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Stabilität war einmal

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Von: Ingo Durstewitz

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Michael Hector war auch gegen den Zweitligisten Arminia Bielefeld oft überfordert.
Michael Hector war auch gegen den Zweitligisten Arminia Bielefeld oft überfordert. © imago

Es gibt Gründe, weshalb Eintracht Frankfurt in der Rückrunde aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Hätte die Tabelle für das aktuelle, noch immer recht frische Kalenderjahr irgendeine Relevanz, was sie natürlich und glücklicherweise nicht hat, sähe es für Eintracht Frankfurt ganz schön mau aus. Aus sechs Partien in 2017 haben die Hessen magere sechs Zähler geholt, damit liegen sie auf Rang 17 dieses Klassements. Nur die Kollegen aus dem Süden des Bundeslandes, die aus Darmstadt, haben noch zwei Pünktchen weniger auf dem Konto, sind damit Schlusslicht, aber im Umgang mit der Roten Laterne kennen sie sich ja aus, die Lilien.

Viele Gegentreffer, wenig eigene Tore

Interessant dabei ist auch das Torverhältnis der Frankfurter, 3:10. Nur vier Teams haben mehr Treffer kassiert (Augsburg, Freiburg, Darmstadt und der Hamburg SV, der davon aber acht in einem Spiel schluckte), aber es gibt keine Mannschaft in der Bundesliga, die in diesem Jahr weniger Tore erzielt hat. Viermal blieb die Eintracht torlos, alle vier Spiele verlor sie, und das nicht mal mehr knapp wie in der Vorrunde, als sie dreimal 0:1 unterlag. In 2017 heißt es: 0:3, 0:3, 0:2, 0:2. In sechs der letzten neun Spiele blieb die Mannschaft von Trainer Niko Kovac ohne eigenen Treffer, bei keiner der zwölf Niederlagen unter Kovac hat sie im Übrigen ein Tor geschossen.

Die harten Fakten untermauern den Trend, der zurzeit nicht gerade ein guter Freund der Eintracht ist. Die Zahlen belegen auch, dass die Eintracht aus dem Gleichgewicht gekommen ist, mit einer unschönen Disbalance zu kämpfen hat, kurz gesagt: hinten zu anfällig, vorne zu harmlos. Aber weshalb?

Die Malaise fängt im Abwehrverbund an. Die Deckung wurde in der so ungeheuer erfolgreichen Hinserie nicht verändert, rechts tat Timothy Chandler Dienst, in der Mitte David Abraham und Jesus Vallejo, links verteidigte Bastian Oczipka. Meistens kam noch Makoto Hasebe als freier Mann der Abwehrkette hinzu, es war ein erfolgversprechendes Modell, eine Bastion, eine Ausgeburt an Stabilität. Durch die enorme Schnelligkeit der Verteidiger konnte die Abwehr insgesamt sehr hoch stehen und verteidigen, weshalb die Räume eng blieben und der Gegner schon früh unter Druck gesetzt werden konnte. Sinnigerweise hat die Eintracht ihre einzigen beiden Siege in diesem Jahr, auf Schalke und gegen Darmstadt 98, mit eben jener Formation errungen.

Doch peu à peu bröckelte die Eintracht-Deckung auseinander. Erst verletzte sich David Abraham, in Leverkusen setzte es mit Michael Hector an der Seite von Vallejo folglich ein 0:3. Gegen Ingolstadt zog sich Vallejo einen Muskelfaserriss zu (der offenbar schwerwiegender ist als bisher angenommen), mit Hector und Abraham rannte die Eintracht in ein 0:2. In Berlin wurde dann alles auf den Kopf gestellt, weil Vallejo verletzt und Abraham nach einem Kung-Fu-Tritt aus dem Ingolstadt-Spiel gesperrt war und auch am Sonntag gegen Freiburg noch ist. Mit Chandler, Hector und Oczipka in der Zentrale gab es ein schnödes 0:2.

