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Tabula rasa am Riederwald

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Von: Ingo Durstewitz

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Sportvorstand Fredi Bobic guckt bei der Eintracht jeden Stein an - und dreht ihn dann nicht selten auch um.
Sportvorstand Fredi Bobic guckt bei der Eintracht jeden Stein an - und dreht ihn dann nicht selten auch um. © Jan Hübner

Der hessische Fußball-Bundesligist wechselt die A-Jugendtrainer, die Klublegenden Alexander Schur und Uwe Bindewald müssen gehen. Doch hinter diesen Personalien steckt sehr viel mehr.

Zu seinen Stuttgarter Zeiten hat sie Fredi Bobic alle gekannt, die großen und kleinen Talente, die Stars von morgen. Bis hinunter zur C-Jugend ist dem heutigen Frankfurter Sportvorstand kein Jugendspieler fremd gewesen, er hat sich von allen persönlich ein Bild gemacht. Auch in Frankfurt kennt sich Bobic mittlerweile ganz gut aus, mit der Talentschmiede am Riederwald hat er sich intensiv auseinandergesetzt. Und auch auf diesem Sektor schlägt der 46-Jährige Pflöcke ein, vor wenigen Wochen erst setzte er die Verpflichtung von Marco Pezzaiuoli als Technischen Direktor durch, der für eine bessere Verzahnung zwischen dem Nachwuchs und den Profis sorgen soll.

Eine neue Denke

Fredi Bobic hat in seinen eineinhalb Jahren in Frankfurt viele Steine umgedreht, er hat den Verein umgekrempelt, zunächst einmal die Fußball AG radikal verändert – und peu à peu hat er sich auch an das Jugendleistungszentrum herangetastet. Denn mit der Nachwuchsarbeit ist er nur bedingt zufrieden. „Wir haben sehr interessante Topspieler. Sie sollen gezielter gefördert werden“, sagte er unlängst. „Das ist heutzutage ganz normal. Bei uns ist es noch nicht so normal gewesen. Jetzt gehen wir den nächsten Schritt und versuchen, uns professioneller aufzustellen – sonst überholen uns die anderen total.“

Die neue Denke und die neue Struktur hat schon ein erstes personelles Opfer gefunden. Seit Montag ist Eintracht-Ikone Alexander Schur nicht mehr A-Jugendtrainer, er wurde gemeinsam mit seinem Assistenten, der anderen Frankfurter Ikone Uwe Bindewald, freigestellt. Zum Verhängnis wurde den beiden hoch angesehenen und beliebten Ex-Profis eine Reihe von Misserfolgen, die U19 holte nur einen Sieg aus den vergangenen neun Spielen und befindet sich in akuter Abstiegsgefahr.

Doch hinter der Beurlaubung steckt noch mehr. Die Verantwortlichen der Fußball-AG haben die Entwicklung am Riederwald schon länger mit Sorge betrachtet, der Status von Alex Schur bröckelte sukzessive. Bereits im vergangenen Sommer hatte er eigentlich die U19 an Frank Leicht abgeben sollen, was der frühere Kapitän der Profielf aber strikt ablehnte. Nach dieser Saison hätte der 46-Jährige sein Traineramt ohnehin zur Verfügung gestellt. Das war intern bereits kommuniziert.

Dass die Zusammenarbeit mit Marco Pezzaiuoli schwierig werden würde, war im Vorhinein schon klar. Ein Fußballlehrer wie Schur, der schon seit mehr als einem Jahrzehnt seinen Job ausübt, lässt sich von einer Art Aufseher beim täglichen Üben nicht gerne über die Schulter schauen. Da ist Reibung programmiert, das liegt in der Natur der Sache. Zumal Alex Schur den Posten als Bindeglied zwischen der Jugend und den Profis selbst schon mal inne hatte.

