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Lukas Hradecky

Die Rückkehr der Spinne

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Lukas Hradecky ist bei Eintracht Frankfurt in große Fußstapfen getreten und hat ebensolche hinterlassen.

Erst vor wenigen Tagen postete Lukas Hradecky in die weite Internetwelt einen Schnappschuss aus einem sehr rustikalen Wirtshaus, der ihn mit vier Kumpels zeigte. Alle hatten ein großes Kaltgetränk vor sich stehen, der frühere Frankfurter und heutige Leverkusener Schlussmann umklammerte das Bierglas mit seiner rechten Hand und schrieb dazu ganz nüchtern: „Gestern drei Punkte, heute drei Weizen.“ Da brach er mal wieder durch, der so typische Hradecky-Schalk. In Zeiten wie diesen, da die Profisportler durchgestylte Marketingmaschinen und profitable Ich-AGs in globalen Fußballunternehmen sind, lässt es der Finne mit slowakischen Wurzeln immer wieder menscheln und das oftmals so angestrengt professionell wirkende Fußball-Business auf Betriebsausflugsniveau herabbrechen. Drei Bier nach einem 1:0-Arbeitssieg gegen den FC Augsburg – was ist denn schon dabei?

Lukas Hradecky wird erstmals wieder in sein altes Wohnzimmer zurückkehren, in dem er sich drei Jahre lange pudelwohl gefühlt und jedes Staubkorn gekannt hat, die Arena im Stadtwald war sein Zuhause, dort hat er Höhen und Tiefen durchlebt. Seinen größten Triumph, na klar, hat er freilich auswärts errungen, damals im Mai, als die Eintracht die Bayern in Berlin im Pokalfinale mit 3:1 bezwang und den größten Erfolg nach 30 Jahren feiern konnte. Seinerzeit, man erinnert sich dunkel, sind mehr als drei Weizen durch seine Kehle geflossen.

Einer ohne Berührungsängste

Lukas Hradecky wird sicherlich freundlich empfangen in Frankfurt, alles andere wäre eine riesengroße Überraschung. Für den finnischen Nationalkeeper ist die Partie am Sonntag natürlich eine ganz besondere. Drei Jahre lange war er eine Konstante zwischen den Pfosten, ein Leistungsträger und Führungsspieler, sehr schnell ist er zum Publikumsliebling aufgestiegen. 

Hradercky war deshalb so anerkannt und beliebt, weil er herausragende Leistungen zeigte – und weil er einfach so geblieben ist wie er immer war – ein offener, lustiger, einnehmender Typ, einer ohne Berührungsängste, einer wie du und ich, einer, der obendrein klug und reflektiert ist. Solche Typen sind mittlerweile rar gesät im Profigeschäft. 

Dabei hatte es der Skandinavier nicht leicht, aber er hat es leicht aussehen lassen. In Frankfurt trat der Torhüter nämlich in große Fußstapfen oder, wie er es in seiner eigenen Art formulierte, „in große Handschuhstapfen“. Es galt, Kevin Trapp zu ersetzen, Kapitän und Aushängeschild der Eintracht, der sich dem Pariser Topklub Paris St. Germain angeschlossen hatte. Doch damals, als Trapp ging und Hradecky kam, sagte der Ballfänger: „Ich bin der Lukas, ich bin ich, und ich gehe meinen Weg.“ Das hat er gemacht. 

Für die Eintracht hütete er 116-mal den Kasten, mehr als für jeden anderen seiner Klubs, er machte das zumeist fehlerfrei, gravierende Missgeschicke sind nicht viele zu verzeichnen, in drei Spielen sah er nicht gut aus, einmal in Leipzig, als er eine komische Rote Karte sah, einmal in Gladbach beim 0:3 und vergangene Saison beim 1:2 in Bremen, als er eine Flanke, die er normalerweise nachts um drei mit mehr als drei Bier intus noch locker fischen würde, ins Tor rutschen ließ. Das war es im Großen und Ganzen – in 36 Monaten und fast 120 Pflichtspielen. Chapeau. Der in Frankfurt „Spinne“ getaufte Keeper machte einen herausragenden Job. Das ist umso höher zu bewerten, weil er schon mehr als ein Jahr vor Beendigung seines Arbeitsvertrages in Frankfurt wusste, dass er den Verein verlassen würde. Das war für ihn nicht leicht. „Ich wusste, dass es mein letztes Jahr in Frankfurt sein würde. Es war für mich nicht einfach, einen guten Verein zu verlassen, einen Verein, in dem ich auch eines der Gesichter war.“ 

Doch der Torwächter, und das ist die eigentliche Leistung, hat dann trotzdem eine bockstarke Saison gespielt, er hat sich nicht aus der Bahn werfen lassen, sondern sich auf seine Leistung konzentriert. Das ging nur, weil er den Rückhalt spürte, von den Fans sowieso, die seine Arbeit zu schätzen wussten. Aber, nach anfänglichen Wirrungen und einer im Raum stehenden Verbannung auf die Tribüne, auch von den Verantwortlichen. Irgendwann war klar, dass die Eintracht Lukas Hradecky noch brauchen würde und es war ebenso klar, dass er nicht einen Millimeter nachlassen und seinen Mann stehen würde. Das entspricht dem Charakter des Spielers und zeigt aber auch, welch Geist in der Mannschaft herrschte. Denn intern war im Frühjahr dieses Jahres klar, dass nicht nur Trainer Niko Kovac, sondern auch andere Korsettstangen den Verein verlassen würden. Trotzdem rauften sich alle zusammen, um gemeinsam den großen Coup im Mai zu planen und anzugehen. Dabei, und das sollte ebenfalls nicht verschwiegen werden, war Lukas Hradecky einer, der mit der rigiden Art und den Methoden des Ex-Trainers Kovac nicht immer einverstanden war. 

Hinter seinem eigentlichen Wechselwunsch steckten aber andere, wirtschaftliche Gründe. Und das kann man ihm nicht verdenken. Denn obwohl sich die Eintracht bis zur Decke streckte, wusste er, dass er andernorts sehr viel mehr Geld würde verdienen können. Die Frankfurter boten zwar rund drei Millionen Euro per annum, doch in Leverkusen wird er fürstlicher entlohnt, mit jährlich etwa 5,5 Millionen Euro alimentiert. Hradecky ist mittlerweile auch schon 29, für einen Torhüter ist das kein Alter, klar, aber er hat in Leverkusen einen Fünfjahresvertrag unterschrieben, das Gesamtpaket soll ihm rund 30 Millionen Euro bringen. Damit hat er eigentlich bis an sein Lebensende ausgesorgt. 

Hradecky denkt aber immer noch mit einem weinenden Auge an die Eintracht zurück, die per se wankelmütige Bayer-Elf hat sich zuletzt stabilisiert, aber vorher war es der Schlussmann, der immer wieder mal kritische Töne einstreute. „Vielleicht können wir auch was von der Eintracht lernen: Dass man mit Teamgeist manchmal mehr erreichen kann als mit Qualität“, sagte er dem „Kicker“ unlängst und monierte den fehlenden Biss. „Wenn das dann nach längerer Zeit nicht wird, dann ist Leverkusen vielleicht der falsche Verein.“

Die Eintracht hat im Übrigen sehr genau gespürt, dass sie auf der Torwartposition einen Mann braucht, der zwar vielleicht anders als Hradecky, aber mit seinem unbändigen Ehrgeiz ebenso wichtig fürs Team ist: Kevin Trapp, ebenfalls ein Charakterkopf und exzellenter Torwart – der Vorgänger und Nachfolger von Lukas Hradecky. 

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