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Die Spinne und der Rabe

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Von: Thomas Kilchenstein, Jan Christian Müller

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Kein Loch, nirgends, wohin sich Torhüter Lukas Hradecky hätte verkriechen können.
Kein Loch, nirgends, wohin sich Torhüter Lukas Hradecky hätte verkriechen können. © AFP

Ein böser Fehler von Torhüter Lukas Hradecky bringt die Eintracht um den Lohn.

Es ist fast 36 Jahre her, als Jürgen Pahl beim Auswärtsspiel in Bremen den Ball abwerfen will. Am 4. Dezember 1982 hat der Torwart von Eintracht Frankfurt den Ball fest in den Händen. Die Partie des Tabellensechsten gegen den 14. im Bremer Weserstadion ist gerade erst angepfiffen worden. Pahl schaut rüber zu Ralf Falkenmayer, dem geplanten Adressaten für seinen Abwurf. Doch just in dem Moment dreht sich der defensive Frankfurter Mittelfeldspieler ab. Pahl reagiert, unterbricht die Abwurfbewegung jäh – und wirft sich den Ball ins eigene Tor. In genau jenes Tor, das einer seiner späteren Nachfolger, der Finne Lukas Hradecky, am 1. April 2018 hüten wird. Damals gewinnt Werder Bremen durch weitere Treffer von Rudi Völler und Wolfgang Sidka 3:0, Pahl wird zur Pause von Trainer Branko Zebec gegen Joachim Jüriens ausgewechselt, und der unglückliche Keeper kommentiert hinterher selbstbewusst: „Solche Eier passieren nur großen Torhütern.“ Fünfunddreißigeinhalb Jahre später, passenderweise am Ostersonntag, liegt wieder so ein Ei im Frankfurter Nest. Die 79. Spielminute ist gerade angebrochen, die Gäste haben die Partie in Bremen nach 0:1-Rückstand gut in den Griff bekommen, als Lukas Hradecky ganz in der Nähe jener Stelle, in der Jürgen Pahl sich den Ball vor Urzeiten in die eigene Kiste befördert hatte, schwerwiegend patzt (siehe auch Bericht auf vorheriger Seite). Ein Torwartfehler von jener Sorte, die einem Keeper auf diesem Niveau in seiner Karriere nicht oft passiert. Ein Fehler mit äußerst unangenehmen Folgen. Die Eintracht verliert 1:2, und der Eintracht-Torwart sagt hinterher in seinem lustigen Hradecky-Deutsch: „Ich habe den Ball untergeschätzt. Er ist ein bisschen weiter gekommen, als ich dachte. Tut mir wirklich leid für die Mannschaft, dass ich den Punkt gekostet habe. Das ist die Verhexung in unserem Beruf.“

Es war wirklich wie verhext. Denn die harmlose Kopfballverlängerung von David Abraham hätte selbst ein 1,75 Meter großer Kreisklasse-Keeper bei voller Konzentration problemlos heruntergepflückt. Stattdessen flutschte der Ball dem 1,90-Meter-Mann Hradecky durch die Finger ins Tor. „Die Mannschaft hat gut gespielt. Das macht mich noch mehr sauer auf mich selber. Wir hätten einen Punkt verdient“, ärgerte sich der 28-Jährige und hofft, dass er nur einige Tage brauchen wird, um diesen Bock zu verarbeiten. Glaubt man seinem Teamkollegen Kevin-Prince Boateng, dann schafft der meist gut gelaunte Finne das alleine: „Der baut sich selber auf. Er trinkt jetzt ein Bier, dann ist alles wieder gut.“ Ohnehin machte Boateng der letzten Frankfurter Instanz auf dem Platz „keinen Vorwurf. Er ist ein überragender Torwart. Lukas hat uns oft schon gerettet in diesem Jahr.“

