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Sucht jetzt in Hamburg seinen Platz im Profifußball: Luca Waldschmidt.

Neuverpflichtungen

Talente in der Sackgasse

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Die Eintracht muss erneut einen Jungprofi gehen lassen, doch Nachwuchshoffnungen stehen in den Startlöchern. Der Umgang mit den Talenten steht jedoch in der Kritik.

Als sich Fredi Bobic unlängst mit rund 200 Fanklubvertretern seines neuen Vereins Eintracht Frankfurt traf, musste sich der Sportvorstand die eine oder andere unbequeme Frage gefallen lassen. „Ein großes Thema war Sonny Kittel“, sagt der 44-Jährige. Die Fans wollten sehr wohl wissen, weshalb der auslaufende Vertrag des (ewigen) Talents nicht verlängert wurde. „Ich habe es erklärt, und dann wurde es auch verstanden“, sagt Bobic knapp. Klingt ganz banal. Ist es aber nicht. Denn das Jugendthema ist bei Eintracht Frankfurt traditionell ein heißes Eisen.

Bei Kittel, der einst so hoffnungsvollen Nachwuchshoffnung, hegte der Klub große Zweifel, dass seine vorgeschädigte Knie (zwei Kreuzbandrisse, zwei Knorpelschäden) den Anforderungen im Hochleistungssport auf Dauer standhalten werden. Doch Kittel ist nicht das einzige Eigengewächs, das den Verein verlässt.

Am Dienstag ist ein weiterer Begabter von der Fahne gegangen: Luca Waldschmidt, 20, sucht seine Chance beim Hamburger SV, die Eintracht erhält eine Ablösesumme von einer Million Euro. Die Frankfurter wollten den Stürmer halten, doch Waldschmidt war unzufrieden, sah seine Felle davonschwimmen, auch weil er unter Niko Kovac kaum noch spielte. Bobic versucht, zu relativieren. Der Spieler genieße eine hohe Wertschätzung bei Kovac, und dass er zum Schluss kaum mehr gespielt hat, begründete der Vorstand mit der besonderen Situation. „Es war Existenzkampf“, da sei es völlig normal, dass der Trainer erst einmal auf die arrivieren Kräfte gesetzt habe. „Das hat sich ja auch ausgezahlt.“

Der Sportchef ist enttäuscht, dass der Spieler nicht willens war, sich bei seinem Heimatklub durchzusetzen. „Das ist schade.“ Doch Waldschmidt habe unbedingt wechseln wollen. Und die Eintracht sieht sich wieder dem latenten Vorwurf ausgesetzt, nicht entschlossen genug um den Jungprofi gekämpft zu haben.

In Frankfurt ist es eine sensible Geschichte, wenn Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum den Klub verlassen, um ihr Glück anderweitig zu suchen. Zum einen, weil sich die Fans nach Identifikation, Identität und Treue sehnen. Zum anderen, weil selbst ausgebildete Spieler lange nicht so viel kosten wie externe Profis und sich, wenn sie wirklich gut sind, gewinnbringend verkaufen lassen. Doch das klappt in Frankfurt nicht. Bisher haben lediglich Patrick Ochs und Marco Russ vor fünf Jahren jeweils drei Millionen Euro gebracht. Das waren die höchsten Summen, die für Spieler gezahlt wurden, die am Riederwald ausgebildet wurden.

In Frankfurt ist Marc Stendera der letzte Fußballer, der es zu den Profis schaffte und sich dort durchsetzte. Doch selbst seine Karriere verlief nicht reibungslos, unter Kovac war er nicht mehr Stammspieler, ihm wurde zudem geraten, einen professionelleren Umgang mit seinem Beruf zu pflegen, und jetzt liegt er mit einem Kreuzbandriss auf Eis.

Die Eintracht und ihre Talente – das ist ein Dauerbrennerthema, das immer wieder mal aufploppt. Die drängenden Fragen: Schauen die Verantwortlichen nicht richtig hin? Oder unterliegen sie Fehleinschätzungen? Oder sind die gepriesenen Talente vielleicht einfach nicht gut genug?

