Auf sein Bauchgefühl kommt es an: Eintracht-Vorstand Bobic legt viel Wert auf das persönliche Gespräch mit potenziellen Zugängen.
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Auf sein Bauchgefühl kommt es an: Eintracht-Vorstand Bobic legt viel Wert auf das persönliche Gespräch mit potenziellen Zugängen.

Suche nach Diamanten

Die Schattenmänner von Eintracht Frankfurt

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Kreativ muss die Suche nach Neuzugängen in diesem Corona-Sommer sein - doch wie läuft das Scouting bei Eintracht Frankfurt überhaupt ab?

Recht bald nach der Jahrtausendwende, 2002, flatterte den Fußballbegeisterten der Republik erstmals eine nette Spielerei ins Haus, die den eigenen Expertenstatus vermeintlich leicht überprüfen ließ: eine Fußballmanager-Simulation für den Computer. Jahr für Jahr wurde in den frühen 2000ern eine neue Version des virtuellen Werks auf den Markt geworfen. Stets ging es darum, es besser zu machen als die Klubbosse dieser Zeit, die Assauers, Calmunds und Bruchhagens. Und, na logisch, viele Mausklicks und ein wenig Geschick später war selbst die damals heftigst kriselnde Eintracht aus Frankfurt zu einem Titelanwärter der Bundesliga gemanagt worden.

18 Jahre später sind sie in der wahren Welt bei den Hessen von der Meisterschale natürlich immer noch weit, weit entfernt, wenngleich es im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zuletzt doch gut vorwärts ging. Was vor allem an gelungenen Management-Entscheidungen lag, insbesondere von Sportvorstand Fredi Bobic auf dem Transfermarkt.

Eintracht Frankfurt: Erfahrene Trainer als Späher

Die Namen der kickenden Erfolgsstorys sind schon häufig durchgekaut worden: Jovic, Haller, Vallejo, Mascarell, Wolf, zuletzt Ndicka und Kamada – allesamt für die breite Öffentlichkeit anfangs unbekannte Spieler, die sich in Frankfurt positiv entwickelten. Die Fehlgriffe – auch hier seien Beispiele genannt: Tawatha, Cavar, Ordonez, Geraldes, Allan, Tarashaj – lassen sich verschmerzen. Im vergangenen Sommer erfolgte schließlich eine Abkehr von dieser mutigen Einkaufspolitik, es kamen hauptsächlich gestandene Profis – mit durchwachsenem Erfolg, sodass sie bei der Eintracht nun wieder „Rohdiamanten“ suchen, wie Bobic sagt. Also junge, entwicklungsfähige und preiswerte Spieler.

Doch wie diese finden? Wie läuft solch ein Scouting überhaupt ab?

War die Eintracht bis 2016 doch eher stiefmütterlich aufgestellt in diesem Bereich – Klubikone Bernd Hölzenbein flüsterte zwölf Jahre lang als Chefscout dem ehemaligen Boss Heribert Bruchhagen seine Ideen ein – weht seit der Ankunft von Bobic ein anderer Wind. Ein kräftiger Rückwind. Hölzenbein wurde von Bobic-Kumpel Ben Manga abgelöst, der mittlerweile ein veritables Team um sich schart. Die Eintracht setzt darauf, ihre Spielerbeobachter nicht von Frankfurt aus in die weite Welt zu entsenden, sondern sie vor Ort zu haben.

Die Späher sind nicht selten in den jeweiligen Ländern geboren, aufgewachsen und sprechen da natürlich die Sprache der Spieler perfekt. Oft handelt es sich um ehemalige Trainer oder Sportdirektoren, die sich im gehobenen Alter noch mal in den Dienst der Eintracht stellen. Ihre Hinweise laufen bei Kaderplaner Manga (Trainer Adi Hütter: „Gefühlt ist er über jeden Fußballer europaweit informiert“) zusammen.

