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Der Abschied: Heribert Bruchhagen verlässt die Eintracht nach zwölfeinhalb Jahren.
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Der Abschied: Heribert Bruchhagen verlässt die Eintracht nach zwölfeinhalb Jahren.

Eintracht Frankfurt

Robin Hood geht in Rente

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Nach bald 13 Jahren bei Eintracht Frankfurt steigt der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen ohne große Gefühlsduselei aus.

Irgendwann, wenn der letzte Ball gespielt ist, die vielen Honneurs gemacht sind und ein wenig Zeit zur Besinnung Einzug hält, wird Heribert Bruchhagen keinen sicheren Boden mehr unter den Füßen haben. Dann wird der noch amtierende Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Eintracht die Leinen lösen und sich in raue See begeben. „Erst mal fahre ich mit dem Schiff weg“, sagte der 67-Jährige am Dienstag schelmisch grinsend. Mit an Bord des Luxusdampfers wird der alte Stammtischbruder Jörg Wontorra sein, „das wird auch schon wieder anstrengend“, vermutet Bruchhagen. Und wenn er die Schiffsreise gut überstanden hat, wird er seinen weißen Maserati frisch gewaschen, aufgetankt und gesaugt zurückgeben, „und mein iPad ebenfalls.“ Und dann wird es das gewesen sein, dann wird bei Eintracht Frankfurt eine lange und imposante Episode, ja eine Ära zu Ende gehen, die des verdienten Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen. Nach zwölfeinhalb Jahren. Eine halbe Ewigkeit im heutigen Bundesligazirkus.

Von Wehmut, überbordenden Emotionen oder gar Gefühlsduselei ist beim Fußallromantiker noch nichts zu spüren, zu sehr schlägt ihn der Abstiegskampf in seinen Bann, zu groß ist die Angst, am Ende vielleicht doch noch zurückgestuft zu werden in die zweite Klasse, es wäre dann sein dritter Abstieg unter seiner Ägide. „Solche Spiele wie gegen Mainz, Darmstadt oder Dortmund, das ist ja kein Vergnügen“, sagt Bruchhagen. Das ist Stress pur für den oft so knorrig daherkommenden Mann aus Ostwestfalen, der sich schon mal in der Kabine einschließt, wenn die Schlussphase zu nervenaufreibend wird. „Abstiegskampf führt zu Atemlosigkeit“, stöhnt er. Auch am Samstag im dramatischen letzten Heimspiel gegen Borussia Dortmund hielt es ihn nicht auf seinem Sitz, trotzdem hat er nur eine Zigarette geraucht. „Das können sie mir glauben.“

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Für den alten Fahrensmann Bruchhagen, das wahrscheinlich dienstälteste Kind der Bundesliga, ist die jetzige Situation nicht leicht, sie steht ganz im Zeichen des Abschieds von seinem Herzensklub, der ihm so viel gegeben hat, „sportliche Freundschaften, Anerkennung und Herzlichkeit“. Doch sein Abgang wird von dieser noch immer so prekären Situation im Tabellenkeller überlagert. Für Bruchhagen ist diese Form des Lebewohl irgendwie typisch. Es gab selten eine Zeit in den fast 13 Jahren, seit 1. Dezember 2003, in denen er sich mal zurücklehnen konnte, in denen die Eintracht im ruhigen Fahrwasser schipperte. Nein, meistens ging es gegen den Abstieg, ab und zu um den Aufstieg, zweimal um den Einzug in den Uefa-Cup.

Es ist ebenso sinnbildlich, dass Bruchhagen, nach seinen nachhaltigsten Erinnerungen befragt, den 1:0-Sieg vor mehr als zehn Jahren am neunten Spieltag beim MSV Duisburg nannte. Torschütze: natürlich Alex Meier. „Damit haben wir uns aus einer prekären Situation befreit.“ Und ansonsten wäre Trainer Friedhelm Funkel wohl entlassen worden. Funkel und Bruchhagen – diese Symbiose passte, beide waren wie Brüder im Geiste. Noch heute legendär sind die täglichen Kaffeerunden mit Funkel und Chefscout Bernd Hölzenbein morgens um neun Uhr. Heute, erzählt Bruchhagen, sitzt er alleine in seinem Büro mit einem Käsebrötchen und dem Pressespiegel. „Das zieht mich dann gleich runter.“ Auf den vielen zu blass rüberkommenden Fußballlehrer Funkel lässt Bruchhagen bis heute nichts kommen. „Er war fünf Jahre genau der richtige Mann für uns.“

