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Martin Hinteregger: Karriereende bei Eintracht Frankfurt überrascht nicht

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Von: Daniel Schmitt

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Raus mit Applaus: Martin Hinteregger. Foto: dpa
Raus mit Applaus: Martin Hinteregger. Foto: dpa © dpa

Der in die Kritik geratene Eintracht-Verteidiger Martin Hinteregger beendet seine Karriere. Ganz überraschend kommt das nicht.

Frankfurt - Um exakt 13.46 Uhr an diesem 23. Juni 2022 bebte in Frankfurt der Stadtwald. Martin Hinteregger, der in die Kritik geratene Held der Eintracht-Anhängerschar, zog einen Schlussstrich. Im Alter von nur 29 Jahren beendete er seine professionelle Fußballkarriere. Die maximale Erschütterung auf der nach oben offenen Richterskala.

In einem von Eintracht Frankfurt veröffentlichten Statement erklärte Hinteregger in etlichen Zeilen seine Gründe für diesen Entschluss: „Ich hatte bereits im vergangenen Herbst erste Gedanken, nach der Saison aufzuhören. Ich habe mich sportlich in einer schwierigen Phase befunden, meine Leistungen waren schwankend. Die Siege haben sich nicht mehr so gut angefühlt, dafür tat jede Niederlage doppelt so weh.“ Später dann, in Barcelona etwa, so berichtete Hinteregger, sei er nach dem grandiosen Coup trotzdem wenig euphorisch in den Bus eingestiegen und habe nur gedacht: „Boah, es ist an der Zeit, ein neues Leben zu beginnen.“ Da wurde einem alles irgendwie zu viel. „Ich habe mit mir gekämpft“. Den Triumph in der Europa League habe er daher besonders ausgiebig genossen, „weil ich da schon wusste, dass es meine letzte große Siegesfeier mit den fantastischen Fans in dieser Stadt sein würde, die meine zweite Heimat geworden ist.“

Marin Hinteregger verlässt Eintracht Frankfurt

Am Donnerstag hatte sich die Eintracht-Führung um Sportvorstand Markus Krösche mit dem Spieler und dessen Berater Christian Sand in Frankfurt getroffen, um über die Zukunft von Hinteregger bei der Eintracht zu sprechen. Deutliche Worte sollten an den Profi gerichtet werden, auch eine Trennung vom Kultverteidiger stand im Raum, galt gar als wahrscheinlich, war die Frankfurter Chefetage doch zuletzt maximal irritiert über das Verhalten des Spielers. In diesem Gespräch also, hieß es von der Eintracht, habe Hinteregger dem Klub mitgeteilt, seine Karriere beenden zu wollen.

Martins Entscheidung kam für uns unerwartet, aber er hat uns seine Perspektive und Gründe eindrücklich und überzeugend dargelegt. Daher war es für uns keine Frage, diesem sportlich schmerzlichen, aber menschlich nachvollziehbaren Wunsch zu entsprechen“, teilte Manager Krösche mit: „Martins Schritt verdient Respekt und Anerkennung.“ Nach Rücksprache mit Trainer Oliver Glasner stimmte die Eintracht dem Wunsch des Spielers zu, etwas anderes freilich hätte für den Champions-League-Teilnehmer auch keinen Sinn ergeben, wenngleich ihm nicht nur ein Stammspieler, sondern auch ein möglicher Transferwert flöten geht.

Eintracht Frankfurt: Hinteregger verlässt die SGE und beendet Karriere

Der Vertrag des Österreichers, der bis Sommer 2024 fixiert ist, wird ausgesetzt. Heißt auch: Der Spieler kann bis 2024 nicht urplötzlich doch bei einem anderen Profiklub anheuern, würde er das theoretisch wollen, müsste über eine Ablöse verhandelt werden. Praktisch aber hat Hinteregger daran sowieso kein Interesse. „Ich beende meine Karriere in Frankfurt“, hatte er unlängst unmissverständlich klargestellt.

Er werde mit großer Dankbarkeit und Freude an seine Zeit bei der Eintracht zurückdenken, für die er 138 Pflichtspiele absolvierte, für die er so oft der Fels in der Brandung war, den Laden mit all seiner Wucht und Zweikampfklasse zusammenhielt. Gerade wieder in der Endphase der Saison hatte er sich in den Highlightpartien des Europapokals zu starken Leistungen gepusht, unter anderem mit dem von ihm erzwungenen Last-Minute-Tor gegen Betis Sevilla im Achtelfinale den Weg ins Endspiel geebnet. „Ich werde mich weiterhin mit dem Verein und seinen Anhängern fest verbunden fühlen und die Mannschaft bei ihrem Weg durch Europa als Fan unterstützen.“ Der 29-Jährige kündigte an, künftig regelmäßig Gast im Waldstadion sein zu wollen.