Zudem ist der 46-Jährige ebenfalls fast nur unterwegs. Der bis 2023 an die Hessen gebundene Chefscout reist während einer (corona-freien) Saison von Stadion zu Stadion. Mal ist er in der zweiten Liga in Darmstadt anzutreffen, dann jettet er nach Südamerika, um sich dort Spiele(r) anzuschauen. „Ich bin im Monat fünf, sechs Tage zu Hause“, sagte Manga einmal, den die FR als „Phantom der Eintracht“ betitelte, so selten lässt er sich für die Reporter sichtbar am Stadion im Stadtwald blicken.

Die Späher rund um den Globus, dazu Adlerauge Ben Manga, und weiter? Natürlich setzen sie bei der Eintracht auch auf moderne Technik. Wie bei allen einigermaßen professionell aufgestellten Vereinen sammeln und holen sich die Frankfurter wichtige Infos aus Datenbanken. Wird etwa ein Linksverteidiger gesucht, reichen wenige Mausklicks, um den Kandidatenkreis der im System erfassten Profis einzuengen. Alter, Größe, Spitzengeschwindigkeit, Zweikampfstärke, Flankenhäufigkeit seien an dieser Stelle nur als Beispiele für mögliche Suchparameter genannt.

Datenbanken helfen Eintracht Frankfurt beim Scouting

Zudem entwickelte die Eintracht gemeinsam mit SAP eine Plattform, auf der alle Beteiligten via Smartphone Zugriff haben. Unter anderem, so der dafür zuständige Leiter Analyse und Sporttechnologie, Sebastian Zelichowski, „haben wir eine Scouting-App gebastelt, die die Scouts so leicht wie eine SMS bedienen können. Dass das geklappt hat, hat den Scouts gezeigt, dass wir sie ernst nehmen.“

Freilich dienen die Daten den Verantwortlichen eher als Hilfe bei der Entscheidungsfindung, denn als deren Grundlage. Wichtiger sind entweder die gewonnenen Eindrücke von Videomitschnitten oder – noch besser - von Livebeobachtungen. Vor allem dann, wenn die Zeit zum Handeln knapp ist, wenn beispielsweise kurz vor Ende der Transferphase noch ein wichtiger Spieler aus dem eigenen Team weggekauft wird oder langfristig verletzt ist, kann die technische Unterstützung an Wichtigkeit gewinnen. Abschließend komme es auf das persönliche Gespräch mit dem Spieler an. „Das ist entscheidend“, sagt Bobic: „Das Bauchgefühl muss stimmen.“

In diesem Transfersommer, der am 15. Juli begann und erst am 5. Oktober endet, ist die Herangehensweise ohnehin komplizierter als üblich – für alle Vereine selbstverständlich. Es muss situativer gehandelt werden, da im Falle der Eintracht große Ausgaben wohl erst dann getätigt werden können, wenn Einnahmen durch Verkäufe reinkommen. Die von Bobic so oft genannte Geduld wird also tatsächlich nötig sein, zumal die anderen europäische Topligen (Spanien, Italien, England) die alte Saison noch nicht beendet haben. Angeschmissen wird das Transferkarussell also wohl erst im August, Fahrt wird es dann im September aufnehmen.

Die Vorgespräche mit Spielern und deren Beratern aber laufen natürlich längst, und mehr noch, eigentlich enden sie nie. So ist es üblich, dass die Kaderplaner über das ganze Jahr hinweg eine Schattenmannschaft pflegen, ein imaginäres Team bestehend aus möglichen Neuerwerbungen. Dieses wird fortlaufend angepasst, je nach dem welche Veränderungen sich auf dem Markt ergeben. „Eine Spielerverpflichtung ist ein fortlaufender Prozess“, sagt Bobic. Im Sommer wird über den kommenden Winter nachgedacht, im Winter über den Sommer, und so weiter.

Alles in allem ein weitaus komplexeres Thema als es einst die Manager-Simulation den fußballbegeisterten Hobbyexperten nahelegte - vielleicht wurde sie auch deshalb 2013 das letzte Mal auf dem Markt platziert.

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