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Hat alles im Griff: Eintracht-Trainer Adolf "Adi" Hütter.

Interview Adi Hütter

"Das Scheitern gehört im Leben dazu"

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Der neue Eintracht-Trainer Adi Hütter über die Erwartungshaltung in Frankfurt, seine Spielphilosophie und die Ziele für die kommende Saison in der Bundesliga und in Europa.

Herr Hütter, Sie sind jetzt knapp einen Monat in Frankfurt. Haben sich Ihre Erwartungen von der Eintracht erfüllt? 
Absolut. Es ist so, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Eintracht ist ein Traditionsverein, das habe ich schon am ersten Tag gespürt. Ein Verein, der durch den Pokalsieg viel Euphorie hat, der mit vielen Emotionen ausgestattet ist. Ich wurde gut aufgenommen – sowohl von den handelnden Personen als auch von der Mannschaft. Die Trainingsmöglichkeiten sind top. 

Gibt es auch ein Aber?
Nun ja. Es ist auch klar, dass noch nicht alles einwandfrei laufen kann. In einem WM-Jahr wie diesem ist in allen Vereinen transfermäßig noch viel Bewegung drin, das betrifft uns natürlich auch. 

Am vergangenen Freitag wurde der achte Neuzugang verpflichtet, Chico Geraldes. Was hat Sie an ihm überzeugt? 
Chico Geraldes ist sehr interessant, weil er ein junger Spieler ist, laufstark, der in der Offensive auf der Achter- oder Zehnerposition spielen kann. Er kommt aus dem Land des Europameisters, das darf man nicht vergessen. Die Portugiesen haben gute Fußballer, bei Sporting Lissabon hat er eine gute Ausbildung genossen. Deshalb hatten wir ihn schon länger im Auge. Er ist ein Spieler, mit viel Entwicklungspotenzial.

Geraldes, Goncalo Paciencia und Allan Souza wurden zuletzt häufig von ihren Klubs verliehen, Evan Ndicka und Lucas Torro spielten in ihren Heimatländern jeweils in der zweiten Liga. Viel Erfahrung ist das nicht. Ein Problem?
Es beginnt ja jeder mal irgendwo. Wie man nach oben kommt, das ist egal. Ob man gleich bei einer Spitzenmannschaft spielt oder mal einen Umweg über die zweite Liga nimmt. Da gibt es unterschiedliche Wege. Entscheidend ist, dass wir Spieler gesucht haben, die Potenzial besitzen. Das sind vielleicht noch keine fertigen Fußballer, aber sie sind gewillt, bei uns den nächsten Schritt zu gehen. Sie sind hungrig. Und außerdem haben wir noch genug Erfahrung in der Mannschaft. 

Nun ist nicht davon auszugehen, dass Sie alle Neuzugänge schon vorher kannten. Wie läuft die Entscheidungsfindung bei der Eintracht ab, bis es zu einem Transfer kommt? 
Es gibt so viele Spieler in Europa, in Südamerika – da kann man als Trainer gar nicht alle kennen. Deshalb läuft es in allen Vereinen gleich ab. Man hat eine Scouting-Abteilung – bei uns mit Ben Manga an der Spitze, der quasi über jeden Fußballer europaweit informiert ist. Deshalb wurde ich auch schnell nach meiner Ankunft in Frankfurt mit diesen Jungs konfrontiert. Wir haben uns sämtliche Videos angeschaut, Informationen über sie zusammengetragen und dann auf dieser Grundlage entschieden, sie zu holen. 

Vor allem sind aber auch wichtige Führungsspieler gegangen. Sind die Neuen schon so weit, Abgänge wie die von Kevin-Prince Boateng, Marius Wolf oder Omar Mascarell zu kompensieren?
Es ist immer spannend, diese Frage von der anderen Seite zu betrachten. Wer hat zum Beispiel vor zwei Jahren Marius Wolf gekannt? Und auch in der vergangenen Saison sind Spieler wie Boateng oder Ante Rebic erst im letzten Moment verpflichtet worden. Damals wusste auch nicht jeder, ob das funktioniert. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir keine Spieler hätten, die Führungsqualitäten mitbringen. David Abraham, Marco Russ oder Carlos Salcedo haben zum Beispiel viel Erfahrung. Klar, ein Boateng war ein Schlüsselspieler, der viel geregelt hat. Aber natürlich hoffe ich, dass wir Spieler finden, die in diese Rolle hineinwachsen.

Haben Sie bestimmte Namen im Kopf?
Das ist schwierig, für diese Rolle jemanden herauszudeuten. Am Ende wird es dann vielleicht ein ganz anderer. Ich möchte auch nicht, dass sich alles auf ein oder zwei Spieler fokussiert. Wir brauchen eine homogene Mannschaft.

Bis kommenden Sonntag steht nun das Trainingslager in Südtirol an. Was wollen Sie mit Ihrer Mannschaft dort erarbeiten? 
Wir sollten grundsätzlich langsam dahinkommen, wo wir hinwollen. Es ist wichtig, dass wir nicht zu leicht ausrechenbar sind und mehr als eine Grundordnung spielen können. Wir wollen variabel sein. Deshalb geht es jetzt im mannschaftstaktischen Bereich darum, unser Spiel zu verfeinern.

