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Die Eintracht im Reich der Schwergewichte

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Von: Ingo Durstewitz

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Eintracht Frankfurt
Jens Petter Hauge (l.) und Kristijan Jakic von Eintracht Frankfurt. © HMB-Media / Imago Images

Eintracht Frankfurt wächst stetig und kann durch die Teilnahme an der Königsklasse nicht nur Spieler wie Jakic und Hauge fest an sich binden.

Frankfurt – Nun also Real Madrid, die Königlichen, los Galácticos. Ein Mythos, noch so einer. Am 10. August wartet auf Eintracht Frankfurt das nächste Highlight eines an Glanzlichtern reichen Jahres, dann steht der Uefa-Supercup in Helsinki auf dem Programm, dann trifft der Europa-League-Sieger aus Frankfurt auf den frischgebackenen Champions-League-Gewinner Real Madrid. Es ist das Gipfeltreffen des europäischer Klubfußballs. Für Eintracht Frankfurt ein weiterer Meilenstein der Klubhistorie.

Ganz sicher wird der Verein aus dem Hessischen diese große Partie (Antrittsgage 3,5 Millionen Euro, Siegprämie eine Million) mit maximaler Ernsthaftigkeit angehen, es geht ums Prestige und um Ruhm. Weshalb es nur ein klares Ziel gibt: „Wir gehen in kein Spiel und sagen: ,Schön, dass wir dabei sind‘. Wir gehen immer mit Sieg-Ambitionen rein, wir wollen den Supercup gewinnen“, befindet Trainer Oliver Glasner, der sich das Finale am Samstagabend zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool (1:0) in der oberösterreichischen Heimat am Fernsehschirm angeschaut und eigens einen Späher nach Frankreich geschickt hat. „Einem unserer Analysten habe ich gesagt: ,Du hast noch nicht Urlaub. Ich möchte, dass du in Paris im Stadion sitzt.’“ Man will ja gut vorbereitet sein fürs Spiel der Spiele, auch wenn wahrscheinlich sogar der C-Jugendtrainer des SV Schottheide-Frasselt die Vorzüge des weißen Balletts im Schlaf herunterbeten könnte.

Eintracht Frankfurt ist irgendwie alles zuzutrauen

Ob Eintracht Frankfurt nach Betis Sevilla und dem glorreichen FC Barcelona nun auch den königlichen Weltklub aus Madrid das Fürchten lehren wird? Dem Frankfurter Klub aus dem Herzen von Europa ist ja irgendwie alles zuzutrauen.

Die Entwicklung der Eintracht ist ganz erstaunlich, nur Corona hat den Verein kurzzeitig ausbremsen können, doch längst ist schon wieder der Turbo, der Booster, gezündet. Der Europa-League-Triumph wirkt wie ein erneuter Wachstumsbeschleuniger, auf allen Ebenen – wirtschaftlich und imagemäßig. Das hat Coach Glasner während seines Kurzurlaubs mit der Familie auf Kreta erleben dürfen, als er nicht mehr unerkannt durch die Straßen flanieren konnte. „Europapokal ist in Europa allgegenwärtig“, sagt er. „Wir sind einmal in die Stadt gefahren, da ging es nur: Foto, Foto, Autogramm, Autogramm.“ Er hat es durchaus genossen.

