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Die Eintracht ist die Mannschaft der Stunde

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Kevin Trapp von Eintracht Frankfurt
Der Held, der hält: Kevin Trapp. © Frank Hoermann / Sven Simon / Imago Images

Eintracht Frankfurt gewinnt nach der Champions League-Gala auch die undankbaren Spiele beim FC Augsburg: „Großes Kino“, sagt Kapitän Sebastian Rode.

Frankfurt – Und wenn dann nichts mehr zu retten scheint, kommt mal schnell der Retter daher, Kevin Trapp, der Teufelskerl im Eintracht-Kasten, der manchmal Bälle hält, die gar nicht zu halten sind. So wie im Europapokalfinale in Sevilla im Mai, so wie am Samstagnachmittag in Augsburg, kurz vor der Pause: Punktgenaue Hereingabe von Mergim Berisha, vier, fünf Meter vor dem Gehäuse kommt Ermedin Demirovic zum Schuss, ein sicheres Tor, das 2:1 für den FCA, da ist nichts mehr zu machen. Denkste. Dann nämlich reißt der Hexer im grünen Sweater seinen rechten Arm nach oben und wehrt den Ball irgendwie ab. Eine ungeheuerliche Tat, ein unfassbarer Reflex. Weiter geht’s mit 1:1, wichtig, enorm wichtig.

„Kevin hat uns mit diesem Big Save im Spiel gehalten“, analysierte Trainer Oliver Glasner, der Belobigte selbst blieb bescheiden. „Du hat hast nicht viel Zeit, großartig zu überlegen“, erzählte der 32-jährige Trapp. Groß machen, Arm ausfahren - hoffen. „Ich freue mich, meinen Teil zum Erfolg beitragen zu können.“ Einen nicht eben kleinen Teil.

Eintracht Frankfurt: Schläfrige Hessen treffen auf hochmotivierte Platzherren

Wer weiß, wie das Spiel im Südwesten Bayerns ausgegangen wäre und ob Eintracht Frankfurt letztlich mit 2:1 gewinnen hätte können, wenn sie den zweiten Nackenschlag kurz vor der Pause hätte hinnehmen müssen, nachdem sie bereits kurz nach dem Anpfiff den ersten wegstecken musste. Nach nur 32 Sekunden lag der Ball schon in ihrer Kiste: Berisha hatte den Frankfurter Schlussmann mit einem platzierten Flachschuss überwunden. 0:1 nach einer halben Minute, das konnte ja heiter werden.

Im Grunde ging die Partie so los, wie man es erwartet hatte, mit hochmotivierten Platzherren und schläfrigen Hessen, die nach den Strapazen und dem grandiosen Erfolg von Lissabon, dem Einzug ins Achtelfinale der Königsklasse, mental nicht bereit schienen für dieses Knochenspiel in der Puppenkiste. Selbst Glasner war ja neugierig, wie sich seine Elf präsentieren, ob sie den Switch in den Alltag bewältigen würde.

Und dann, ja, dann spielt sie plötzlich so, wie man es von einer Eintracht-Mannschaft in solchen Situationen in der Vergangenheit nicht unbedingt gewohnt war: Sie schüttelt sich kurz, übernimmt die Kontrolle und kämpft sich in dieses undankbare Spiel zurück. „Wir haben zwar den schwierigsten Weg gewählt, in das Spiel zu starten“, sagte Glasner. „Aber wir haben nie den Glauben verloren. Das zeigt die großartige Mentalität der Mannschaft.“

Eintracht Frankfurt und Sebastian Rode schlagen schnell zurück

Der Eintracht kam es zupass, dass sie schnell zurückschlagen konnte, der erneut erstaunlich starke Kapitän Sebastian Rode stellte das Spiel mit dem Ausgleich quasi auf null (13.). Es gibt nicht wenige, die Rode, in der Form seines Lebens, auch gerne bei der WM in Katar sehen würde. Doch der 32-Jährige wiegelt ab. „Damit rechne ich nicht mehr. Das ist auch okay so.“ Er konzentriere sich ganz auf die Eintracht.

