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Aus dem Wandervogel ist eine treue Seele geworden: Frankfurts Dauerläufer Gelson Fernandes bleibt noch ein Jahr.

Eintracht Frankfurt

Spiel ohne Grenzen

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Die vor Selbstvertrauen strotzende Frankfurter Eintracht hat in Mainz noch nie gewinnen können, doch das will sie am Mittwoch ändern.

Beim Nachbarn aus Mainz, von Frankfurt aus locker mit der S-Bahn oder auch dem Schiff zu erreichen, hat die Eintracht noch nie einen Blumentopf gewinnen können. Da halfen keine doppelten Eigentore eines Spielers der Rheinhessen (Nikolce Noveski) und auch keine 2:0-Führungen. In Mainz gab es für die Frankfurter in zehn Anläufen in erster oder zweiter Liga wenig bis gar nichts zu holen, immerhin reichte es zu fünf Unentschieden – und einem 1:0-Erfolg im DFB-Pokal durch ein schmuckloses Tor in der 98. Minute durch Reinhold Jessl. Das ist noch gar nicht so lange her, 32 Jahre erst. 

Adi Hütter ist der nächste Trainer, der versuchen wird, diesen Bann zu durchbrechen. In Augsburg hat er das mit seiner Mannschaft geschafft, vor der heutigen Partie in der rheinlandpfälzischen Landeshauptstadt (20.30 Uhr) sagt der Österreicher indessen lediglich: „Wir sollten das nicht großartig zum Thema machen.“ 

Es ist eher kein Zufall, dass sich die Eintracht bei den Nullfünfern in der Vergangenheit so ungemein schwer getan hat, meistens ist sie irgendwann einfach „aufgefressen“ worden von den Mainzer Mannschaften, die zumeist sehr viel Behauptungswillen, Kampfeslust und Bereitschaft an den Tag legten. Und nun? Haben die Frankfurter ja selbst so ein Ensemble beisammen, das in der Lage ist, einen Kontrahenten einfach niederzuwalzen und das von Ex-Nationalspieler und TV-Experte Dietmar Hamann als „Mentalitätsmonster“ geadelt wurde. 

Darin steckt sehr viel Wahrheit, erst am vergangenen Sonntag beim 2:1-Heimsieg gegen Bayer Leverkusen stellten die Hessen ihre Widerstandsfähigkeit und ihren Jagdinstinkt unter Beweis. „Das war das intensivste Spiel der Saison“, sagte Coach Hütter und konnte das mit statistischen Materialien belegen: Die Anzahl an schnellen Läufen und Sprints sei noch mal höher als für gewöhnlich gewesen, und sonst rennen und spurten seine Mannen auch schon, als sei der Beelzebub in Turnschuhen höchstselbst hinter ihnen her. 

Hütter beeindruckt

Und das Ganze nach einer kräftezehrenden Hinrunde mit allerlei Englischen Wochen und drei Tage nach einem Europapokalspiel bei Lazio Rom. Die Art und Weise, wie seine Elf die Werkself letztlich in die Knie gezwungen habe, „hat mir sehr imponiert“, befand der Fußballlehrer. „Wenn wir das annähernd in Mainz hinbekommen, werden wir ein positives Ergebnis erzielen.“

Wenn nicht, dann eher nicht, „wenn wir nicht 120 Prozent geben, sind wir eine normale Mannschaft“, sagte Gelson Fernandes, der Routinier, der gestern seinen Vertrag um ein weiteres Jahr bis 2020 verlängerte. Und als normale Mannschaft wird es in der Bundesliga schwer. „In Nürnberg oder gegen Wolfsburg waren wir platt“, betonte der Schweizer, der die Folgen ganz plausibel aufzeigte: „Wenn wir müde sind und nicht so sprinten können wie sonst, sind wir weniger gut, weil wir weniger Druck auf den Gegner ausüben können.“ 

Schließlich sei man gewiss kein Team, das andere Mannschaft im Vorbeigehen und mit „spielerischen Mitteln“ schlagen könne. „Wir sind eine Mannschaft, die nicht abwarten kann, wir haben Spieler, die laufen, sprinten und kämpfen können – und das ist gut so.“ Genau diese Eigenschaften, gepaart mit einer nicht zu unterschätzenden Qualität im Tor, auf den Flügeln und im Sturm, haben die Eintracht so stark gemacht und in die Spitzengruppe der Liga geführt.

Der körperliche Zustand ist auch jetzt, kurz vor Weihnachten und trotz der vielen Spiele, noch erstaunlich gut. „Wir haben nicht nur gute Fußballer, sondern auch gute Athleten“, sagte Adi Hütter, der sich diebisch darüber freut, dass seine Mannschaft nicht eingebrochen ist: „Viele haben erwartet, dass wir das hohe Tempo nicht bis zum Ende gehen können. Wir haben die Kritiker Lügen gestraft.“ 

Fernandes’ Frust ist verflogen

Dass der eine oder andere mal eine kleinere Verschnaufpause einlegen müsse, sei nur allzu verständlich, alles andere wäre, wie Hütter beschied, völlig unnormal. „Wenn der Tank jetzt noch voll wäre, hätten wir irgendwas nicht richtig gemacht.“ Die Mannschaft sei nach wie vor willig und gierig, „sie spielt am Limit, sie versucht immer, an ihre Grenze zu gehen.“ Und: „Sie strotzt vor Selbstvertrauen.“ 

Für Gelson Fernandes, den Vater der Kompanie, ist das alles gut und schön, aber „es ist Dezember, wir haben noch gar nichts erreicht“. In Frankreich, bei Stade Rennes, habe man dreimal ebenfalls eine herausragende Hinrunde gespielt und „am Ende waren wir dann Siebter oder Achter“. So ist es der Eintracht in den vergangenen beiden Jahren ja auch gegangen. „Aber daraus muss man irgendwann auch lernen“, forderte Fernandes, der 32 Jahre alte Kosmopolit, der in der neuen Saison in sein drittes Jahr am Main gehen wird. 

Er hätte, wie er einräumte, den Verein im vergangenen Sommer verlassen können, doch er hat gefühlt, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen war, er sah sich in der Bringschuld, weil die abgelaufene Runde für ihn nicht so lief wie erhofft. „Ich hatte das Gefühl, hier noch keine Spuren hinterlassen zu haben, es hat etwas gefehlt.“ 

Eine Verletzung im September 2017 habe ihn so ein bisschen aus der Bahn geworfen, anschließend sei er nicht mehr richtig in die Mannschaft hineingekommen, zwei, drei Spiele am Stück gestand ihm Ex-Coach Niko Kovac nicht zu. Die Situation frustrierte Fernandes, „weil ich wusste, dass ich der Mannschaft mehr geben könnte, ich wollte mehr bringen.“ 

Und deshalb sei es für ihn gar nicht in Frage gekommen, nach einem für ihn durchwachsenen Jahr die Flinte ins Korn zu werfen und Reißaus zu nehmen. Dafür ist er nun belohnt worden: Gelson Fernandes ist mittlerweile ein Führungsspieler und eine Integrationsfigur in der Kabine. Jetzt fühlt es sich für ihn richtig an.

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