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Da schau’ ich doch mal genauer hin: Sascha Stegemann mal wieder vor dem Bildschirm.

Eintracht Frankfurt

Ganz schön wirres Elfer-Drama

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Schiedsrichter Sascha Stegemann steht auf Schalke im Spiel gegen die SGE zweimal im Brennpunkt und lässt danach aufhorchen.

Nach den Turbulenzen, die fast ganz Gelsenkirchen zum Wanken gebracht hätten, hat sich Sascha Stegemann nicht verdrückt und den Tatort durch den Hinterausgang verlassen. Nein, der 34 Jahre alte Schiedsrichter stellte sich der Öffentlichkeit, versuchte das aufzuklären, was manche nicht verstehen wollten und andere nicht verstehen konnten. Das ist per se schon mal gut und löblich, auch wenn der Diplom-Verwaltungswirt nur bedingt für Klarheit sorgen konnte. Die überhitzten Gemüter hat der Mann aus Niederkassel, der seit Anfang dieses Jahres auf der Fifa-Liste steht, nicht runterkühlen können, seine 68. Bundesligapartie, die zwischen dem FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt, wird er so schnell nicht vergessen.

Nach 95 Spielminuten hatte sich Stegemann nämlich dazu entschlossen, auf Strafstoß für Eintracht Frankfurt zu entscheiden. Eine mutige Entscheidung, die ihn zumindest im königsblau gefärbten Ruhrpott zum Staatsfeind Nummer eins gemacht hat. Das kam so: Einen Schuss des Frankfurter Spielers Filip Kostic blockte der Schalker Daniel Caligiuri mit dem Arm. Stegemann ließ das Spiel erst einmal laufen, unterbrach es dann aber, weil der Videoassistent aus dem Kölner Keller intervenierte.

Der Referee schaute sich die Szene in der Review Area an – und entschied zum Entsetzen der Schalker auf Strafstoß, den Eintracht-Stürmer Luka Jovic nach sage und schreibe 99 Minuten und schier endlosen Diskussionen zum 2:1-Siegtreffer verwandelte. Anschließend sah sich Stegemann wilden Attacken der Schalker, allen voran deren Trainer-Wüterich Huub Stevens ausgesetzt. Der mehr als nur knurrende Niederländer konnte seinen Ärger nur mühsam runterschlucken, biss sich aber auf die Zunge, „weil ich sonst eine Strafe kriegen würde“.

Wie Sascha Stegemann seinen späten Pfiff begründet 

Pechvogel Caligiuri sah keine Schuld bei sich. „Das sieht natürlich scheiße aus“, sagte er nach dem Studium der Fernsehbilder, „aber man sieht, dass ich noch einen kleinen Schubser von hinten kriege. Der Ball geht erst an die Schulter und dann an den Arm. Dann ist es kein Handspiel.“ Der Frankfurter Kapitän David Abraham schubste seinen Widerpart tatsächlich zur Seite, nachdem dieser ihn aber vorher weggedrückt hatte. Strittig allemal.

Stegemann begründete seinen späten Pfiff so: „Die Bilder haben gezeigt, dass der Arm weit weg vom Körper gewesen ist und bewusst in die Flugbahn des Balles gehalten wurde. Nach den geltenden Auslegungsgrundsätzen ist das ein strafbares Handspiel.“ Den Zweikampf zwischen Caligiuri und Abraham sah er als nicht gravierend an: „Für mich war das ein fußballtypischer Körpereinsatz, dementsprechend kein Foulspiel und deswegen kein Grund, um das strafbare Handspiel aufzuheben.“

Der Referee war sich der Tragweite seiner Entscheidung sehr wohl bewusst, es war klar, dass es die letzte Aktion des Spiels sein würde, nicht mal ein Nachschuss wäre mehr zugelassen worden. Deshalb rief er Verursacher Caligiuri zu sich und erklärte ihm seine Entscheidung persönlich: „Es ist eine besondere Situation, 95. Minute, eine Schlüsselszene des Spiels. Diese Szene hat eine besondere Brisanz und Bedeutung. Deswegen wollte ich im Rahmen der Deeskalation dem Spieler mitteilen, was mich zu meiner Entscheidung bewogen hat.“ Eine gut gemeinte, ungewöhnliche Aktion, die jedoch verpuffte: Die Schalker kochten vor Wut.

Schon vor der Halbzeit hätte es gegen Schalke Strafstoß geben müssen

Dabei konnten sie heilfroh sein, nicht schon früher einen Strafstoß gegen sich verhängt bekommen zu haben, den hätte es nämlich zwingend geben müssen. Ein Zweikampf in der 30. Minute war, wenn man die späte Dramatik um den Elfer in der Nachspielzeit mit all ihren Geschichten und Folgen mal außen vor lässt, der eigentliche Aufreger dieses Spiels. In jener Szene war Eintracht-Angreifer Ante Rebic von Jeffrey Bruma im Strafraum von den Beinen geholt worden, der Schalker Verteidiger hatte den Stürmer oben mit dem Arm gehalten und ihm unten in die Hacken getreten. Schiri Stegemann, der in dieser Saison nach dem Wolfsburg-Spiel von Eintracht-Torwart Kevin Trapp heftig attackiert wurde („Sollte einfach seinen Pass abgeben und es sein lassen“), wofür der Keeper 8000 Euro Strafe zahlen musste, ließ weiterlaufen, erhielt ein Signal aus Köln, sah sich die Szene auf dem Bildschirm an – und blieb bei seiner Entscheidung. Das war seltsam, sehr viel klarere Elfer gibt es nicht. Unerklärlich irgendwie.

Genauso unerklärlich wie Stegemanns Begründung. „Im Originalablauf des Spiels habe ich oben ein Halten gesehen und einen Kontakt im Fußbereich – und habe deswegen das Spiel weiterlaufen lassen“, sagte er, was ja schon mal merkwürdig ist. Und weiter: „Nach Intervention des Videoassistenten habe ich mir in der Review-Area selbst ein Bild von dem Vorgang gemacht. Ich konnte da keine Divergenz sehen zwischen meiner Meinung auf dem Spielfeld und dem Bildmaterial erkennen. Daher bin ich bei meiner Entscheidung geblieben.“ Das klingt etwas wirr.

Sehr wahrscheinlich meinte Stegemann, dass er die zwei Berührungen zwar erkannte habe, sie aber nicht als elfmeterwürdig erachtete. Dass er aber nach dem Studium der TV-Bilder bei seiner Einschätzung blieb, ist einigermaßen abenteuerlich. Stegemann findet: „Es ist mit Sicherheit eine Entscheidung im Ermessensbereich. Das war keine Schwarz-oder-Weiß-Entscheidung, sondern eine Graubereichs-Entscheidung. Eine andere Entscheidung wäre möglich gewesen.“ Sehr viel klarer beurteilte Übeltäter Bruma die Situation. „Den“, sagte er, „hätte man geben können.“

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