Soll den Frankfurter Nachwuchskickern das Toreschießen beibringen: Alex Meier.
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Soll den Frankfurter Nachwuchskickern das Toreschießen beibringen: Alex Meier.

Nachwuchsarbeit

Eintracht Frankfurt und das Phantom Kai Havertz

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt baut die Nachwuchsarbeit am Riederwald komplett um und hofft, in Zukunft Topspieler auszubilden

  • Eintracht Frankfurt schraubt an seiner Nachwuchs-Abteilung.
  • Die SGE möchte einen Topspieler wie Kai Havertz ausbilden.
  • Das sind die Pläne der Eintracht.

Der deutsche Nationalspieler Kai Havertz, eine Ausnahmeerscheinung , hat bei seinem Ausbildungsverein Bayer Leverkusen nun um die Freigabe gebeten, wahrscheinlich, um zum FC Chelsea wechseln zu dürfen, der ja auch schon Timo Werner aus Leipzig gekauft hat. Havertz, 21, in Leverkusen fußballerisch groß geworden, wird dem Werksverein knapp 100 Millionen Euro in die Kasse spülen. Das ist verdammt viel Zaster und Dimensionen, bei denen anderen schwindelig wird. Fredi Bobic, der Frankfurter Chefeinkäufer, gehört nicht zu dieser Kategorie, er hat ebenfalls schon fette Millionendeals abgeschlossen, allerdings nicht für Jungs aus dem eigenen Stall. „Nicht jeder“, sagt der Eintracht-Sportvorstand also, „ist ein Kai Havertz.“ So sieht es mal aus.

Die letzten Spieler, die am Riederwald ausgebildet wurden und es zu einem höherklassigen Verein geschafft haben, sind Marc Stendera und Aymen Barkok. Stendera machte 17 Partien in der zweiten Liga für Hannover 96 – und ist jetzt arbeitslos gemeldet. Barkok spielte für Fortuna Düsseldorf, zuletzt aber nur in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga West, er wird nach dem wenig erfolgreichen Leihgeschäft in seine Heimatstadt zurückkehren. Die Akteure, die in der jüngeren Vergangenheit einen Profivertrag bei der Eintracht ergattern konnten, bekamen diesen in erster Linie, um gewisse DFL-Quotenregelungen zu erfüllen. Echte Chancen, sich in der Bundesliga durchzusetzen, hatten sie nicht.

Nachwuchskicker bei Eintracht Frankfurt: Frosch im Ball

Und so verabschiedeten die Frankfurter nun die Nachwuchskicker Sahverdi Cetin, Patrick Finger und Max Hinke. Cetin, immerhin, hatte es siebenmal in den Kader geschafft und ein dickes Lob von Adi Hütter eingeheimst. „Er macht eine tolle Entwicklung“, sagte der Trainer im Februar. „Ich überlege schon lange, ihn ihm richtigen Moment mal zu präsentieren.“ Der kam aber nie, der richtige Moment, nach dem Re-Start schaffte es der 19-Jährige nicht mehr ins Aufgebot. Das große Problem des Mittelfeldspielers ist das fehlende Tempo.

Für Sportvorstand Fredi Bobic ist die Geschichte des früheren Juniorennationalspielers fast schon beispielhaft. Cetin habe „einen richtig großen Sprung gemacht“, lobt der Sportchef, aber er habe arrivierte Kräfte vor sich gehabt, die nicht verletzt waren und die Saison „sauber durchgezogen“ hätten. Nun müsse der Deutsch-Türke den „nächsten Schritt“ bei einem anderen Verein machen. „Ich würde mich freuen, wenn er sein Glück findet“, sagt Bobic, der betont, dass Spielpraxis für die Talente „das Wichtigste überhaupt“ sei. Deswegen gehe man selbst den Weg, junge Spieler auszuleihen, „egal, ob in die zweiten Liga oder nach Belgien.“