Diese Niederlagen sind kein Zufall, sicherlich ist es auch kein Zufall, dass Michael Hector immer auf dem Platz stand, wenn es schiefging. Der furchtlose Jamaikaner mit englischen Wurzeln hat gewiss Qualitäten, im Kopfballspiel etwa, auch am Ball ist er nicht so schlecht wie es scheint. Doch der Hüne macht viel zu viele Fehler, ist gedanklich oft nicht schnell genug und definiert den Spielaufbau mit langen Schlägen von hinten heraus. Die zweiten Bälle gewinnen die Frankfurter aber schon lange nicht mehr.

Probleme in allen Mannschaftsteilen

Hector ist ein Sicherheitsrisiko, ihm fehlt die Klasse, er reicht an das Niveau seiner beiden Mitstreiter nicht heran. Doch auch am Sonntag wird er als einzig verbliebener Innenverteidiger seinen Mann stehen müssen, wahrscheinlich an der Seite von Oczipka, für den dann wiederum Taleb Tawatha links außen verteidigen müsste. Auch Tawatha kann dem Platzhirsch gerade in der Defensive noch lange nicht das Wasser reichen. Je öfter Tawatha spielt, desto auffälliger wird, wie gut der oft gescholtene Oczipka eigentlich seine Sache macht.

Diese Schwächungen ziehen sich im Grunde durchs ganze Team. Auch das defensive Mittelfeld ist durch den Weggang von Szabolcs Huszti nach China auseinandergerissen, und vielleicht war es doch keine so gute Idee, einen Spieler wie Johannes Flum wegzuschicken. Dem früheren Freiburger wurde sogar die Teilnahme am Trainingslager in Abu Dhabi verweigert, auf St. Pauli hat er nun aber seinen Anteil am bemerkenswerten Aufschwung der Hamburger.

Was ist mit Andersson Ordonez?

Der Eintracht sind finanziell die Hände gebunden, sie kann keine großen Sprünge machen, weshalb sie im Winter lediglich Perspektivspieler holte. Für den Sturm Marius Wolf, der in Hannover keine Rolle spielte. Für die Abwehr verpflichtete sie Andersson Ordonez, für den sie – warum auch immer – sogar eine Millionen Euro bezahlte. Der Ecuadorianer ist in Frankfurt nicht wirklich angekommen, zudem am Knie verletzt, womöglich sogar schwer, ganz sicher aber schwerer als die von der Eintracht bekanntgegebene Außenbanddehnung. Und fürs Mittelfeld kam Max Besuschkow aus der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart. Der 19-Jährige hat sicher Talent, aber er scheint den Anforderungen der Bundesliga noch nicht gerecht zu werden. Bei seinen bisherigen Auftritten konnte er nicht überzeugen. Mehr sei auf dem Transfermarkt aber nicht möglich gewesen. Einen Spieler wie Julian Baumgartlinger aus Leverkusen hätte die Eintracht gerne in ihren Reihen gewusst, doch der Bayer-Bankdrücker war nicht mal im Ansatz finanzierbar.

Und so muss Trainer Kovac im Mittelfeld immer wieder experimentieren und flickschustern. Mal spielt Hasebe an der Seite von Omar Mascarell, mal Mijat Gacinovic, mal gibt Mascarell den einzigen „Sechser“. Stabilität erreicht die Eintracht so nicht, weil Mascarell zwar enorm fleißig ist, aber eher im Raum spielt und selten dem Gegner wirklich auf dem Fuß steht. Mascarell ist zudem völlig torungefährlich, auch das Spiel nach vorne kurbelt er kaum an. Für Hasebe gilt das ebenfalls, ein Spieler wie Gacinovic ist überschätzt und überspielt, außerdem ein Flügelspieler. Und Aymen Barkok ist 18, ihm kann man diese Verantwortung nur schwer aufbürden.

Die Eintracht ist aus dem Gefüge gekommen, weil sie nicht mehr im Kollektiv angreift und nicht mehr gemeinsam als Mannschaft verteidigt. Das sollte sich schleunigst ändern – nur wie?

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