In der jüngeren Vergangenheit haben es lediglich Stürmer Cenk Tosun (jetzt Besiktas Istanbul) und Verteidiger Marc-Oliver Kempf andernorts geschafft; Tosun wurde seinerzeit von Ex-Trainer Michael Skibbe als nicht gut genug eingestuft. Sicherlich ein großer Fehler. Bei Verteidiger Kempf, der gerade mit Freiburg in die Bundesliga aufgestiegen ist, gehen bis heute die Meinungen auseinander, ob er es in der ersten Liga schaffen wird.

Größte Talente sind abgeworben

Aus dem letzten A-Jugendjahrgang ist kein Spieler dabei, dem zugetraut wird, es auf höchsten Niveau zu packen. Auch wenn Nico Rinderknecht jetzt beim FC Ingolstadt einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat. Das Problem ist ohnehin: Die größten Talente sind schon vorher abgeworben worden: Die Zwillinge Gian-Luca und Davide Itter, heute beide 17, schlossen sich vor anderthalb Jahren dem VfL Wolfsburg an, Renat Dadashov, 17, vor einem Jahr RB Leipzig und Sören Lippert, 16, wechselte zu Borussia Dortmund. Die Eintracht schaute in die Röhre, weil sie finanziell nicht mithalten konnte. Auch Emre Can war seinerzeit nicht zu halten, wechselte zu den Bayern. Andere, wie Niklas Süle oder Nicolai Müller, wurden für zu leicht befunden.

In der B-Jugend sieht es aktuell anders aus, da gibt es Spieler, denen eine respektable Laufbahn zugetraut wird: Nils Stendera etwa, dem jüngeren Bruder von Marc Stendera. Oder den Juniorennationalspielern Sahverdi Cetin, Enrique Pena-Zauner sowie Justin und Patrice Kabuya, die als jüngere Akteure in der zurückliegenden Saison allesamt in den älteren B-Jugend-Jahrgang hochgezogen und Stammspieler wurden. Zudem sind Nelson Mandela und Nick Förster hoffnungsvolle Kräfte, beide kommen in die U19.

Bobic will auf jeden Fall die Verzahnung verbessern. „Wir wollen eine Linie, die durchgeht bis zur Jugend, bis in den U16-Bereich“, bekundet der Sportchef. Es sei angedacht, begabte Jugendspieler sporadisch bei den Profis mittrainieren zu lassen. „Das kenne ich nicht anders. Warum sollte kein 16-, 17-jähriges Toptalent nicht mal mitmachen, damit wir ihn kennenlernen und bei uns sehen.“

Auch die Verpflichtung von Assistenzcoach Armin Reutershahn sei ein deutliches Signal in diese Richtung, er ist bekannt dafür, ein besonderes Auge auf den Nachwuchs zu haben. „Wir werden uns die Spiele der Jugendmannschaften ansehen“, verspricht Bobic. Die räumliche Trennung zwischen dem Nachwuchsleistungszentrum am Riederwald und den Profis draußen am Stadion, sieht er nicht als großes Problem. Kommunikation sei das Zauberwort. „Wenn man nicht miteinander spricht, bringt es auch nichts, wenn man Tür an Tür sitzt. Dann kommt nichts dabei heraus.“

Bobic, das weiß man, ist nicht erfreut darüber, dass die Eintracht vor zwei Jahren ihre U23 abmeldete. So gibt es keinen Puffer zwischen Jugend und Profis, keine Plattform für Spätentwickler oder jüngere Profis, Spielpraxis zu sammeln. Der Schritt lässt sich nicht mehr rückgängig machen, und deshalb seien Leihgeschäfte praktikabel. Aber man müsse die Vereine finden, „die zu dem Spieler passen“. Eine Kooperation mit dem FSV hält er für keine schlechte Idee, doch Gespräche habe es nicht gegeben. „Es gibt aber sicher Synergien, die man nutzen kann.“

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