Martin Hinteregger: Diskussionen um Kultspieler bei Eintracht Frankfurt

Hinteregger war nie ein normaler Profikicker, das wollte er auch nie sein, er wollte sich nicht in den Strom der Masse einreihen, nicht in ihm untergehen, er scherte lieber aus, machte sein Ding, ob es anderen nun gefiel oder nicht. Das war nie böse gemeint, es war authentisch. So tickt er einfach, er ist unangepasst, eigen, manchmal schwierig für sein Umfeld zu fassen, aber dennoch beliebt - bei den Mitspielern, die den Hinti eben so nahmen wie der Hinti ist, auch bei den Trainern, vor allem bei den Fans, die ihn irgendwann selbst bei wildem Ballwegbolzen nach allen Regeln der Kunst abfeierten, ihm ein Lied widmeten. Die Tränen von Chelsea, die knallharten Zweikämpfe, die offenen Interviews, die ehrliche Zuneigung - ein Kultspieler, der sich in heutigen Zeiten nicht mehr so oft finden lässt. Die Frankfurter Fans, so Hinteregger dankbar, hätten immer hinter ihm gestanden, „gerade auch in schwierigen Zeiten“.

Die schwierigen Zeiten mehrten sich zuletzt. Kaum ein Tag verging in der Sommerpause, an dem nicht über Hinteregger diskutiert wurde. Erst das Bekanntwerden einer angedachten Trennung vonseiten des Klubs, dann des Spielers Partynacht samt verschlafener interner Jahresabschlussfeier, schließlich die später aufgelöste Geschäftsbeziehung zum Rechtspopulisten Heinrich Sickl. „In den vergangenen Wochen haben sich rund um meinen Hinti-Cup, den ich mit Herzblut und besten Gewissens ausgetragen habe, einige Themen ergeben, deren Tragweite mir erst im Nachhinein klar geworden ist“, so Hinteregger. Emotionale, unbedachte Worte von ihm hätten zu Irritationen geführt, „und dafür möchte ich mich entschuldigen. Das bedaure ich sehr.“

Martin Hinteregger stellt klar: Habe mit rechts nichts zu tun

Der (Ex-)Fußballer stellte zudem klar: „Rechtes, intolerantes und menschenverachtendes Gedankengut verurteile ich aufs Schärfste. Wer mich kennt, weiß das.“ Er habe „mit dem ganzen Scheiß“ nichts zu tun. Gerade der Eintracht dürfte diese Abgrenzung wichtig sein, steht sie doch glaubhaft dafür mit ihren Vereinswerten ein. Die Opferrolle, in die sich Hinteregger ob der vermeintlichen „medialen Hetzjagd“ zuvor begeben hatte, missfiel dem Klub. Nun hieß es: „Nicht zuletzt aufgrund seiner aufrichtigen Entschuldigung für sein Verhalten in den zurückliegenden Tagen und Wochen und seiner deutlichen und glaubhaften Distanzierung von rechtem Gedankengut bleibt er in Frankfurt immer willkommen“, so Krösche.

Und was jetzt? Er wolle, so sagte es Hinteregger, erst einmal Abstand gewinnen. Er wird sich zurückziehen in die Berge, nach Kärnten in seine Heimat Sirnitz und darüber nachdenken, was das Leben nach dem Fußballerleben so bringt. Diverse Vorarbeiten hat Hinteregger längst geleistet, er ist an vier Firmen beteiligt, unter anderem an einem Gasthof im Taunus. Auch führt er gemeinsam mit dem Ex-Skispringern Thomas Morgenstern eine Firma, die Hubschrauber-Rundflüge anbietet, Hinteregger selbst sitzt am Steuerknüppel. Es sei „Ballast“ von ihm abgefallen, er wolle jetzt sein Leben „neu ausrichten“ - und: „Ich werde viel Hubschrauber fliegen.“

Trainer Oliver Glasner verliert derweil einen Spieler, den er sportlich weiterhin hätte gebrauchen können. War Hinteregger fit und mental auf der Höhe, stand er für gehobene Qualität. Rein quantitativ stehen dennoch genügend Innenverteidiger unter Vertrag (Tuta, Hasebe, Ndicka, Touré, Smolcic, Onguene), gerade dem Brasilianer Tuta wird zugetraut, Hinteregger als Abwehrchef abzulösen. Sollte jedoch auch noch Evan Ndicka den Klub verlassen, was nicht ausgeschlossen ist, würde dem Team doch eine geballte Menge an Qualität flöten gehen. An diesem 23. Juni 2022 freilich nur ein Nebengeräusch. Für den lauten Knall sorgte einzig und allein Martin Hinteregger. Er löste damit nicht weniger als ein Beben im Stadtwald aus. (Daniel Schmitt)

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