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Im Gespräch: Danny da Costa
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Im Gespräch: Danny da Costa

Interview Danny da Costa

"Starkult ist nichts für mich"

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht-Verteidiger Danny da Costa über die oftmals eingefahrene Fußballbranche, den für ihn etwas merkwürdigen Starrummel und seinen leisen Kampf gegen Rassismus.

 Man kann nicht behaupten, dass Danny da Costa bei Eintracht Frankfurt raketenhaft durchgestartet wäre. Im Gegenteil. Der Rechtsverteidiger hat eine lange Anlaufzeit benötigt. Der 24-Jährige kam vor der Saison vom Ligarivalen Bayer Leverkusen, bei der Werkself hatte er fast ein Jahr kaum gespielt. „Da kommt man nicht mit dem größten Selbstvertrauen“, sagt der Spieler, der die ersten Wochen und Monate benötigte, um sich einzufinden in der neuen Umgebung. „Aber ich bin immer positiv geblieben.“ Auch als eine Sehne im hinteren Oberschenkel riss und er wochenlang auf Eis lag. Das war zwar keine leichte Zeit, doch der Sohn eines Angolaners und einer Kongolesin, geboren in Neuss, ließ sich nie unterkriegen und ging in jedem Training an seine Grenzen, um sich aufzudrängen. Ein erstes Ausrufezeichen setzte der 36-fache Bundesligaspieler kurz vor Weihnachten im Pokal in Heidenheim, als er eingewechselt wurde und den Siegtreffer vorbereitete. Und seit dem Pokalviertelfinale gegen Mainz 05 (3:0) stand der frühere Profi des FC Ingolstadt (insgesamt 92 Einsätze für die Schanzer) in jedem Spiel in der Startelf. Fast immer überzeugte der frühere deutsche Juniorennationalspieler, nur am vergangenen Samstag in Stuttgart stand er neben den Schuhen – wie so viele seiner Kollegen.

Herr da Costa, Sie sind ein aufgeweckter junger Mann, ein kluger Kopf, können Sie uns erzählen, was da auf der Ebene des Unterbewussten abläuft, weshalb eine Mannschaft wie die Eintracht erst eine Topleistung abliefert (wie gegen Leipzig) und dann einen derart schlappen Auftritt (wie in Stuttgart) hinlegt?
Ich glaube, dass man einfach mal einen schlechten Tag erwischen kann. Wir sind da ja kein Einzelfall. Es gibt genügend Beispiele, dass Mannschaften nach einem sehr guten Spiel eher ein bescheidenes folgen lassen. Warum das genau so ist, weiß ich nicht. Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass der eine oder andere unterbewusst gedacht hat, wir sind schon weiter als wir letztendlich wirklich sind. So denkt bei uns keiner. Das bekommen wir auch so vorgelebt. Jeder weiß, dass wir immer an unsere Grenzen gehen müssen, um erfolgreich zu sein. Vielleicht ist das einfach ein Entwicklungsschritt, den wir machen müssen.

Aber es war ja nicht so, dass zwei, drei Spieler unter ihren Möglichkeiten blieben, sondern sieben, acht Akteure.
Das zog sich wie ein roter Faden durch die Mannschaft. Jeder hatte zu viel mit sich selbst zu kämpfen. Wenn du zwei, drei Szenen hintereinander verbockst, dann hat man das im Kopf. Die Mitspieler merken dann auch, dass da einer vielleicht gerade etwas verunsichert ist, und das verunsichert den anderen dann wieder. Das ist so eine kleine Kettenreaktion. Normalerweise müsste es umgekehrt sein, dass man sich selbst sagt: „Okay, die nächste Aktion wird besser.“ Und dass man von der Körpersprache aktiv bleibt und mit breiter Brust dasteht. Das ist uns in Stuttgart jetzt nicht gelungen.

Diese Leistungsschwankungen unterhalb der Bayern kennzeichnen ja im Grunde die gesamte Liga, da setzt sich keiner wirklich ab.
Das ist schon brutal, da ist keiner dabei, der über einen längeren Zeitraum konsequent punktet.

Das könnte ein Vorteil für die Eintracht sein.
Wir profitieren natürlich davon, dass Mannschaften wie Dortmund, Schalke oder Leverkusen nicht die ganze Saison über ihr Topniveau gehalten haben. Wir spielen sehr nahe an dem, was wir leisten können, und wir haben eine sehr starke Mentalität. Wir haben viele Spiele gedreht oder zum Schluss gewonnen. Das ist kein Zufall, sondern der Ausdruck eines guten Miteinanders und dass jeder dem anderen hilft und ihn unterstützt. Und deshalb stehen wir da, wo wir stehen. Wir können das aber realistisch einschätzen. Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen. Man darf nicht überheblich werden. Wir sind dort oben dabei, weil wir hart arbeiten.

