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Die Ruhe vor dem Drahtseilakt bei Eintracht Frankfurt

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Von: Ingo Durstewitz

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Bot in Stuttgart eine Leistung, die nur schwer zu unterbieten war: Rafael Borré (rechts).
Bot in Stuttgart eine Leistung, die nur schwer zu unterbieten war: Rafael Borré (rechts). © Sven Simon/Imago

Vor der Pause in der Bundesliga liegt Eintracht Frankfurt auf Kurs. Die Unterbrechung wird benötigt, um sich auf harte sechs Wochen vorzubereiten.

Frankfurt – Man glaubt es kaum, aber im Fußballgeschäft rennt die Zeit noch mal schneller als im wahren Leben, und da ist sie schon verdammt fix, die gute alte Zeit. Was gestern gut war, ist heute schlecht. Gerne auch andersrum, und was morgen kommt, weiß ja sowieso kein Mensch. Nehmen wir den gigantischen FC Bayern: Vor ein paar Tagen nach dem 2:0 über den nicht viel kleineren FC Barcelona schienen die Münchner auf dem Weg zum Champions-League-Titel kaum mehr aufzuhalten, eine Woche und ein 0:1 bei den Zwergen aus Augsburg später wird getuschelt, ob dieser Julian Nagelsmann noch haltbar sei an der Säbener Straße.

Oder andersherum: der Europa-League-Sieger Eintracht Frankfurt. Vor zehn Tagen legte Oliver Glasner sein Team quasi in Schutt und Asche, „langsam, behäbig, desaströs“, schimpfte der Trainer nach dem 0:1 gegen Wolfsburg. Und diese Standards – „Katastrophe“. Zwei Siege danach, einen in der Champions League in Marseille und einen in der Liga in Stuttgart, verdingt sich der 48-Jährige in veritablen Lobeshymnen: klug gespielt, aufopferungsvoll gekämpft, Charakter gezeigt, den Sieg absolut gewollt. Und diese Standards erst, Sahne. Alle drei Tore beim 3:1-Erfolg fielen, als der Ball zuvor ruhte. Dabei hatte Glasner erst einen Tag vor dem Spiel noch darüber geklagt, aktuell keinen Linksfuß auf dem Feld zu haben, der auch mal einen Ball gefährlich reinbringen könne. Und dann das, der dreifache Daichi Kamada.

Eintracht-Sportvorstand Krösche: „Man sieht eine Entwicklung“

„Es ist ein schönes Gefühl, dass du ein Spiel mal so gewinnen kannst“, sagt Torwart Kevin Trapp. „Wir haben lange kein Standardtor mehr gemacht, obwohl wir da immer stark waren.“ Manchmal flutscht es halt einfach wieder, und niemand kann so wirklich erklären, weshalb.

Eintracht Frankfurt hat sich nun durch den dritten Saisonsieg in eine ganz gute Ausgangsposition gebracht. Auf elf Punkte ist das Konto nach sieben Spielen angewachsen, damit liegen die Hessen auf Rang sieben, einen Zähler hinter den Europa-League-Rängen, zwei hinter den Königsklassen-Startplätzen. Das ist okay, zumal der Eintracht-Motor anfangs doch ganz schön ruckelte, und offenbar sind auch Ausrutscher wie jener gegen Wolfsburg immer noch mal drin.

„Die drei Punkte in Stuttgart waren enorm wichtig, weil die Tabelle extrem eng ist“, sagte Kapitän Sebastian Rode. Generell scheint sich das Team berappelt zu haben. „Man sieht eine Entwicklung“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. „Aber wir sind noch am Anfang.“ Die beiden jüngsten Dreier waren auch gut, um die atmosphärischen Störungen zwischen Sportboss Krösche und Cheftrainer Glasner zu nivellieren. Im Erfolg können sich zwar die Menschen verändern und auch sind sie vor Fehlern nicht gefeit, doch er kann auch befrieden und heilen. Es geht ohnehin nur darum, eine vernünftige, gute Basis zum Wohle des Vereins zu finden. Die hatten beide ja auch schon.

