Er fühlt sich jeden Tag besser: Omar Mascarell.
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Er fühlt sich jeden Tag besser: Omar Mascarell.

Omar Mascarell

"Der schwerste Moment des Lebens"

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht-Mittelfeldspieler Omar Mascarell scharrt nach seiner langen Leidenszeit mit den Hufen.

Ein kleine Spitze konnte sich Niko Kovac nicht verkneifen; eine Spitze gegen all jene, die die Leistungen des Frankfurter Mittelfeldspielers Omar Mascarell in der Vergangenheit nicht genug gewürdigt haben. Wie der Eintracht-Trainer findet. „Wie wichtig er ist, haben viele erst gesehen, als er nicht mehr da war“, befand der Fußballlehrer. Man könnte auch ein altes Bonmot des früheren Eintracht-Coaches Friedhelm Funkel bemühen, der in solchen Fällen gerne zu sagen pflegte: „Das geschulte Auge sieht mehr.“ Auf Omar Mascarell, den Spielberuhiger, trifft das wohl zu. 

Fast neun Monate ist es her, dass der Spanier letztmalig das Eintracht-Trikot in einem Pflichtspiel trug. Es war ein wichtiges Spiel, ein enorm wichtiges, das DFB-Pokal-Halbfinale in Mönchengladbach, das die Eintracht im Elfmeterschießen für sich entschied und sich fürs große Endspiel in Berlin qualifizierte. Die folgende Jubelarie absolvierte Mascarell nur noch humpelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Nach einer Stunde war er gegen Marius Wolf ausgewechselt worden, die schon zuvor ihn stets peinigenden Schmerzen an der Achillessehne waren zu groß, ja unerträglich geworden. Das war am Abend des 25. April 2017. Es war der Beginn einer sehr langen Leidenszeit.

Im Juli wurde der 24-Jährige schließlich an der Achillessehne operiert, weil die konservative Therapie nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte. Eine solche Verletzung samt OP ist keine Lappalie; seither kämpft der Mann aus Teneriffa um sein Comeback. Eisern, unnachgiebig, fokussiert. Am vergangenen Wochenende schloss sich für ihn, wenn man so will, der Kreis, da streifte er sich erstmals wieder das Jersey mit dem Adler auf der Brust über, es war zwar nur ein Vorbereitungsspiel auf die am Samstag beginnende Rückrunde mit dem Heimspiel gegen den SC Freiburg, doch für den defensiven Mittelfeldspieler war es ein großartiges Gefühl, fast kindliche Freude überkam ihn. „Ich bin einfach nur froh, mit der Mannschaft wieder auf dem Platz stehen zu dürfen“, sagte er. „Das ist eine Riesenfreude. Das macht Appetit auf mehr.“ 

Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird Omar Mascarell wieder mit den Kameraden auf dem Platz stehen, wenn es um Punkte in der ersten Spielklasse geht. Vielleicht noch nicht in drei Tagen gegen Freiburg, aber in sehr absehbarer Zeit. Der Mann von den Kanaren ist nämlich grundsätzlich der beste defensive Mittelfeldspieler der Hessen. „Er spielt nicht spektakulär, aber er antizipiert gut, er steht nie, ist immer in Bewegung und anspielbar“, lobt Trainer Kovac. 

Auffällig ist, dass auch die Mitspieler in den allerhöchsten Tönen vom Dauerläufer vor der Abwehr sprechen. Immer dann, wenn die Rede auf die beiden Rückkehrer Mascarell und Marco Fabian kommt, ist herauszuhören, dass die Mitstreiter den „Sechser“ ein bisschen mehr vermisst haben. Das ist ganz sicher nicht als Affront gemeint oder als Zweifel an der herausragenden Spielfähigkeit von Fabian zu interpretieren, sondern eher damit zu erklären, dass Mascarell eben eine neuralgische Position ausfüllt, die im heutigen Fußball nicht selten und auch zu Recht als wichtigste im ganzen Teamgebilde angesehen wird. Eben die im defensiven Mittelfeld, dort, wo die Fäden zusammenlaufen und das Spiel eröffnet werden soll, dort, wo der Gegner zu bekämpfen ist und wo die etwas weniger Begabten den Ball hinspielen, wenn sie selbst nicht mehr wissen, wohin damit. 

Mascarell kann man die Kugel immer zuspielen, Ballverluste hat er kaum zu verzeichnen, auch unter Bedrängnis nicht. Er weiß, was zu tun ist. Da mischen sich, wie auch die FR schon monierte, zuweilen eine ganze Reihe Rück- oder Querpässe ins Spiel. Das mag von außen manchmal wenig produktiv aussehen, es habe damit aber seine Bewandtnis, wie Mitspieler und Trainer unisono beteuern. „Wenn er mal zurückspielt, dann hat das schon Sinn, dann beruhigt er das Spiel“, hat Marc Stendera erkannt. Mascarell sei zweifelsfrei „extrem wichtig“.

Das fällt umso mehr auf, da während seiner Absenz oftmals Neuzugang Gelson Fernandes diese Rolle bekleidete. Der Schweizer macht das im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr ordentlich, aber er ist ein ganz anderer Spielertyp, eher der klassische Zerstörer, der bedingungslos dazwischenfegt, aber seine liebe Mühe und Not hat, wenn er sich konstruktiv am Spielaufbau beteiligen soll. Da ist er zu hektisch und zappelig, das ist nicht seine Stärke, da fehlt ihm das technische Rüstzeug. 

Das weiß er, das weiß der Trainer, das wissen die Kollegen auf dem Feld. Deshalb, und weil die Eintracht ja gerade Probleme hat, ein geordnetes Offensivspiel aufzuziehen und sich daher eher auf lange Schläge aus der Abwehr heraus beschränkt, wird die Rückkehr des fast 25-jährigen Spaniers so sehnsüchtig erwartet. 

Mascarell selbst sieht sich schon jetzt in der Lage, der Mannschaft zu helfen. „Ich habe im Training zu 100 Prozent gezeigt, dass ich zur Verfügung stehe“, sagte er. „Der Trainer weiß, dass er auf mich bauen kann.“ Natürlich habe er noch Luft nach oben, der Rhythmus fehle ihm, aber den bekomme er ja auch nur durch die Einsätze. „Ich fühle mich jeden Tag besser.“ 

Trotz seiner langen Abwesenheit hat er Begehrlichkeiten geweckt, der Ligakonkurrent TSG Hoffenheim hat die Fühler nach ihm ausgestreckt und wird im Sommer, wie zu hören ist, diese Bemühungen noch einmal intensivieren. Da wird die Eintracht entscheiden müssen, was ihr die Dienste des zuverlässigen Abräumers wert sind. In Sinsheim, das ist klar, könnte der Spieler ein Vielfaches verdienen. 

Damit beschäftigt er sich zurzeit nicht, die lange Leidenszeit hat Mascarell ein wenig nachdenklicher gemacht. „Es war meine erste schlimme Verletzung“, betont er. Die Zeit, als er spürte, dass es nicht mehr weitergeht und er unters Messer muss, war für ihn eine harte Prüfung. „Das war der schwerste Moment meines Lebens.“ 

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