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Bruchhagen war nie der Funktionär, der populistische Entscheidungen getroffen hat, er hielt etwa fünf Jahre unbeirrt an Funkel fest, obwohl dieser aus den eigenen Reihen beschädigt wurde. Diese Treue, die Kontinuität wurde zu seinem Markenzeichen und Leitfaden. „Eintracht Frankfurt ist trainerstabil“, gehörte zu seinen Leitsätzen. Bruchhagen, durchaus unbequem, stellte sich stets gegen die öffentliche und veröffentlichte Meinung. „Wir lassen uns nicht treiben“, lautete ein anderes Credo des „Herri Allmächtig“, wie die FR einmal titelte. Bruchhagen liebt Trainer, die Stollenschuhe tragen und nicht für Firlefanz und Hokuspokus stehen. Und als er einmal doch einknickte und den eher schillernden und extrovertierten Christoph Daum als Retter verpflichtete, ging es prompt schief. Die Eintracht stieg ab.

Das war 2011. Die schwärzeste Stunde im sportlichen Dasein des Eintracht-Chefs. Ein Erlebnis, das fast schon traumatische Folgen für ihn hatte. An diesem Absturz hatte er sehr lange zu knabbern, ehe er sich erholte. Heute sagt er im Brustton der Überzeugung: „Du darfst nicht resignieren. In der Niederlage musst du zeigen, dass du dich nicht beeindrucken lässt.“ Leicht fällt ihm das nicht.

Dieser niemals für möglich gehaltene Abstieg stellte auch für ihn persönlich eine Zäsur dar, er war verbunden mit einem beachtlichen Machtverlust. Bruchhagen, der stets betonte, eher Fußballmanager und weniger Vorstandschef zu sein, musste erstmals einen Sportdirektor neben sich akzeptieren. Bruno Hübner war fortan an derjenige, der die Mannschaften zusammenbaute. Das Tagesgeschäft im sportlichen Segment bestimmten fortan andere. Bruchhagen hatte daran zu knabbern, weil er vom Selbstverständnis die Bundesliga besser zu kennen glaubt als die meisten anderen, vor allem als Journalisten, die hinterher immer alles besser gewusst haben wollten und mit denen er zuweilen so machen Strauß ausfocht. Im Laufe der Zeit arrangierte er sich aber mit der neuen Konstellation in der Führungsetage. Ihm blieb auch nichts anderes übrig.

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Öffentlich gab der gelernte Gymnasiallehrer und Gütersloher Zweitligaspieler („Ich hatte nie Angebote eines anderen Vereins“) den Mahner, schlüpfte in die Rolle des Kritikers, legte sich als „Robin Hood im Lodenmantel“ auch mal mit den mächtigen Bayern an und wunderte sich über die allgemeine Entwicklung des Fußballsports, den er so liebt und mit dem er sich, wie er einmal sagte, „24 Stunden am Tag“ beschäftigt.

Mit Tattoos, Twitter und Selfies kann er nichts anfangen. Der Fußball habe sich sehr verändert im Laufe der Zeit, nicht immer zum guten. Positiv freilich sei die Zunahme an „der Professionalität des Teams drumherum“. Er habe einst als Drittliga-Trainer alles allein gemacht, „erst im dritten Jahr bekam ich Michael Henke als Co-Trainer dazu.“ Heute sei die Bedeutung des Fußballs zu groß geworden. „Wir haben den Handball, den Basketball, die Leichtathletik erschlagen.“

Auch das Publikum hat sich verändert. „Früher haben 60 bis 70 Prozent der Zuschauer den „Kicker“ gelesen, sie wussten, dass Heinz Flohe mit links flankt und pfiffen Bernd Hölzenbein beim Stand von 0:0 zur Pause aus.“ Heute, sagt Bruchhagen, „wird gesungen, heute ist es emotional und erlebnisorientiert.“ Er klagt das nicht an, befremdlich findet er es schon. „Es ist ein Versäumnis, nicht immer darauf hingewiesen zu haben, wie toll wir sind.“ Das gebiete der Zeitgeist, „das musst du heute dokumentieren.“