Eintracht Frankfurt nach der Länderspielpause – Vier mal Champions-League bis zur WM

Die Bundesligapause ermöglicht es den Spielern, sich mal gedanklich zu lösen von der Eintracht. „Kopf abschalten, freibekommen“, sagt Kevin Trapp, der bei der deutschen Nationalmannschaft einen Tapetenwechsel erhält. Insgesamt zehn Akteure sind mit ihren Auswahlteams unterwegs, die übrigen können sich über ein paar freie Tage und einen gewissen Abstand freuen. „Nach der Pause wird es dann richtig heavy mit vielen Spielen“, sagt Sebastian Rode. Körperlich ist die Mannschaft gewappnet. „Wir wissen, dass wir alle drei Tage viel laufen können.“ Die Frankfurter sind ihren Opponenten physisch nicht selten überlegen, auch was die Intensität und Anzahl der Läufe angeht.

Es wird ab Oktober in den sechs Wochen bis zur WM eher darum gehen, geistig auf der Höhe zu bleiben. Das ist die Herkulesaufgabe, ein Drahtseilakt, der Balance erfordert. Alle drei, vier Tage ein Spiel, vier davon in der Königsklasse – da muss man einen klaren Fokus finden und mental bereit sein, in kürzester Zeit immer wieder Höchstleistungen zu bringen. Das ist die große Kunst, und daran scheiterte die Eintracht noch in der Vorsaison.

Und dieses Mal? Coach Glasner wird die Belastung klug steuern müssen, nicht mehr durch das Training, das findet in dieser Zeit quasi nicht mehr statt, sondern durch angemessene Wechsel in der Startformation. Bisher hat er, wie er selbst sagt, eher „moderat rotiert“, und der Österreicher ist kein Freund davon, etwas über den Haufen zu werfen, was funktioniert. Das ist nur allzu verständlich. Und doch wird er mit seinem Stammpersonal kaum 13 Spiele in 44 Tage bestreiten können. Schon jetzt sind die Spieler stark belastet. Djibril Sow etwa fehlt keine Minute und läuft dennoch immer am meisten, um die zwölf Kilometer. „Wahnsinn“, findet der Coach. Andere stecken es weniger gut weg. Mario Götze war zuletzt am Anschlag, ihm kommt die Verschnaufpause sehr gelegen. Der 30-Jährige wird solch ein Pensum in kurzer Zeit kaum mehr bewältigen können. Die Gefahr, sich zu verletzen, nimmt zu – je größer die Müdigkeit und die Anstrengung ist. Das liegt in der Natur der Sache.

Die zweite Garde bei Eintracht Frankfurt ins Laufen bringen

Schon jetzt muss die Eintracht einige Ausfälle verkraften, schuld daran seien die stetig steigenden Anforderungen. „Der Verletzungsteufel wütet überall“, sagt Glasner. „Die Grenze ist überschritten, die Spieler sind überlastet – und dann knallen sie noch eine WM im Winter rein.“ Ändern, klar, kann er es nicht.

So wird er schauen müssen, auch Spieler aus der zweiten Garde ins Laufen zu bringen und ihnen das Gefühl zu geben, wichtig zu sein. Fußballer, wie etwa Lucas Alario, der noch gar keine Rolle spielt. „Ein Härtefall“, sagt Glasner. „Das tut mir wahnsinnig leid.“ Der Argentinier sei „ein super Mensch, ein super Kerl.“ Doch zurzeit eben ein gutes Stück weit weg von der Startelf. „Ich bin mir aber sicher, dass er noch etliche wichtige Tore für uns schießen wird.“

Auch da ist der Coach als Aufpasser gefragt und muss eine gewisse Sensibilität an den Tag legen. Dass Randal Kolo Muani Stürmer Nummer eins und gesetzt ist, ist völlig klar, auch wenn der französische Neu-Nationalspieler zuletzt merklich schwächelte. Aber weshalb etwa Rafael Borré in der Hierarchie vor Alario steht, erschließt sich nicht mehr. Im Gegenteil: In Stuttgart zeigte der kolumbianische Nationalspieler nach seiner Einwechslung eine Leistung, die kaum zu unterbieten ist und von einer gewissen Lustlosigkeit geprägt war. Vielleicht sind da mal deutliche Worte angesagt – nach Borrés Rückkehr vom anderen Ende der Welt. (Ingo Durstewitz)

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