Die grandiose Spielzeit hat für die Eintracht ausschließlich positive Effekte, das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG etwa listet den Klub jetzt erstmals als Schwergewicht, verortet ihn in den Top 32 der wertvollsten Fußballvereine der Welt. Mit einem Wert von 428 Millionen Euro belegt die Eintracht Rang 23, aus Deutschland sind ansonsten nur noch Borussia Dortmund auf Platz 13 (1,226 Milliarden) und Bayern München auf Rang vier (2,749 Milliarden) vertreten. Das ist eine herausragende Auszeichnung für den Klub und auch nicht ganz unwichtig, was die Suche nach einem finanzstarken Partner angeht, der die Eintracht zukünftig strategisch unterstützen soll. Denn klar ist ja, dass die Hessen schon in Bälde neue Kapitalmaßnahmen auflegen werden, um die Corona-Dellen zu begradigen, das Eigenkapital aufzustocken und generell konkurrenzfähig auf gehobenem Niveau zu sein. Denn der Verein kommt schon jetzt von einem recht hohen Level, das sich unterhalb der Bundesligaspitze einpendelt – das sagen zumindest die nun veröffentlichten DFL-Kennzahlen, wonach etwa nur sechs Vereine in der Bundesliga mehr Geld für ihr Personal ausgeben als die Eintracht (97,6 Millionen). Auch bei den Beraterhonoraren ist die Eintracht im ersten Drittel dabei, knapp 15,7 Millionen zahlten sie den Agenten als Provisionen. Das ist ein Haufen Holz und in etwa so viel wie vor drei Jahren, als sie ähnlich hohe Forderungen der Mittler bedienen musste.

Zu beachten ist im DFL-Report generell, dass bei der Eintracht das Kalenderjahr 2021 und nicht die Saison 20/21 als Basis zu Grunde liegt. Die Zahlen können daher durchaus verwässert sein. So vermerkt die DFL etwa ein Minus von knapp zehn Millionen Euro, Eintracht-Finanzvorstand Oliver Frankenbach bezifferte den Verlust für die abgelaufene Saison jüngst aber auf 23 Millionen Euro, im Jahr davor auf 36,1.

Die Teilnahme an der Champions League gibt dem Klub jetzt natürlich mehr Spielraum. Zwar wird die Eintracht von ihrer generellen Strategie nicht abweichen und kein finanzielles Risiko eingehen, aber sehr wohl sind nun zwei, drei eher hochpreisigere Transfers drin, die sich der Verein nicht hätte leisten können, wenn das Finale in Sevilla verloren gegangen wäre und er quasi mit leeren Händen dagestanden hätte. Auch in der Retrospektive wird die enorme Fallhöhe in diesem einen Spiel deutlich.

Gerüchte um Bochums Polter und Bayerns Roca

In jedem Fall wird die Eintracht noch einen zusätzlichen Stürmer holen, wobei die Spur zum Bochumer Sebastian Polter ein wenig erkaltet ist. Fürs Mittelfeld ist das Interesse an Bayern-Profi Marc Roca hinterlegt. Doch acht Millionen Euro, wie von den Münchner vorgeblich gefordert, wird die Eintracht für den 25-Jährigen nicht zahlen. Der defensive Mittelfeldspieler kam in der letzten Saison nur auf neun Einsätze, keiner davon über 90 Minuten.

Im defensiven Mittelfeld wird die Eintracht dennoch nachlegen müssen, dort ist sie relativ dünn besetzt, gerade weil niemand seriös vorhersagen kann, wie lange die vorgeschädigten Kniegelenke von Kapitän Sebastian Rode noch halten werden. Der 31-Jährige ist qualitativ nicht mal im Ansatz zu ersetzen. Auch nicht durch Kristijan Jakic, den tapferen Kämpfer, der der Eintracht erhalten bleiben wird. Sie hat die im Leihvertrag mit Dinamo Zagreb verankerte Kaufoption aktiviert, weshalb der 25-Jährige für rund 3,5 Millionen Euro fest nach Frankfurt transferiert wird und einen Vertrag bis 2026 erhält.

Jakic ist ein großer Kämpfer und eine verlässliche Größe, hat fußballerisch freilich Luft nach oben. Das gilt auch für Jens Petter Hauge, den die Eintracht ebenfalls bis 2026 fest an sich gebunden hat. Beim 22 Jahre alten Norweger griff eine mit Stammverein AC Mailand vereinbarte Kaufverpflichtung. Die Offensivkraft wird die Eintracht im Gesamtpaket mehr als zehn Millionen Euro kosten. Das ist für den Spieler sehr wohl eine Hypothek: Hauge, bisher meist enttäuschend, wird sich mächtig steigern müssen, will er seinen Kaufpreis rechtfertigen. (Ingo Durstewitz)

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