Für Sie persönlich läuft es nach der schwierigen Anfangsphase auch sehr ordentlich.
Ja, aber Fußball ist schnelllebig. Man kann auch schnell wieder draußen sein aus der Mannschaft. Ich weiß, dass ich mich nicht ausruhen darf, sondern im Training Tag für Tag an meine Grenzen gehen muss.

Ist das gut oder schlecht, wenn man sich seines Platzes nie sicher sein kann?
Es ist gut. Ich denke auch für die Mannschaft ist es gut, weil das Trainingsniveau extrem hochgehalten wird. Wenn Spieler dabei sind, die davon ausgehen, dass sie sowieso immer spielen und dann auch wirklich immer spielen, machen sie im Training ein paar Schritte weniger, darunter würde die Trainingsqualität leiden. Aber bei uns ist das nicht so, da muss sich jeder neu beweisen, und das ist auch für die persönliche Entwicklung wichtig.

Es gibt ja diesen alten Wahlspruch, dass man so gut spielt wie man trainiert hat. Ist da etwas dran?
Man kann Tendenzen erkennen. Wenn man eine Trainingswoche hat, die von Anfang bis Ende schlecht läuft, dann ist es unwahrscheinlich, dass das Spiel am Wochenende richtig gut wird. Umgekehrt gilt das auch.

Also war die Woche vor dem Stuttgart-Spiel nicht so prickelnd?
Das würde ich nicht sagen, es war ja eine kurze Woche mit nur wenigen Trainingseinheiten, die waren ganz normal ohne Auffälligkeiten. Dass das so ausgeht, war nicht abzusehen.

Trainer Niko Kovac erwartet viel von seinen Spielern, er lässt die Zügel selten locker, sorgt auch dafür, dass die Mannschaft oft den ganzen Tag zusammen ist. Mussten Sie sich daran gewöhnen?
Das macht jeder Trainer anders. Es hängt von der Philosophie ab. Niko Kovac ist ein Coach, dessen Credo ist: Viel Arbeit hilft viel. Darauf muss man sich einlassen, auch mental. Ich habe aber kein Problem damit. Es gibt viele Menschen, die gehen morgens um sechs aus der Tür, schuften hart und kommen erst abends wieder.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie es nicht zum Fußballprofi geschafft hätten?
Ich habe ja mein Abitur gemacht und hätte dann, wie mein kompletter Freundeskreis auch, ein Studium begonnen. Die meisten meiner Freunde haben BWL studiert, ich wäre wohl in die Richtung Wirtschaftsinformatik gegangen. Oder was mit Mathematik, das kann ich, das liegt mir.

War es für Sie dennoch klar, dass Sie alles versuchen werden, um Berufsfußballer zu werden?
Ich bin in der Jugend von Bayer Leverkusen ausgebildet worden. Jeder von uns hatte den Traum und das Ziel, Profi zu werden. Jeder wusste, dass es nicht leicht wird und dass es nicht viele aus der Mannschaft schaffen werden. Dennoch haben wir es alle versucht. Ich bin so erzogen worden, dass ich den anderen Weg nicht vernachlässigt und mein Abitur durchgezogen habe. Man weiß ja auch nie was passiert. Es hätte ja sein können, dass ein Trainer sagt: „Pass auf, es reicht nicht.“ Oder dass man sich schwer verletzt und nie wieder spielen kann.

Das ist ein gutes Stichwort, Sie haben sich ja tatsächlich schwer verletzt, da waren Sie aber schon Profi. Ihre Karriere soll am seidenen Faden gehangen haben. Erzählen Sie doch mal.
Das war in Ingolstadt, da hatte ich mir einen Schienbeinbruch zugezogen. Das ist zwar eine schwere Verletzung, aber keine, die die Karriere bedrohen könnte. Der Schienbeinknochen wächst wieder zusammen, und dann geht es irgendwann weiter. Doch bei mir gab es Komplikationen, es wurde das Kompartmentsyndrom (Anstieg des Gewebedruckes, das zu Nervenschädigungen führen kann; Anm. d. Red.) festgestellt. Ich hatte kaum Gefühl im Fuß und konnte den Fuß nicht ansteuern. Ein Neurologe sagte mir dann, dass ich mich vielleicht doch eher fürs Studium entscheiden sollte, weil er aus neurologischer Sicht der Meinung war, dass es nicht mehr möglich wäre, auf diesem Niveau Fußball zu spielen. Das war im ersten Moment ein Schock, zumal ich vorher schon vier Monate in der Reha gearbeitet hatte. Ein anderer Arzt hat mir dann glücklicherweise Mut gemacht und mir gesagt, dass er mir das schon zutraut.

