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Marc Stendera, ausgebremst, steht am Scheideweg..

Marc Stendera

Schlawiner am Tiefpunkt

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Marc Stendera steht am Scheideweg.

Mitunter ändern sich die Zeiten schneller als einem lieb ist. Mal Marc Stendera fragen. Vor nicht allzu langer Zeit, nicht mal drei Jahren ist es her, galt die Nachwuchskraft aus dem eigenen Stall als der Hoffnungsträger schlechthin. Viele, sehr viele Fachleute prophezeiten ihm eine rosarote Zukunft, er schien an der Schwelle zu einer großen Karriere zu stehen. 

Im stillen Kämmerlein spekulierten einige hohe Herren in Frankfurt auf etliche Millionen, wenn sie Marc Stendera eines Tages verkaufen würden. Der Idealfall: Junge vom Riederwald, früh zum Profi erzogen, die Bundesliga im Sturm genommen, den Durchbruch geschafft – und dann für eine Menge Schotter zu einem Topklub verkauft. So weit die Theorie. Die Praxis, keine 36 Monate später, sieht Marc Stendera am Tiefpunkt seiner einst so verheißungsvollen Karriere.

Marc Stendera, 22 mittlerweile, das ist nicht mehr blutjung, aber immer noch jung genug, spielt bei Eintracht Frankfurt nicht mal mehr eine Nebenrolle, sondern gar keine Rolle mehr. Bei der Rückkehr auf die große internationale Bühne in Marseille stand das Eigengewächs nicht im Kader – wie immer eigentlich. Während die Kollegen in Südfrankreich um die ersten Europacuppunkte rangelten, trainierte Stendera daheim in Frankfurt mit einem Häuflein übriggebliebener Spieler. Bittere Realität. 

Das war mal ganz anders. Als Armin Veh damals, 2015, zur Eintracht zurückkam, was sich ja im Nachhinein nicht unbedingt als Glücksgriff entpuppt hat, und die Frankfurter Mannschaft einen sehr soliden Start in die Bundesliga hingelegt hatte, da war es Marc Stendera, der aus dem Ensemble herausstach. „Er ist ein außergewöhnlicher Spieler“, lobte Coach Veh, der vor allem dessen Bissigkeit schätzte. „Er kann nicht verlieren, er will immer gewinnen.“ 

Alter Hase

Stendera spiele mit 19 wie ein alter Hase, ausgebufft und schlitzohrig. „Der Junge ist ein Schlawiner“, sagte Veh. Stendera, der mit seinem Rauschebart seit jeher sehr viel älter aussieht als er eigentlich ist, hatte an Profil gewonnen, wirkte reifer, übernahm Verantwortung und redete auch nach den Spielen Tacheles. Da hatte sich einer in den Vordergrund geschoben – auf dem Platz und abseits dessen. 

„Wenn er noch mal zwei Jahre älter ist, führt er die Mannschaft hier an“, befand Armin Veh. Er lobte nicht nur das Spielverständnis und die klugen Pässe des Technikers, sondern auch seine Robustheit im Zweikampf. Der Youngster ging als Leader voran. Die FR schrieb damals: „Der bemerkenswert clevere Mittelfeldspieler hat in Frankfurt noch einen Vertrag bis 2017, die Eintracht würde gerne vorzeitig verlängern. Doch das wird nicht so leicht. Sein Marktwert ist gestiegen.“ Er lag damals bei rund acht Millionen, mittlerweile bei nur noch einem Viertel dessen.

Die Vertragsverlängerung ist der Eintracht seinerzeit gelungen, bis 2020 gar, die Bezüge wurden merklich aufgestockt, der junge Mann zählt zu den Profis, die am meisten Geld einstreichen. Mittlerweile dürfte die Sportliche Leitung es bereut haben, den Kontrakt dergestalt auszudehnen.

 ie aber konnte es so weit kommen mit einem, dem allenthalben Talent und Widerstandsfähigkeit nachgesagt werden. Natürlich haben seine beiden schweren Knieverletzungen damit zu tun, dass er nicht mehr auf die Beine kam, Kreuzbandriss 2013 und 2016. Das ist Gift für die Entwicklung eines jungen Fußballers, zumal der Kasselaner ja eines sowieso nie war: wirklich schnell. Und nach zwei schweren Knieverletzungen, das weiß ein jeder, der mit lädierten Gelenken zu kämpfen hat, wird man auch nicht unbedingt dynamischer, eher im Gegenteil. Und auf diesem Niveau entscheiden nun mal Kleinigkeiten. 

Zudem hat er es manchmal nicht so genau genommen, zuweilen ein paar Kilogramm zu viel auf den Rippen gehabt. Das hat sich gebessert, aus dem Sommerurlaub kam er deutlich schlanker als früher zurück. Stendera weiß um sein Defizit: „Das Sprinten ist nun mal nicht meine Stärke“, sagte er mal. „Aber der liebe Gott hat mir dafür andere Fähigkeiten gegeben.“ 

Wechsel vielleicht im Winter

Und genau die sind zurzeit oder, besser, seit längerer Zeit nicht mehr gefragt. Unter Niko Kovac spielte der Nordhesse kaum eine Rolle, unter Nachfolger Adi Hütter ebenfalls nicht. Das ist schon bemerkenswert, denn Stendera könnte zumindest mal eine spielerische Note einbringen, die dem Team fehlt. Das wird ihm nicht mehr zugetraut – warum auch immer. Er wurde, als Eigengewächs des Klubs, sogar in die Trainingsgruppe zwei gesteckt. Das Ziel dahinter ist klar: Der Druck auf den Akteur, den Verein zu verlassen, sollte erhöht werden. Für den früheren Juniorennationalspieler gab es auch Anfragen, doch er entschied sich gegen einen Wechsel. Vielleicht dann im Winter, vielleicht auch nicht. 

Stendera, der zwar schon 71 Bundesligaspiele auf dem Buckel hat, in den vergangenen zwei Jahren aber nur zu neun Einsätzen kam, wird für sich überlegen und bewerten müssen, ob es noch Sinn macht, in Frankfurt weiterhin weit im Abseits zu parken und diese Situation zu ertragen. Irgendwann muss er wieder spielen und Matchpraxis sammeln, denn in Vergessenheit sollte er besser nicht geraten. Marc Stendera, ein noch immer junger Mann am Scheideweg. 

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