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Noch nicht auf Abschiedstour: Thomas Müller.

Eintracht Frankfurt

Thomas Müller: Das Politikum

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In der Personalie Thomas Müller steckt Zündstoff.

Im Fanshop des FC Bayern gibt es bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Kinder-Hoodies, Christbaumkugeln und Bade-Ente. Oder auch: Duschvorhang, Winterschal oder Mau Mau. Für die jüngeren Fans findet sich für zehn Euro ein Kinderbuch über Thomas Müller. Das 64-Seiten-Werk „im fantasievollen Bayern München-Design“, so der Werbetext, beschreibt den Werdegang des Fußballers und unterstützt Kinder beim Lesenlernen. Neben der Biografie: Illustrationen, Lernspiele und Rätsel. Würde Thomas Müller darin noch mal blättern, würde er das Buch vielleicht nicht mehr so lustig finden. Vor allem stimmt der Titel nicht mehr so ganz: „Mein Weg in die Startelf“.

Thomas Müller, 30, geboren in Weilheim in Oberbayern, seit dem zehnten Lebensjahr Mitglied des FC Bayern, scheint zum ersten Male in seiner Karriere für längere Zeiten nicht mehr auf der Sonnenseite zu stehen. Von Mitte September bis Mitte Oktober – in vier Bundesliga- und zwei Champions-League-Spielen – hatte Trainer Niko Kovac den Publikumsliebling nur eingewechselt. Eine Folge, dass Philippe Coutinho angeheuert hat. Ausleihe vom FC Barcelona. Brasilianischer Zauberfuß. Spitzname: Magier. Und auf einmal war Müller außen vor, was den Bedeutungsverlust der Nummer 25 fortschrieb.

Die Leichtigkeit hat Müller nicht von heute auf morgen verloren. Die Verläufe in Nationalmannschaft und Verein ähneln sich inzwischen. Als sich Bundestrainer Joachim Löw zu Anfang des Jahres dazu entschied, in einem Schlag drei Münchner Weltmeister für verzichtbar zu erklären, erschien das im Fall Müller nachvollziehbar. Gerade hatten Offensivspieler wie Leroy Sane und Serge Gnabry jene Unbekümmertheit in die Nationalelf getragen, die ihm seit geraumer Zeit zu fehlen schien.

Immerhin konnte Müller sich damit trösten, beim FC Bayern irgendwie doch immer gesetzt zu sein. Vergangene Saison machte er 32 Bundesligaspiele, sechs im DFB-Pokal, sechs in der Champions League. Wettbewerbsübergreifend schoss er neun Tore, bereite 15 vor. Da gab’s nicht viel zu meckern. Und während Boateng sich nach dem souveränen 3:0 im DFB-Pokalfinale gegen den gestutzten Herausforderer RB Leipzig, wie ein beleidigtes Kind in den Schmollwinkel zurückzog, weil er nicht eingesetzt wurde, war Müller mittendrin. Auch bei den Feierlichkeiten in der ersten Reihe. Als Identifikationsfigur, weil einziger echter Bayer im Verein neben dem dritten Torwart Christian Früchtl.

Dass Müller daher unmöglich als jemand bezeichnet werden kann, der seine Einsatzminuten bekommt, „wenn Not am Mann ist“, wie Kovac unvorsichtigerweise sagte, versteht sich von selbst. Sogar Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge schaltete sich ein. „Seine Aussage war nicht glücklich. Ich glaube, Thomas ist nicht nachtragend, und natürlich ist er kein Notnagel.“

Kompromiss gesucht

Es gab bereits beim gemeinsamen Gang zum Oktoberfest ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Trainer und Spieler. Doch die Personalie ist ja irgendwo auch ein Politikum: Rechnet man Müllers 32 Drittligaeinsätze in jungen Jahren hinzu, vertrat er den FC Bayern in mehr als 500 Pflichtspielen, schoss fast 200 Tore. So einer muss irgendwie Wertschätzung erfahren, zumal Coutinho nicht die Sterne vom Himmel spielt. Ganz im Gegenteil.

Kovac scheint in dieser heiklen Frage, Müller oder Coutinho, nach einem Kompromiss zu suchen. Im Auswärtsspiel der Königsklasse bei Olympiakos Piräus (3:2) spielten auf einmal beide, Müller zunächst rechts, Coutinho in der Mitte, bis Müller in die Zentrale rückte und prompt zwei Treffer auflegte. Gegen Union Berlin (2:1) agierte der eine halbrechts, der andere halblinks, richtig überzeugen konnte keiner. Am Dienstag im DFB-Pokal beim VfL Bochum (2:1) blieben beide zunächst draußen, um dann eingewechselt zu werden. Prompt glückte Müller kurz vor Ultimo der Siegtreffer. Perfekte Werbung in eigener Sache, die das Unikum ohne Triumphgeheul verband. Seine lapidare Ansage: „Jetzt geht’s nach vorne.“

Spannend, wie Kovac sich für das Frankfurt-Spiel entscheidet, wo es bei seiner Mannschaft im Mittelfeld gewiss mehr Stabilität braucht. Vielleicht bekommt im Stadtwald sogar Coutinho mal eine Pause und nur Müller beginnt. Die Bosse haben bereits klargemacht, im Winter ihre Nummer 25 nicht gehen lassen zu wollen, da können Inter Mailand oder Manchester United noch so viel für den Weltmeister bieten. Im Sommer 2020 könnte es hingegen spannend werden, denn Müllers Arbeitspapier läuft nur noch bis 2021. Auf eine vorzeitige Verlängerung deutet im Herbst 2019 mal gar nichts hin.

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