sein Revier ist die Außenlinie: Timothy Chandler.
Sein Revier ist die Außenlinie: Timothy Chandler. © IMAGO/osnapix

Der Defensivspieler ist weiter unersetzlich für ein gutes Klima in der Kabine und einen Pokal stemmen, kann er auch.

Ganz bestimmt hat Timothy Chandler nicht diesen Pokal gemeint, als er vor mehr als einem Jahr gefragt worden war, was er denn im Herbst seiner Karriere, noch für Ziele habe. Er wollte nochmals einen Pokal in den Händen halten. Vergangene Woche hat er, sogar als Kapitän, einen in die Luft stemmen dürfen, die Trofeo Bortolotti, nach einem Sieg im allerletzten Spiel dieses Jahres über Atalanta Bergamo. Da hat er mal wieder mitspielen dürfen, eine gute halbe Stunde, ein bisschen weniger als zuvor im Testkick gegen den SV Sandhausen, auch da wurde er eingewechselt. Das kam zuletzt eher selten vor.

Aber einen richtigen Pokal hat der 32-Jährige tatsächlich noch gewonnen, im Mai in Sevilla gegen die Glasgow Rangers, den Europapokal gar. Es war, das darf mit Fug und Recht behauptet werden, die Krönung der Karriere des Timothy Chandler, ein Traum ist da für ihn in Erfüllung gegangen - selbst wenn er, was zuletzt meist der Fall ist, gar nicht am Ball war. Sondern nur Daumen drücken und beste Stimmung verbreiten durfte. Und wenn das einer kann, dann der Timmy Chandler. Es gibt kaum ein Foto, das geknipst oder irgendwo erschienen ist, auf dem der Deutsch-Amerikaner aus dem hessischen Oberau nicht lacht, grinst oder super Laune hat. Nahezu jeder Spieler des Klubs nennt sofort seinen Namen, wenn nach dem größten Spaßvogel, dem nettesten Kollegen, dem fröhlichsten Sitznachbarn gefragt wird. Timothy Chandler - das ist pure Lebensfreude, eine Frohnatur, er verbreitet ansteckend gute Laune.

Nur 110 Minuten

Das ist für die Kabine, ist für das Innenverhältnis in einer Mannschaft mit den unterschiedlichsten Charakteren und Herkünften, nicht hoch genug einzuschätzen. Bei Eintracht Frankfurt wissen sie um diese Fähigkeiten des Timmy Chandler, er ist deshalb hoch geschätzt, diese weichen Faktoren können entscheidend sein für Wohl und Wehe.

Er komme, hat er vor langer Zeit mal gesagt, jeden Tag mit einem Lächeln zum Training. So was färbt ab. Dass Chandler, mit Makoto Hasebe längst dienstältester Frankfurter, seit 2001 (mit einer vierjährigen Unterbrechung beim 1. FC Nürnberg) im Klub aktuell sportlich nicht erste Wahl ist, nimmt der Familienvater professionell. Dazu kann er sich selbst zu gut einschätzen, dazu ist er ehrlich genug. Chancen, ins Team zu rücken hätte es gegeben, auf der linken wie auf der rechten Außenbahn. Es reichte nicht. In dieser Saison hat er kaum Pflichtspieleinsätze bekommen, vier kurze in der Liga, ein paar Augenblicke in der Champions League gegen Olympique Marseille. Er hat in 24 Pflichtspielen 110 Minuten gespielt - von 2160 möglichen. Am längsten einmal 45 Minuten, beim 0:3 gegen den VfL Bochum. Er steht aber in der Regel im Kader. Und fiebert mit, feuert an und unterstützt die, die auf dem Rasen stehen.

Freilich: Ihn allein auf die Rolle als Gute-Laune-Onkel und Integrationsbeauftragten zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht werden. Er ist fit, verpasst kaum eine Einheit, haut sich in jedem Training rein, er hält den Konkurrenzkampf hoch. Als er gebraucht wurde, etwa im Herbst des vergangenen Jahres, war er da. Vorher schien er weg vom Fenster zu sein, keiner hatte ihn noch auf dem Zettel, und dann hat er, der zuvor null Minuten gespielt hatte, drei komplette Spiele in acht Tagen absolviert. Damals sagte der gute Geist: „Ich bin sehr stolz auf mich.“

Die Eintracht ist sein Verein. Wenn er 2025 seine Karriere beendet, hat er in seinem ganzen Leben nur für drei Klubs gespielt, bei den Sportfreunden Oberau (in der Jugend), beim Club in Franken und bei der Eintracht, 185 Pflichtspiele, zehn Tore - von denen er in der Saison 2019/20 allein die Hälfte erzielte.

Chandler, der 29 Länderspiele für die USA bestritten und zum US-Kader bei der WM in Brasilien 2014 zählte, wird der Eintracht treu bleiben in anderer Funktion, wenn seine Laufbahn beendet ist. Angenehme Menschen kann man immer um sich gebrauchen.

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