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Oft alleingelassen: Trainer Marcel Koller. Foto: AFP

Eintracht-Gegner

Den Schmerz überwinden

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Der Ex-Bundesligatrainer Marcel Koller steht beim FC Basel vor der Entlassung – und das quasi schon die ganze Saison.

Als es für Marcel Koller gerade prächtig lief, so prächtig wie noch nie zuvor in seiner langer Trainerkarriere, als der Schweizer Fußballlehrer gerade den Österreichern das Fußballspielen lehrte, da traf er sich nebenher mit Hubert Patterer, einem erfahrenen Journalisten aus Österreich, der 2015 schließlich nach etlichen gemeinsamen Gesprächen ein Buch veröffentlichte. Der Titel: „Marcel Koller, die Kunst des Siegens – Der Menschenformer im Gespräch mit Hubert Patterer“.

300 Seiten hat das Werk und liefert nicht nur Einblicke in die erfolgreiche Zeit von Koller als Trainer der österreichischen Nationalkicker, die er von 2011 bis 2017 anleitete und zur EM 2016 in Frankreich führte, sondern auch über die ungemütlichen Phasen des Lebens, die trüben Tage. Zum Beispiel jene als aktiver Fußballer. Zwar wurde der einstige Mittelfeldspieler siebenmal Schweizer Meister und fünfmal Pokalsieger seines Heimatlandes, auch absolvierte er für seinen einzigen Klub, Grasshopper Zürich, 480 Pflichtspiele, die Kickerkarriere von Koller aber hätte noch weitaus üppiger ausfallen können.

Allein achtmal musste er operiert werden, angefangen schon zu Jugendzeiten am Knie. Die Blessuren kosteten ihn alles in allem locker drei Jahre. Und da sind die vielen, kleineren Wehwehchen noch gar nicht eingerechnet. „Wenn alles gerissen war, wenn du auf dem Tisch lagst, und geschrien hast. Und wie der Kopf dann irgendwann völlig leer war und du keine Energie mehr gehabt hast, diesen Schmerz zu überwinden“, wird Koller im Buch zitiert: „Das waren solche Momente, wo man nur noch das Morphium herbeisehnte, um erlöst zu werden.“

Dieser Tage benötigt Koller kein Morphium, ohnehin hält sich der in einem Vorort von Zürich aufgewachsene Mann für wenig impulsiv, er sei ein „ruhiger Typ“. Der Sohn einer Schneiderin und eines Gärtners, der selbst zweifacher Vater ist, erlebt aktuell aber wieder triste Tage. Koller ist seit August 2018 Trainer des FC Basel, dem Schweizer Spitzenklub, der am Donnerstag (18.55 Uhr) bei Eintracht Frankfurt antritt und zuletzt eher selten wie ein Spitzenklub auftrat. Der FCB ist nur Dritter der heimischen Liga, liegt fünf Punkte hinter St. Gallen und Bern zurück – ein No-Go, das fast schon logisch auch zu herber Kritik am Coach führte. Und irgendwie doch unlogisch daherkommt. Denn jene Kritik keimte bereits vor Saisonbeginn auf, nachdem das Team unter Koller in der vergangenen Rückrunde nur zwei Spiele verloren und den Pokal des Landes gewonnen hatte.

Es schwelte ein interner Machtkampf zwischen Koller und Sportdirektor Marco Streller. Der erfahrene Trainer, 59, und der junge Sportchef, 38 – von Anfang an harmonierte die Beziehung nicht. Koller soll im Sommer mitgeteilt worden sein, dass er keine Zukunft mehr in Basel habe, er räumte sogar seinen Spind aus, durfte dann aber doch bleiben.

Zerkratztes Auto

Denn eine schriftliche Kündigung lag nie vor und Präsident Bernhard Burgener entschied sich im allerletzten Moment doch pro Koller und contra Streller. Der Ex-Stürmer des VfB Stuttgart und des 1. FC Köln musste gehen, der Ex-Trainer des 1. FC Köln und des VfL Bochum durfte bleiben. Kommentiert wurde das Geschehen im Klubheft wie folgt: „Nach dieser Saison und angesichts der Auslegeordnung war es nicht nur legitim, sondern die Pflicht der Klubleitung, in alle Überlegungen auch die Trainerfrage einzubeziehen.“

Koller selbst nahm das Wischiwaschi-Bekenntnis professionell zur Kenntnis, da hatte er schon schlimmere Situationen erlebt. Eine zweijährige Arbeitslosigkeit zum Beispiel; oder Kölner Fans, die sein Auto zerkratzten; oder Bochumer Zuschauer, die Masken mit seinem Gesicht verbrannten. Da lässt sich so ein Ja-Nein-Rauswurf recht simpel verschmerzen.

Anschließend startete Basel (mit Koller) dann auch ordentlich in diese Saison, Mitte der Hinrunde war dann aber keine wirkliche fußballerische Weiterentwicklung mehr zu erkennen. Gute Leistungen wechselten mit schlechten ab, was freilich auch daran gelegen haben könnte, dass der gefährlichste Angreifer des Klubs, Albian Ajeti, im Sommer an West Ham United verkauft wurde und der zweite Torjäger, Ricky van Wolfswinkel, bis heute verletzt fehlt. Aber gut, so was zählt nur bedingt, also fixierte sich das unruhige Umfeld doch recht rasch wieder auf den Chef der kickenden Kompanie. Koller, der aufgrund der anhaltenden Kritik zurückhaltender wirkt als zu Zeiten bei der österreichischen Nationalelf, konnte im Verlauf seinen Posten retten, indem seine Truppe im Europapokal überzeugte und zwei Spieltage vor Ende der Gruppenphase für die K.o.-Runde qualifiziert war.

Als es Mitte Februar den nächsten Dämpfer gab, die 0:1-Blamage gegen den Letzten aus Thun, titelte der Schweizer TV-Sender Telebasel dennoch wieder: „Die Tage von Marcel Koller in Basel sind gezählt.“ Wohl nur dank des erneut souveränen Weiterkommens im Sechzehntelfinale der Europa League gegen Apoel Nikosia (3:0, 1:0) ist Koller aktuell noch im Amt. Viele weitere Niederlagen darf er sich freilich nicht leisten, zumal der Vertrag des Fußballlehrers im Sommer ohnehin ausläuft.

Seit dem Rückspiel gegen die Zyprer ist der FC Basel bekanntlich nicht mehr im Spielbetrieb aktiv, der Coronavirus hat die Schweizer Liga gestoppt, auch das Rückspiel gegen die Eintracht darf am 19. März nicht in Basel ausgetragen werden. Am vergangenen Wochenende trat Basel nur bei zwei Testkicks unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen den Zweitligisten FC Schaffhausen an. 5:0 und 1:0 lauteten die Ergebnisse aus Sicht des FCB, der sich gut gerüstet fühlt für das Duell gegen die Eintracht. „Wir versuchen trotz Liga-Sparflammen im Training richtig Gas zu geben“, sagt Koller, der einst den Frankfurter Profis Martin Hinteregger und Stefan Ilsanker zu deren Debüts im österreichischen Nationaltrikot verhalf: „Wir gehen bestens vorbereitet ins Achtelfinale gegen eine starke Frankfurter Mannschaft.“

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