Eintracht-Fan

46 Tage im Hochsicherheitstrakt

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Eintracht-Fan Jörg Heigl beschreibt seine Erfahrungen mit der spanischen Polizei. Fünf Jahre Stadionverbot hat er auch in Deutschland.

Gut 27 Jahre lang hatte Jörg Heigl nach eigener Aussage kein Pflichtspiel der Eintracht versäumt. Besuchte jedes Heimspiel, war auswärts immer im Stadion live dabei. Bis zu jenem 2. November 2006. Jörg Heigl ist kein Kind von Traurigkeit.

Als es im Vorfeld des Europapokalspiels zwischen Celta Vigo und Eintracht Frankfurt zu Ausschreitungen zwischen der spanischen Polizei und Eintracht-Fans kommt, ist der 42-Jährige in vorderster Front mit dabei. Einige Fans kicken auf der belebten Plaza de la Constitución mit einem Fußball. Die spanische Polizei will das unterbinden. Als ein Fan sich den Ball aus einem Brunnen angeln will, kassiert er dafür mehrere Schläge mit einem Schlagstock aus Holz. Heigl baut sich vor dem Beamten auf. Dafür kassiert auch er mehrere Stockhiebe. Folge ist eine stark blutende Risswunde am linken Ohr. Daraufhin werfen aufgebrachte Fans mit Flaschen, Gläsern und massiven Stühlen nach den Polizisten (Dies ist der Augenblick, in dem sich der Autor sicherheitshalber vom Ort des Geschehens entfernt; Anm. d. Red.).

Spätere Recherchen ergeben folgendes Bild: Einer der Beamten wird von einem Stuhl getroffen und trägt eine Platzwunde am Kopf davon. Heigl sagt, er habe keinen der Stühle geworfen. Das beteuert er, das bestätigen drei Zeugen - darunter auch der offizielle Fanbeauftragte der Eintracht, Andreas Hornung.

Nach der Verletzung ihres Kollegen seien die spanischen Polizisten außer sich gewesen und hätten mit Gummigeschossen auf flüchtende Fans gezielt. Einen Randalierer zu fassen bekamen sie nicht. Stunden später wird Heigl vor dem Stadion als einziger Eintracht-Fan festgenommen. Sein blutverkrustetes Ohr hat einen hohen Wiedererkennungswert und wird ihm zum Verhängnis. Die spanischen Behörden lasten Heigl an, den Stuhl geworfen zu haben, der den Polizisten verletzte. Der 42-Jährige kassiert bei der Festnahme und im Polizeigewahrsam Stockhiebe und Fußtritte. Offizieller Vorwurf gegen den gelernten Bankkaufmann: "Angriff auf die Staatsautorität."

Heigl sieht nicht das 1:1 der Eintracht, er fliegt auch nicht wie geplant am folgenden Tag zurück in die Heimat. Stattdessen verbringt er 46 Tage in einem Hochsicherheits-Gefängnis in den Bergen, 40 Kilometer von Vigo entfernt. Er sitzt mit Schwerverbrechern und ETA-Mitgliedern ein. "Während der Zeit hat es dort einen Mord, einen Selbstmord und einen versuchten Selbstmord gegeben", erinnert sich Heigl. Der Frankfurter schwört einem Mithäftling, er werde zu Fuß von seiner Heimatstadt nach Altötting laufen, wenn er noch 2006 aus dem Gefängnis raus kommt.

Am 19. Dezember 2006 wird Heigl gegen Zahlung einer Kaution in fünfstelliger Höhe auf freien Fuß gesetzt. Er darf das Land allerdings zunächst nicht verlassen und muss sich einmal in der Woche beim Gericht in Vigo melden. Der arbeitslose Devisenhändler nimmt sich eine Wohnung 15 Kilometer von Vigo entfernt.

Die Forderung der Staatsanwaltschaft lautet: Vier Jahre Haft und 4000 Euro Geldstrafe. Heigls spanische Anwältin handelt mit der Anklagebehörde einen Deal aus: Zwei Jahre Haft auf Bewährung und die Zahlung von 3000 Euro. Dafür soll er die Vorwürfe einräumen. "Gestehen Sie, das ist ihre einzige Chance", rät die Anwältin.

Die Gerichtsverhandlung am 21. März dauert laut Heigl "handgestoppte elf Minuten". Zweimal muss er "si" sagen, dann ist er vorbestraft - und frei. Das Strafverfahren trägt dem eingefleischten Fußballfan allerdings automatisch ein bundesweites Stadionverbot für fünf Jahre ein. "Ich habe fünf Jahre für eine Tat bekommen, die ich nicht begangen habe", sagt Heigl. Er ist mittlerweile von seinem 13-tägigen Fußmarsch nach Altötting zurück. Gegen das Stadionverbot hat er beim DFB Widerspruch eingelegt. Heigl weiß aber selbst, dass er als rechtskräftig Verurteilter nur geringe Chancen hat.

"Die Fälle werden individuell geprüft, aber man muss davon ausgehen, dass das Stadionverbot bestehen bleibt", bestätigt DFB-Sprecher Harald Stenger. "Als Fußballfan hast du keine Lobby", sagt Heigl. Er räumt ein: "Ich hatte vielleicht einen Denkzettel verdient." Aber das sei "ein bisschen viel". Demnächst reist Jörg Heigl ins Zillertal. Er will die Eintracht sehen. Sei es auch nur im Trainingslager.

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