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"Wenn wir oben angreifen können, werden wir das versuchen." Timothy Chandler.

Timothy Chandler

"Das sind Mentalitätsmonster"

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Eintracht-Verteidiger Timothy Chandler über Willen, Charakter und Führungskräfte in Frankfurt.

Herr Chandler, Trainingslager sind in der Regel für Profifußballer ja nichts wirklich Angenehmes, eher lästige Pflicht. Ist das hier in Spanien dieses Mal etwas anders, weil nicht so viel Kondition gebolzt wird und das Wetter sehr viel besser als in Deutschland ist? Die Sonne, sagte sinngemäß auch Sportdirektor Bruno Hübner unlängst, könne die Seele streicheln. 
Absolut. In Deutschland war es ja stürmisch und regnerisch, da ist das hier schon etwas anderes. Es ist ein Unterschied, ob die Sonne scheint, wenn man morgens aus dem Bett steigt, oder ob es kalt ist und regnet. Da fühlt man sich wohler, da geht man lieber auf den Platz. Wir trainieren kurzärmlig, haben Spaß. Es ist schon wichtig, mal für ein paar Tage rauszukommen und mit der Mannschaft in so einer Atmosphäre zusammen zu sein. 

Die Winterpause ist historisch kurz. Wie geht man damit um? Hat man Zeit, abzuschalten und den Akku aufzuladen?
Wir hatten über Weihnachten ja ein paar freie Tage, um abzuschalten und den Fußball mal beiseite zu schieben. Und jetzt ist man gleich wieder drin, braucht keine lange Anlaufzeit. Man verliert nicht so viel von seinem Fitnesslevel in dieser kurzen Pause. Von daher sind wir fit und müssen auf diesem Sektor nicht so viel arbeiten. Wir stehen voll im Saft und können uns deshalb auf ein paar Sachen konzentrieren, die wir in der Hinrunde nicht immer so gut gemacht haben. 

Trainer Niko Kovac legt im Training Wert darauf, dass die spielerische Komponente in den Vordergrund geschoben wird. 
Natürlich. Wir wollen den Ballbesitz verbessern, das hat in der Hinrunde nicht so gut geklappt. Wir wissen, dass unser Umschaltspiel mit unseren schnellen Leuten sehr gut funktioniert, deshalb wollen wir uns jetzt etwas mehr aufs Taktische und Fußballerische konzentrieren. Da wollen wir uns verbessern, das wollen wir gegen Freiburg schon zeigen. 

Inwiefern hilft es, dass in Marco Fabian und Omar Mascarell zwei gute Fußballer nach ihren Verletzungen zurückkehren?
Sie verstärken uns qualitativ enorm. Allein, wie Omar da in der Mitte den Ball hält und das Spiel beruhigt, das hilft uns total. Er hat eine gute Übersicht, ist ballsicher, hat eine gute Ausbildung genossen. Marco ist genauso wichtig, er hat gezeigt, was er kann, dass er Tore schießen, aber auch arbeiten kann. 

Die Hinrunde war gut, 26 Punkte, achter Platz, DFB-Pokal-Viertelfinale. Und doch war es spielerisch oft nicht berauschend. Ist Ihnen das egal oder haben Sie den Anspruch zu sagen, das müssen wir verbessern? 
Natürlich waren ein paar dreckige Spiele dabei, aber wenn wir am Ende 1:0 gewinnen und drei Punkte haben, sind wir darüber auch glücklich. Generell ist aber klar, dass wir uns verbessern wollen. 

Ist die Punkteausbeute okay oder hätten es gar ein paar Zähler mehr sein können?
Die 26 Punkte sind kein Zufall, ich denke, wir hätten noch ein paar Zähler mehr auf dem Konto haben können. Aber man sieht auch, wie eng die Liga ist. An einem Spieltag kann sich vieles drehen. 

Schielen Sie, wie einige Mitspieler, nach Europa?
Es kann schnell nach oben und unten gehen, da muss man aufpassen und vorsichtig sein. Für jeden Spieler ist es sicherlich ein Traum, mit der Eintracht europäisch zu spielen. Aber wir müssen erst einmal genügend Punkte sammeln, um nicht unten reinzurutschen, und dann kann man auch nach oben schauen. 

Die Topklubs scheinen sich in dieser Saison – anders als in der letzten – keine Blöße zu geben, alle Vereine, die gemeinhin oben erwartet werden, stehen auch im ersten Drittel. Ist das für einen Verein wie die Eintracht, die in Lauerstellung liegt, ein Nachteil?
Eigentlich ist das ja nur normal. Aber wir haben gezeigt, dass wir auch gegen große Mannschaften sehr, sehr gut mithalten können. Das wollen wir auch möglichst in der Rückrunde zeigen. Wenn wir oben angreifen können, werden wir das versuchen. 