Die ist auf dem Weg in die Bundesligaspitze, weil sie nun auch knifflige Partien wie jene in Augsburg drehen kann, obwohl sie dort auf einen Gegner traf, der extrem unangenehm zu bespielen ist, den Kontrahenten in unzählige direkte Duelle verwickelt und das Langholz als Stilmittel wählt. Da muss man erst mal dagegenhalten und sich behaupten. „Das war ja kein richtiges Fußballspiel“, warf Keeper Trapp ein. „Viele lange Bälle, viele Zweikämpfe, viel Laufen. Aber wir haben uns mit Überzeugung, Glauben und Qualität durchgesetzt.“ Immer dann, wenn die Eintracht ihre spielerische Überlegenheit aufs Feld brachte, ging es für den FCA viel zu schnell. „Wir durften uns nicht auf deren Spiel einlassen“, sagte der gute Ansgar Knauff. „Wenn wir unseren Spielstil auf den Platz bekommen, wird es für jeden Gegner schwer.“ Knauff selbst war es, der sein Team nach 64 Minuten mit links zum Auswärtssieg schoss.

Eintracht Frankfurt holt sechs Siege aus sieben Pflichtspielen

Die Eintracht hat damit sechs Siege aus den letzten sieben Pflichtspielen geholt, ist so ein bisschen die Mannschaft der Stunde – in allen Wettbewerben. Und das bei einem absoluten Mammutprogramm – elf Spiele in den letzten 36 Tagen. „Die Jungs sind in einem super Zustand, Miraculix ist bei uns in der Kabine“, sagt Coach Glasner schmunzelnd. Beeindruckend ist auch, dass die Eintracht ihr Spiel unbeirrt durchdrückt – und mittlerweile eben auf einem höheren Niveau als viele andere Bundesligisten spielt. „Die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, ist überragend“, sagt Anführer Rode. „Großes Kino.“

Die Auftritte des Ensembles sind absolut bemerkenswert, weil man es mittlerweile schafft, alle drei, vier Tage Höchstleistungen abzurufen und sich auch von Widrigkeiten nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Das ist ein Qualitätsmerkmal und Zeugnis eines Reifeprozesses. Die Frankfurter schaffen es inzwischen, jedes Spiel mit der nötigen Bereitschaft und Einstellung anzugehen, von einem Spannungsabfall und dem damit einhergehenden Leistungseinbruch ist nichts mehr zu sehen. Die Mannschaft spielt erwachsen und seriös, im Stile einer absoluten Spitzenmannschaft. „Jetzt ist keine Phase, um zu brillieren, sondern einfach alles rauszuholen“, sagt Glasner. „Das machen die Jungs überragend.“

Eintracht Frankfurt setzt nach dem Gala-Auftritt von Lissabon beim 2:1-Sieg in Augsburg noch einen obendrauf. Die Eintracht-Spieler in der Einzelkritik.

Und im Hintergrund wird daran gewerkelt, den Kader weiter zu verstärken. Im Winter schon soll der 19 Jahre alte US-Amerikaner Paxten Aaronson von Philadelphia Union in Frankfurt anheuern. Kostenpunkt: vier Millionen Euro. Der Mittelfeldspieler gilt als großes Talent. Sein drei Jahre älterer Bruder Brenden spielt bereits in Europa, wechselte vor zwei Jahren nach Salzburg und vor dieser Saison auf die Insel zu Leeds United. Für satte 32 Millionen Euro. Paxten Aaronson ist ein Vorgriff auf die Zukunft, soll in Frankfurt behutsam aufgebaut werden und in Ruhe reifen. Er ist nicht als Soforthilfe gedacht. Die braucht die Mannschaft zurzeit auch nicht. (Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz)

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