Auch in Bremen hatte Hradecky zuvor respektabel gehalten, vor allem bei einem Kopfball von Ishak Belfodil noch vor der Pause, und allenfalls ein paar bekannte, dennoch langsam extrem ärgerliche Unsicherheiten bei Abschlägen offenbart, die viel zu oft im Seitenaus landeten. Leistete sich am Sonntag tatsächlich die meisten Fehlpässe aller Frankfurter Spieler, nämlich 15. Insgesamt spielt die Frankfurter Nummer eins eine ordentliche Saison, oft hatte er aber auch wegen konsequenter Abwehrarbeit der Hintermannschaft wenig Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Allerdings war dieser Bolzen nicht der erste; zuletzt beim 4:2-Sieg gegen den 1. FC Köln ließ er ebenfalls einen harmlosen Kopfball über die Linie kullern. Dieser Rabe hatte aber keinerlei Auswirkungen, die Eintracht führte bereits 4:1. Der Blackout von Bremen umso mehr. Man stelle sich nur vor, es wäre der 34. Spieltag gewesen. Dieser katastrophale Fehler hätte die Eintracht mindestens 20 Millionen Euro gekostet. Bei einem 1:1 stünden die Hessen auf Platz vier, das ist ein Champions League-Platz, wegen Hradecky rangieren sie nun auf Rang sechs. Und Hoffenheim, der nächste Gegner, ist nur noch drei Punkte hintendran. Dessen ungeachtet lassen sich die Fehler „der Spinne“ in seinen drei Frankfurter Jahren an den Fingern einer Hand abzählen.

Es ist zudem eine Saison, die schon vor dem Start von ständiger Unruhe um mehrfach gescheiterte Gespräche über eine Vertragsverlängerung begleitet wurde. Hradeckys Vertrag läuft im Sommer aus, die Eintracht hätte gerne verlängert, sein Vater hat sich jedoch als ausgesprochen hartnäckiger Verhandlungspartner erwiesen, die Vorstellungen der Hradecky-Seite und die der Eintracht lagen viel zu weit auseinander, als dass eine Einigung hätte konkret werden können.

Wohin geht die Reise?

Zuletzt verdichteten sich die Anzeichen, der 36-fache finnische Nationaltorwart könnte ab der kommenden Saison in Arbeitskluft von Bayer Leverkusen oder Borussia Dortmund anzutreffen sein. Vor allem nach Leverkusen führen Spuren. Dort soll Bernd Leno aufgrund einer Ausstiegsklausel über rund 25 Millionen Euro und großem Interesse vom SSC Neapel, aber auch von Arsenal London und Atletico Madrid, vor dem Absprung stehen. Der ablösefreie Hradecky rückt da ganz selbstverständlich in den Fokus, Bayer wäre unter diesen Umständen zweifellos in der Lage, die vom Papa erwartete Jahresgage von rund vier Millionen Euro zu berappen. Eintracht Sportvorstand Fredi Bobic glaubt zumindest öffentlich nicht, dass die Situation um den Torhüter etwas mit dessen Bock in Bremen zu tun hat. „Zu sagen, er wäre mit den Gedanken woanders, ist zu einfach“, sagte Bobic, der sich ansonsten nichts vormacht. Die Möglichkeit, dass Hradecky der Eintracht erhalten bleibt, schätze er als „sehr gering“ ein, „das muss man realistisch sehen“. Denn der Klub muss diese durchaus pikante Frage zeitig und ohne den ganz großen Druck zu lösen versuchen. Die Argumentation des Chefs ist somit nachvollziehbar: „Wir haben immer gesagt, dass die Tür noch offen ist, aber irgendwann ist sie auch zu.“ Ein Nachfolger soll zudem bereits feststehen. Lukas Hradecky selbst hielt sich in dieser Frage, wie immer, bedeckt. Eine Tendenz, wohin die Reise geht, könne er nicht geben. „Wenn ich so spiele wie heute, ist das scheißegal. Dann will mich sowieso keiner.“

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