Nachwuchs bei Eintracht Frankfurt: „Dann geben wir ihn nicht ab“

Generell, findet der 48-Jährige, sei es für die Youngster immer schwerer geworden, „den Sprung vom Nachwuchsleistungszentrum in die Bundesliga zu schaffen“. Und daran werde auch Corona und die dadurch nicht mehr ganz so prall gefüllten Kassen der Vereine nichts ändern. Das Kardinalproblem des Eintracht-Nachwuchses fasst Bobic mit einem prägnanten und alles sagenden Satz zusammen: „Wenn einer herausragend gut ist, geben wir ihn nicht ab.“

Denn es waren nicht die Profitrainer, die den Durchbruch der Talente verhinderten, sondern die eher suboptimale Ausbildung zuvor, die fehlende Förderung - und letztlich war es auch eine Frage der Qualität. „Unser Ex-Trainer Niko Kovac hat immer gesagt, es kann nicht sein, dass bei den Jungs, die zu uns hochkommen, ein Frosch im Ball ist.“ Sprich: die technischen Defizite so immens groß sind.

Fredi Bobic war die Arbeit am Riederwald schon lange ein Dorn im Auge, seit er 2016 nach Frankfurt kam, um genau zu sein. Er schob vieles an, schnitt alte Zöpfe ab, brach verkrustete Strukturen auf. Er setzte Marco Pezzaiuoli als Technischen Direktor ein und installierte – gegen den massiven Widerstand der Fanbasis – Andreas Möller als NLZ-Chef. Mittlerweile ist jeder Stein umgedreht, ein frischer Wind zieht durch Frankfurts Osten, alles wird umgekrempelt. Fast alle Trainerposten sind neu besetzt worden. Nur ein paar Beispiele: Das hochdekorierte Duo Thomas Broich/Jerome Polenz wurde für die U15 aktiviert, verdiente Spieler wie Ervin Skela (U17) oder Alexander Meier (U16) als Co-Trainer eingebunden. Eintracht-Ikone Alex Meier soll zudem extra die Offensivreihen der Jugendteams schulen. Außerdem ist ein Leitfaden entwickelt worden, eine Konzeption, die für alle Mannschaften bindend sein soll, da geht es nicht nur, aber auch um den (offensiven) Spielstil der Eintracht.

U23 hat keine Zukunft bei der SGE

Der stetige Umwälzungsprozess machte selbst vor Marco Pezzaiuoli nicht Halt, der nach Differenzen mit Andreas Möller auch als A-Jugendtrainer seinen Hut nehmen musste. Bobic findet die Entwicklung gut: „Wenn man sich die Trainer ansieht, dann erkenne ich eine klare Handschrift und Qualität. Die personelle Aufstellung passt sehr gut.“

Zudem habe man die Trennung zwischen dem eingetragenen Mutterverein und der ausgegliederten Fußball-AG aufgeweicht, „alles ist komplett verzahnt“, erzählt Bobic und meint den medizinischen, athletischen und analytischen Bereich, das Scouting ebenfalls. „Wir sind von oben bis nach unten vernetzt.“

Der Vorstand sieht den Nachwuchs langsam so aufgestellt, wie er sich das vorgestellt hatte. „Das war ein Prozess“, sagt er. Aber ein notwendiger, „das ist die Zukunft von Eintracht Frankfurt.“ Vielleicht geht dem Klub dann auch nicht mehr so ein Topspieler wie Conrad Scholl durch die Lappen. Der C-Jugendliche aus Frankfurt gilt als eines der größten Talente Deutschlands, schließt sich nun aber Mainz 05 an.

Nur die Sache mit der U23 bekommt Fredi Bobic nicht vom Eis. Eine Wiederbelebung der Reserve hatte die Eintracht prüfen lassen, würde aber an vielen verbandsinternen und juristischen Hürden scheitern; und ein Neuanfang in der Kreisliga macht keinen Sinn. Auch eine Übernahme eines anderen Vereins sei derzeit wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage nicht realisierbar. Bobic ist prinzipiell überzeugt von einer U23: „Ich würde mich freuen, wenn wir das irgendwann hinkriegen, aber jetzt ist der komplett falsche Zeitpunkt.“

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