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Bleibt er oder geht er? Lukas Hradecky.

Eintracht Frankfurt

Ein sonderbarer Rundumschlag

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Eintracht-Aufsichtsratsboss Wolfgang Steubing geht aus unerfindlichen Gründen auf Hradecky und Meier los.

Vor wenigen Tagen hat der Frankfurter Sportvorstand Fredi Bobic ziemlich viel dafür getan, ein paar sich so langsam auftürmende Wogen zu glätten und die Saison in einem angemessenen, ruhigen Rahmen beginnen zu lassen. Den Fall Alexander Meier hat der frühere Nationalstürmer zu einem Gipfel der Torjäger erklärt, den man quasi auf Augenhöhe und dann mit einiger Verspätung doch bemerkenswert geräuschlos beigelegt hat, „ohne Sündenböcke“ zu suchen. Das war ganz clever. Die Muskeln hat der Sportchef nicht spielen lassen, sondern ganz auf Ausgleich gesetzt. Auch im Poker um Torwart Lukas Hradecky reagierte Bobic cool und besonnen, stellte weitere Gespräche in Aussicht, und dann werde man sehen, wie die Zukunft des finnischen Nationalkeepers aussehen und vor allem wo sie liegen wird.

Nur einen Tag später ist dann Wolfgang Steubing, der Mann aus dem Hintergrund, auf die Bühne getreten – und von Zurückhaltung oder Annäherung war nicht mehr viel zu spüren. „Steubing teilt aus.“ So überschrieb die „Bild“-Zeitung ein Interview mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Eintracht – und das Boulevardblatt hat nicht mal übertrieben. Der 67-Jährige verblüffte in dem Gespräch fürwahr mit einigen offensiven und gewagten Aussagen, die so nicht zu erwarten waren und etwas sonderbar anmuten.

In erster Linie ging es um die verwirrende Informationspolitik rund um die Verletzung von Kapitän Alexander Meier und die Vertragsverhandlungen mit Lukas Hradecky. Dem Eintracht-Torwächter wirft der Börsenguru recht unverblümt Geldgier vor. Auf die Frage, ob es Hradecky alleine ums Geld gehe, antwortete Steubing: „Nur.“ Vom Verhalten des Finnen sei er „sehr, wirklich sehr“ enttäuscht. Starker Tobak.

Die Fakten sind weithin bekannt: Der Torwart besitzt in Frankfurt noch ein gültiges Arbeitspapier bis 2018, er gehört zurzeit zu den Geringverdienern im Kader, streicht per annum rund 800 000 Euro (exklusive Prämien) ein. Das ist für Bundesligaverhältnisse nicht eben die Welt, in der höchsten deutschen Spielklasse liegt das Durchschnittsgehalt bei rund zwei Millionen Euro.

Es ist unfair, den Torhüter als Raffzahn darzustellen

Hradecky, auch das ist keine Neuigkeit mehr, will seine guten Leistungen entsprechend gewürdigt wissen – vor allen Dingen monetär. Der 27-Jährige knüpft eine Vertragsverlängerung also an bestimmte Bedingungen oder, besser gesagt, an eine bestimmte Summe: 4,5 Millionen Euro will er jährlich einstreichen. Das ist ein Haufen Geld, und für einen Verein wie Eintracht Frankfurt sicherlich zu viel Geld, selbst wenn es sich um einen unbestritten guten Schlussmann handelt, der erst unlängst in einer Umfrage des Fachmagazins „Kicker“ unter 50 000 Lesern zum drittbesten Keeper der Bundesliga gewählt wurde. Die Eintracht hat sich schon ganz schön gestreckt und dem Schlussmann ein gutes, werthaltiges Angebot gemacht, ein jährliches Gehalt von knapp drei Millionen Euro offeriert. Das hat die Hradecky-Partei um Vater Vlado, gleichzeitig sein Berater, abgelehnt.

Der Herr Papa gilt als knallharter Verhandlungspartner, und im Forderungskatalog der Hradeckys sollen tatsächlich Bonuszahlungen für besondere Leistungen (gehaltene Elfmeter, Spiele zu Null) aufgetaucht sein. Das mag verwirrend und für viele neu sein, ungewöhnlich sind Extraprämien – zumindest bei Stürmern – aber nicht. Für Torhüter freilich sehr wohl.

All das muss man nicht gut und kann es auch befremdlich finden, aber es ist andererseits nicht fair, den Torhüter als Raffzahn hinzustellen. Fakt ist: Hradecky hat einen noch ein Jahr laufenden Arbeitsvertrag. Er tut absolut nichts Unrechtes, wenn er diesen – zu den beschriebenen „geringen“ Bezügen übrigens – erfüllen möchte. Es ist genauso sein gutes Recht, möglichst viel Geld für sich herauszuschlagen zu wollen. Und es ist das gute Recht des Vereins, diese Forderungen nicht zu erfüllen.