Sie wollen mit Ihrer Mannschaft den Gegner früh attackieren. Pressing und Gegenpressing lauten die Stichworte. Welche Vorteile bringt diese Spielweise mit? Und welche Gefahr?
Wer meinen Weg ein bisschen verfolgt hat, der kann herauslesen, dass ich schon immer gerne versucht habe, mit Angriffsfußball zum Erfolg zu kommen. Aber das ist nur der Plan A, es gibt auch einen Plan B. Denn ich glaube nicht, dass man in jedem Stadion der Bundesliga die ganze Zeit nach vorne rennen und hinten offen wie ein Scheunentor sein kann. Wir brauchen schon eine richtige Balance im Spiel. 

Wie wollen Sie diese hinbekommen?
Das ist ein Weg, der erst begonnen hat. Es wird nicht von heute auf morgen funktionieren, so etwas muss man schon über einen längeren Zeitraum aufbauen. Angriffsfußball bedeutet, dass der hohe Aufwand vorne auch Ertrag bringen muss. Und hinten darf es nicht zu viel Risiko sein. In Salzburg zum Beispiel haben wir viel nach vorne gespielt und die wenigsten Gegentore bekommen. In Bern die meisten Tore erzielt, die zweitwenigsten bekommen. Wenn es so läuft, dann ist alles in Ordnung. Aber ständig nur Pressing zu spielen, gerade mit den kräftezehrenden Europa-League-Spielen unter der Woche, das wäre zu mutig. 

Vergangene Saison hat Peter Bosz mit Borussia Dortmund fast durchweg am gegnerischen Strafraum attackiert. Die ersten sieben Spiele hat der BVB nicht verloren, im Dezember war Bosz dann entlassen. Ein abschreckendes Beispiel?
Pressing ist eine Variante, die in einem Spiel richtig sein kann und im nächsten falsch. Es wird nicht so sein, dass ich das nur des Pressings wegen durchziehen will. Nein, die Mannschaft muss variabel sein. Man kann auch mal tiefer stehen und muss dann eben im richtigen Moment umschalten.

In knapp zwei Wochen steht das erste Spiel im Supercup gegen den FC Bayern an. Welche Wertigkeit hat die Partie für Sie? Ein besseres Testspiel oder eine echte Titelchance?
Es geht um einen Titel, also möchte man auch gewinnen. Nicht nur die Bayern, sondern auch wir. Es gibt sicher keinen besseren Test, als zu Hause vor ausverkauftem Haus gegen Bayern München zu spielen. Man spürt, dass die Zuschauer schon wieder gierig auf die Eintracht sind. Wir wollen uns gut präsentieren. Aber natürlich wissen wir, dass wir danach immer noch 14 Tage bis zum ersten Bundesligaspiel haben. 

Für die Liga haben Sie keine Platzierung als Ziel ausgegeben. Doch viele Spieler sprechen verständlicherweise davon, besser werden zu wollen als im Vorjahr. Nun war die vergangene Runde mit Platz acht und dem Pokalsieg aber schon eine ziemlich gute. Haben Sie Bedenken, an den gestiegenen Erwartungen scheitern zu können?
Manchmal gehört auch das Scheitern im Leben dazu. Wenn Euphorie da ist, ist das super. Aber gerade deswegen muss man kühlen Kopf bewahren. Außer vielleicht in München weiß keine Mannschaft vor dem Saisonstart richtig, wo sie steht. Es gibt immer mal Teams, die sich vorne reinspielen. Und dann welche, die überraschend hinten reinrutschen. Für mich zählt erst einmal, dass wir eine Art von Fußball spielen, die die Leute begeistern kann. Das bedeutet viel Arbeit. Wenn alles top funktioniert, bin ich aber überzeugt, dass wir eine gute Saison spielen. Dass ein einstelliger Tabellenplatz super wäre, darüber brauchen wir nicht diskutieren. 

Das klingt sehr geerdet.
Obwohl eine Euphorie da und die Erwartungshaltung ziemlich groß ist, glaube ich schon, dass wir am Boden bleiben müssen. Aber klar, es kommen 50 000 Fans ins Stadion, die wollen eine Mannschaft sehen, die fightet, die marschiert. Das wollen wir hinbekommen.

Wie haben Sie sich denn abseits des Trainingsgeländes in Frankfurt eingelebt?
Vor kurzem war meine Frau zu Besuch, da sind wir mal sonntags durch die Innenstadt gelaufen und haben am Main gegessen. Die Stadt ist schon toll, hier kann man sich wohlfühlen, gut leben. Aber am Ende bin ich nicht wegen der Stadt in Frankfurt, sondern wegen der Eintracht.

Werden Sie auf der Straße denn erkannt?
Ja, das schon. Bisher sind die Reaktionen fast durchweg positiv. Es wäre schön, wenn das in Zukunft auch so bleiben würde.

Wohnen Sie noch im Hotel oder haben Sie schon eine eigene Wohnung? 
Ich bin dran, mich zu orientieren, aber momentan wohne ich noch im Hotel. Das ist aktuell auch nicht meine Hauptpriorität. Jetzt muss ich mich mit anderen Sachen beschäftigen, mit meiner Mannschaft.

Können Sie denn auch mal vom Fußball, von der Eintracht abschalten?
Nein, das geht im Moment nicht, und ich will es auch gar nicht. Es ist so viel zu tun. Ich bin jeden Tag gerne viele Stunden hier. Ich möchte mich zu 100 Prozent mit dem Verein identifizieren. 

Interview: Daniel Schmitt

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