Haben Sie heute noch Probleme?
Probleme nicht direkt, also nichts, was mich im Spiel einschränkt. Es sind eher Dinge, die mich im Alltag beeinträchtigen. Durch diese Nervengeschichte habe ich zum Beispiel das Kälteempfinden so ein bisschen verloren. Das ist jetzt bei der Kälte ganz lustig. Das rechte Bein friert mir fast weg, am linken spüre ich fast gar nichts. Ich finde das ganz witzig, andere würden es vielleicht eher beängstigend finden. Ich habe gelernt, damit zu leben. Und keine Angst, wenn ich den Ball am Fuß habe, spüre ich schon, dass da ein Ball ist (lacht).

Hat Ihnen diese schwere Zeit im Nachhinein etwas gebracht, haben Sie vielleicht sogar etwas lernen können?
Man lernt, zu kämpfen und nicht aufzugeben. Ich habe fünf, sechs Monate keine sichtbaren Fortschritte gemacht. Bevor wir anfangen konnten, Muskulatur aufzubauen, mussten wir ja erst mal zusehen, dass ich den Fuß wieder bewegen kann. Ich habe jeden Tag acht Stunden in der Reha damit verbracht, meinen Fuß wieder ansteuern zu können. Wenn man kaum Fortschritte macht, ist es schwierig, sich bei Laune zu halten, jeden Tag aufzustehen und es immer wieder zu versuchen. Das hat mich schon weiter gebracht, auch weil man mit anderen Rückschlägen anders umgeht, weil man schon eine Extremsituation durchgemacht hat.

Sie sind ein reflektierender Mann, der sich auch Gedanken über Begebenheiten macht, die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Der Freiburger Nils Petersen sagte unlängst, dass als Fußballprofi die Gefahr bestünde, zu verblöden. Würden Sie diese Meinung teilen?
Ich kann mir denken, wie er das meinte. Man wird schon sehr auf den Fußball reduziert, die Gesprächsthemen sind auch oft nur auf Fußball begrenzt. Und egal, wo man hingeht, man wird ja immer nur auf den Fußball angesprochen: Wie läuft es bei der Eintracht, wie war das Training, wie oft trainiert ihr? Das ist halt etwas eindimensional. Da muss man schon etwas tun, um den Horizont zu erweitern.

Was macht man dagegen?
Ich habe Freunde, die zwar alle fußballbegeistert sind, aber ein Leben haben, das außerhalb des Fußballs stattfindet. Genauso ist das bei meinen Geschwistern. Deshalb habe ich genügend Leute um mich herum, die mich mit anderen Dingen des Lebens konfrontieren. Privat möchte ich schon vom Fußball abschalten. Ich lese gerne – Krimis, zocke auch Playstation. Aber nicht so gerne Fußball, irgendwann reicht es mal mit Fußball (lacht).

Sie haben ja auch mal ein dickes Ausrufezeichen gegen Rassismus gesetzt, als Sie den Schiedsrichter während einer Partie des FC Ingolstadt, für den Sie spielten, bei 1860 München darauf aufmerksam machten, dass Sie permanent rassistisch beleidigt werden. Das erfordert sehr viel Mut.
Es hat mir einfach gereicht. Ich habe das am Anfang sogar noch tolerieren können, aber irgendwann wurde es mir zu viel, es hat mich genervt. Das war der Grund, weshalb ich zum Schiedsrichter gegangen bin und ihn gefragt habe, ob er dafür sorgen könne, dass es aufhört. Mir ist es seitdem auch nicht mehr passiert.

Ihr Mitspieler Kevin-Prince Boateng geht sehr aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit vor, er kämpft förmlich dagegen an.
Er versucht, bei jeder Gelegenheit darauf hinzuweisen und die Menschen dafür zu sensibilisieren. Das finde ich gut. Es ist wichtig, dass es Leute wie ihn gibt, die sich dafür einsetzen. Für mich ist es aber eher nichts, mich in der Öffentlichkeit so zu positionieren. Nicht weil ich zu feige bin, sondern weil es nicht meinem Naturell entspricht, ich bin eher ein ruhiger Mensch. Und ich glaube, in Deutschland hat man ohnehin ein nicht so schwerwiegendes Problem mit Rassismus.

Als Prominenter hat Ihre Stimme aber doch noch mehr Gewicht.
Ich sehe mich nicht als Promi. Natürlich drehen sich die Menschen mal um, wenn man durch die Stadt geht und machen auch mal ein Foto. Aber Starkult ist nichts für mich, den brauche ich nicht. Es gibt Spieler, denen es total gefällt, wenn sie erkannt und angesprochen werden. Ich zähle nicht dazu.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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