Vielleicht hätte der 46-Jährige, dem intern vorgeworfen wurde, dass ihm nach den vielen Jahren das letzte Feuer fehlte, früher mal den Absprung finden müssen, mit dem Zweitligisten Arminia Bielefeld war er etwa schon relativ weit in den Verhandlungen. Doch letztlich entschied sich der bodenständige Familienvater immer gegen das Risiko als Cheftrainer im Haifischbecken Bundesliga und für seinen Herzensverein. Für Schur, hört man, werde man in Zukunft bei der Eintracht sicher einen Posten finden, wenn die frische Wunde erst einmal vernarbt ist. Das wäre auch nur recht und billig. Schur ist ein Eintrachtler durch und durch, er lebt für seinen Verein. So einen wirft man nicht schnöde raus. So einen bindet man ein. Das gilt auch für Uwe Bindewald.

Für Fredi Bobic ist Schur allerdings erst einmal Vergangenheit, die neue Art der Verzahnung hält Bobic ohnehin für elementar. Mit Marco Pezzaiuoli, das sagte er am Jahresanfang, habe die Eintracht einen dicken Fang gemacht. „Das hat in der Branche richtig eingeschlagen.“ Die Erfahrung des früheren Hoffenheimer Bundesligatrainers werde dem Klub „sicher helfen“, sagte Bobic. „Es geht nicht von heute auf morgen, keiner sollte glauben, dass auf einmal die Stars und Sternchen auf dem Platz bei den Profis stehen und plötzlich alles funktioniert. Wir müssen erst mal den Betrieb richtig in Gang bringen, so wie wir uns das vorstellen.“

Klar ist, dass der radikale Umbruch auf allen Ebenen auch vor dem Riederwald nicht Halt macht, auch wenn die Fußball-AG und das unter dem Dach des eingetragenen Vereins angesiedelte Nachwuchsleistungszentrum formal nicht zusammengehören. Doch diese Trennung ist schon seit vielen Jahren angeprangert und als wenig sinnvoll erachtet worden. Seit der Amtsübernahme von Fredi Bobic hat der Einfluss der AG deutlich zugenommen, auch Chefscout Ben Manga mischt sich ein.

Dadashov bringt alles zum Wackeln

Schur und Bindewald sind in dieser komplizierten Gemengelage im Übrigen auch über einen Spieler gestolpert, der einen Profivertrag besitzt und der schon von Cheftrainer Niko Kovac aufs Abstellgleis geschoben wurde: Renat Dadashov. Der Stürmer hat sich einige schlimme Verfehlungen geleistet, die sich kein Trainerteam der Welt hätte gefallen lassen können. Schur sah sich gezwungen, den Stürmer zu suspendieren – und schwächte damit natürlich gleichzeitig seine Mannschaft, weil der Deutsch-Aserbaidschaner durchaus eine Menge Potenzial hat. Es wäre im Übrigen ein falsches Signal, wenn der neue U19-Trainer den talentierten Dadashov begnadigen würde und er weiter das Trikot der Eintracht tragen dürfte.

Schon nach der Winterpause wurde der 18-Jährige von Fredi Bobic hart kritisiert, weil er mit Übergewicht zum ersten Training erschien. „Er kam in einem Zustand aus dem Urlaub zurück, da hat Niko Kovac gleich gesagt: Das geht gar nicht“, monierte der Sportchef. „Wenn du den Hunger nicht hast und nicht den Willen, körperlich fit zu werden, auch mal den inneren Schweinehund zu überwinden, dann wirst du nicht weit kommen, dann ziehen andere, die weniger talentiert sind, an dir vorbei.“

Wer aber schafft mal wieder den Sprung zu den Profis? Zwar hat sich Aymen Barkok einigermaßen festgespielt, aber sonst? Die großen Karrieren machten weder Sonny Kittel (jetzt in Ingolstadt) noch Marc Stendera - beide galten als die größten Talente. Und von den aktuellen Jugendspielern, die einen Profivertrag ergattert haben, werden es Nelson Mandela, Noel Knothe und Dadashov eher nicht schaffen, vielleicht irgendwann mal Sahverdin Cetin. Die größten Stücke hält Niko Kovac aber auf Deji Bayreuther. Der Linksverteidiger, 18, könnte es packen. Manager Bruno Hübner sieht es pragmatisch: „Wenn wir jedes Jahr einen Barkok rausbringen, sind wir auf einem sehr gutem Weg.“ Wenn es nur so leicht wäre.

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