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Dabei hat er sehr wohl dicke Bretter gebohrt, in Frankfurt hat er die Öffentlichkeit mit seinen oberlehrerhaften Erklärungen, wonach die Bundesliga schwer und sowieso zementiert sei, ermüdet. Er ahnt es selbst. Aber er sieht es heute als seine größte Leistung an, „durch permanentes, realistisches Darstellen der Situation“ eine verändertes Bewusstsein geschaffen zu haben. „Das hefte ich mir ans Revers.“ Auch nach fast 13 Jahren sieht er sich bestätigt und Eintracht im Mittelmaß gut aufgehoben. „Die Wahrnehmung ist falsch und fördert die Erwartungshaltung, die der Klub nie wird erfüllen können: Die Eintracht war in der Bundesliga nie Erster oder Zweiter.“

Er übergebe einen Verein, der „solide und gut aufgestellt“ sei, aber „wirtschaftlich an Grenzen“ stoße. Die Einnahmemöglichkeiten in der Bankenmetropole sind quasi erschöpft, nur an wenigen Stellschrauben ist zu drehen. Bruchhagen, das sagte er durch die Blume, hätte sich mehr Unterstützung aus dem Rathaus gewünscht. „Die Frankfurter Gesellschaft sitzt bei uns in den Logen“, führte er aus. Aber für den Klub springe dennoch kaum etwas heraus. „Die Unterstützung ist nicht so, wie sie sein sollte.“ Und so bleibt das Fernsehgeld als Parameter, den er gelten lässt. „Als ich anfing, waren wir Siebzehnter. Jetzt schließen wir wahrscheinlich als Zehnter, Elfter oder Zwölfter ab“, wenn es perfekt laufe als Neunter. „Und in diese Range gehören wir auch.“ Das TV-Ranking ist für ihn die wahrte Tabelle: „Diesen Platz hat man sich dann verdient.“

Bruchhagen sorgt sich im „modernen Städtekampf“ so ein bisschen um seinen Verein, den er am 30. Juni offiziell verlassen wird. Das liegt an den veränderten Verhältnissen in der Bundesliga, an gepamperten Vereinen wie Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen und nun vor allem RB Leipzig. „Unsere Konkurrenten sind nicht mehr Duisburg, Bochum, Karlsruhe oder Kaiserslautern, sondern Klubs mit ganz anderen Möglichkeiten.“ Zwischen Platz acht und 18 könne es immer mal einen erwischen. „Ich ahne, welche Vereine die Bundesliga bald wieder verlassen müssen“, sagt er. Dass gleich vier Traditionsklubs vom Abstieg bedroht sind und womöglich drei von ihnen die Klasse verlassen müssen, sage vieles: „Das ist auch ein Hinweis.“

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Was Herbert Bruchhagen nach seinem letzten Arbeitstag und der Rückkehr von seiner Seereise tun wird, will er noch nicht en detail verraten. Er werde dem Fußball in einer Form erhalten bleiben, als Vorstandsmitglied im DFB ist er ohnehin bis November noch im Geschirr. Was dann kommt, wisse er nicht. Er habe aber genügend andere Interessen, Golfspielen etwa. In der Anfangszeit wird er sicherlich auch das eine oder andere Spiel der Eintracht besuchen, „laut Satzung steht mir eine Ehrenkarte zu. Und ich sitze dann neben Klaus Gramlich, Matthias Ohms, Rolf Heller, Wilhelm Bender, Herbert Becker, ganz rechts“.

Seinen Nachfolger wird er dabei im Blick haben. Viele spricht derzeit für den früheren Stuttgarter Fredi Bobic. Ob der es wird? Heribert Bruchhagen hat sich mit dieser Frage nicht beschäftigt, er hat aber klare Ansichten, wie das Anforderungsprofil aussehen soll: „Es muss ein klares Gesicht sein, er soll authentisch sein, Sozialkompetenz und Sportkompetenz besitzen.“ Und dazu, und das ist Bruchhagen, ganz wichtig: „Bescheidenheit.“

Ansonsten, findet Herri, sei das Amt des Vorstandsvorsitzenden durchaus zu wuppen: „Das ist doch kein Hexenwerk.“

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