Ihn aber nun in eine Ecke zu drängen und auch bei den Fans in ein schlechtes Licht zu rücken, gehört sich einfach nicht.

Hradecky ist ein offener, lebenslustiger, aber auch reflektierter Typ, der sich nichts hat zu schulden kommen lassen. Wer sich länger mit ihm unterhält, der spürt, wie unangenehm ihm das Gefeilsche und Gezocke ist, weshalb er sich aus den Verhandlungen raushält und seinem Vater das Feld überlässt. Das ist vielleicht nicht besonders klug, aber seine Art, damit umzugehen. Und wie sehr ihn die gesamte Situation belastet, das zeigten auch seine Leistungen in der Rückrunde, die – einhergehend mit dem beginnenden Poker – stark nachließen. Das vergangene halbe Jahr gehört sicher zur schwächsten Phase seiner Frankfurter Zeit.

Weshalb Wolfgang Steubing, ein kluger, cleverer Mann, der sich stets im Schatten aufhält und sich aus dem operativen Geschäft heraushält, nun eine Flanke aufmacht, lässt sich schwer ergründen. Klar ist, dass der Keeper in Frankfurt nun immer schwerer zu vermitteln sein wird. Dem gibt der Aufsichtsratschef Vorschub, indem er in „Bild“ sagt: „Er war Everybody’s Darling. Inzwischen glaube ich aber, er verliert ganz viele Sympathien. Das ist sehr schade – für ihn, aber auch für uns.“

Vielleicht ist Steubings Vorstoß auch ein letzter, verzweifelter Versuch, Druck auf den Torwächter auszuüben. Dabei, und das ist sonnenklar, sitzt die Eintracht am kürzeren Hebel, sie hält das Heft des Handelns nicht in der Hand. Es ist als Arbeitnehmer nichts Verwerfliches, seinen Vertrag zu erfüllen und sich anschließend anderweitig zu orientieren. Das hat seinerzeit schon Sebastian Rode so gemacht und zuletzt Haris Seferovic, der bis zum Schluss ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft war und sogar beim Spiel der Spiele, dem DFB-Pokal-Finale in Berlin, 90 Minuten auf dem Platz stand.

Nach dem Saisonabschluss im Mai hatte man Hradecky indessen sogar mit einem Platz auf der Tribüne gedroht, wenn er seinen Kontrakt nicht verlängert. Die Eintracht will es nämlich auf alle Fälle vermeiden, dass der Spieler den Klub in einem Jahr ablösefrei verlässt – was für die Profis generell eine interessante Option ist, weil sie in der Regel dann noch mal mit einer saftigen Einmalzahlung des aufnehmenden Vereins rechnen können.

Steubing gibt unumwunden zu, dass es für die Eintracht nicht sonderlich glücklich wäre, wenn ihr Torhüter ihr in zwölf Monaten ohne entsprechende Ausgleichszahlung eines anderen Klubs den Rücken kehren würde. „Richtig leisten können wir uns das nicht“, sagte der Chef des Kontrollorgans. „Wir sind auf jeden Cent angewiesen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Wie wir das Problem lösen, kann ich Ihnen jetzt auch noch nicht sagen. Aber Fakt ist: Es ist ein Problem.“

Eines, das nun noch schwieriger zu lösen sein wird, denn die Fronten können sich durch unbedachte Äußerungen auch mal leicht verhärten. Dabei bastelt die Eintracht schon länger an einem Modell, um nicht ganz leer auszugehen. Da war auch mal von einer Vertragsverlängerung um nur ein weiteres Jahr die Rede – mit einer festgeschriebenen Ablösesumme für den kommenden Sommer. Da hätte man genügend Zeit, einen Nachfolger zu holen und würde wirtschaftlich nicht in die Röhre schauen.

Auch der Kapitän bekommt den Kopf gewaschen

Ob Alexander Meier über 2018 hinaus in Frankfurt sein wird, darf ebenfalls bezweifelt werden. Auch er bekam von Steubing via Zeitung den Kopf gewaschen. Der Aufsichtsrat hievte den Fußballgott zwar zunächst auf ein Podest: „Wir wissen ganz genau, was wir an ihm haben: Grabowski, Hölzenbein, Körbel – dann kommt schon er. So viele Ikonen haben wir nicht. Ich würde ihn weiterhin sehr gerne weiter bei Eintracht sehen.“ Doch dann geißelte er den 34-Jährigen, weil dieser sich nicht an seine Informationspflicht gehalten habe. „Ein Kapitän muss vorangehen – mit guter Leistung und mit Disziplin und Ordnung. Wenn das nicht gewährleistet ist, sagen junge Spieler vielleicht: ,Warum soll ich, wenn der es nicht macht?‘ Dieser Vorgang beinhaltet Zündstoff.“

Zündstoff beinhaltet vor allem eins: Steubings Rundumschlag via Boulevard.

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