Ist die Liga tatsächlich so ausgeglichen wie nie?
Ja, absolut. Jeder kann jedes Spiel gewinnen oder verlieren – egal bei was für einem zwischenzeitlichen Spielstand. Okay, für die Bayern gilt das vielleicht nicht, sie haben fast alles gewonnen, aber das ist das einzige Team. Selbst Schalke als Zweiter hatte viele knappe Spiele. 

Wie ist Ihrer Ansicht nach diese Diskrepanz zwischen der miesen Heim- und der imposanten Auswärtsbilanz der Eintracht zu erklären?
Die Gegner stellen sich auf uns ein, sie machen es uns zu Hause schwer, stehen sehr massiv, weil sie wissen, wie gut wir umschalten und wie schnell wir dann nach vorne spielen können. Deshalb versuchen wir ja jetzt im Trainingslager schon, uns in dieser Hinsicht zu verbessern, ruhiger bei Ballbesitz zu sein und besser nach vorne zu spielen. 

Haben Sie Angst vor einem Absturz wie in der vergangenen Rückrunde, als die Mannschaft nur noch 13 Punkte holte und das schlechteste Team der zweiten Saisonhälfte war?
Nein. Gar nicht. Wir haben einen großen und breiten Kader mit sehr viel Qualität. So etwas wird uns nicht noch mal passieren, auf gar keinen Fall. 

Weil die Mentalität des Teams extrem ausgeprägt ist?
Ja. In puncto Willensstärke und Mentalität ist unsere Mannschaft über jeden Zweifel erhaben. Das ist nicht einfach so dahergesagt, das sieht man doch auch auf dem Platz. Wir stehen immer als Einheit auf dem Feld, da weicht keiner auch nur einen Zentimeter zurück. Jeder kämpft für jeden in jedem Spiel. Da muss man der Mannschaft ein ganz großes Kompliment machen. 

Woher rührt diese Einstellung?
Das ist eine Frage des Charakters. Wir haben einen außerordentlichen Teamspirit. Das wird ja schon von den Trainern vorgelebt. Das sind Mentalitätsmonster. Der Trainer gibt das vor, wir sehen, wie er jeden Tag arbeitet und welche Mentalität er vorlebt, das versuchen wir nachzuleben. Und das färbt auf die ganze Mannschaft ab, deshalb kämpfen wir in jedem Spiel bis zur letzten Sekunde. Man kann uns sicher manches vorwerfen, aber nicht, dass wir nicht alles geben. 

Und das, obwohl so viele Nationen unter einem Banner für die Eintracht spielen.
Das gibt uns noch mehr Input. Der Charakter, nicht die Nationalität, ist entscheidend, und da stimmt alles. Hier gibt jeder alles für den Fußball. Das ist super. Deshalb sind wir eine eingeschworene Einheit. 

Haben Sie persönlich eigentlich Angst davor, Ihren Stammplatz zu verlieren? Marius Wolf hat die Position des Rechtsverteidigers während ihrer Knieverletzung gut ausgefüllt. 
Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich bin nach meiner Verletzung gut zurückgekommen, habe in Hamburg 90 Minuten gespielt. Der Trainer weiß, was er an mir hat, er weiß, was er an Marius hat. Der Trainer stellt auf, er wird die elf richtigen finden, die gegen Freiburg spielen. Die, die auf der Bank sind, sind auch wichtig, um reinzukommen und Leben reinzubringen. Man kann ja keine 15 Spieler aufs Feld stellen, deshalb wird es immer Härtefälle geben. Jeder kann immer nur alles geben, der Trainer entscheidet dann und man muss sich damit zufrieden geben. So läuft das im Profifußball. 

Aber der Konkurrenzkampf mit Marius Wolf ist gesund?
Natürlich. Marius ist ja auch so ein Beispiel, was man für eine Entwicklung nehmen kann. Er ist in der Mannschaft gewachsen, hat es sehr gut gemacht, als er reinkam. Man sieht, wie wir als Mannschaft  zusammenstehen. 

Der Charakter, nicht die Nationalität, ist entscheidend, und da stimmt alles. 
Er ist ein Führungsspieler, das hat er in seinen Genen. Er tut der Mannschaft gut, hat in vielen großen Vereinen gespielt und Wahnsinniges abgerufen. Viele jüngere Spieler schauen zu ihm auf. So einen Spieler braucht man in der Mannschaft, das ist sehr, sehr gut fürs Team.

Interview: Ingo Durstewitz 

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