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Mit guten Ansätzen: Aymen Barkok.
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Mit guten Ansätzen: Aymen Barkok.

Dilemma

Riskante Stabilität

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eigentlich müsste Eintracht Frankfurt mutiger agieren, doch die Angst vor der offenen Flanke spielt immer mit. Wie entkommt man diesem Dilemma?

Vor dem letzten Bundesligaspiel, das mit einer mittelgroßen Enttäuschung (1:1 gegen Werder Bremen) endete, ist Adi Hütter grundsätzlich geworden. Der Eintracht-Trainer schwadronierte von einer eigenen DNA und einem Wiedererkennungswert seiner Frankfurter Mannschaft, der 50-Jährige bewertete das Gesamtkonstrukt als sehr solide und standhaft. „Wir haben eine gute Konstanz und Stabilität im Team, wir wirken sehr kompakt.“

Das ist gar nicht mal verkehrt, bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass stabil sein zwar ausreicht, um in der Liga konkurrenzfähig zu sein, um den Kontrahenten das Leben schwer zu machen und auch für eine Serie von zehn saisonübergreifenden Spielen mit nur einer Niederlage (selbstverständlich bei den Bayern, 0:5). Aber stabil sein reicht offenbar nicht, die Kontrahenten zu dominieren und oben anzugreifen, um mehr zu sein als Mittelmaß. Das ist die Eintracht derzeit, Platz zehn, neun Punkte, acht zu zehn Tore. Sie hinkt den eigenen Ansprüchen hinterher.

Zu gerne würden sich die Frankfurter aufmachen in Richtung Spitze. „Ich will, dass dieses Projekt weitergeht. Wir wollen wieder international dabei sein.“ So hatte Chefcoach Hütter das Ziel ausformuliert. Auch seine Spieler halten mit ihren Ambitionen nicht hinterm Berg, da ist gar, wie bei Stürmer André Silva unlängst, von der Champions League die Rede. Nun sollte man jungen, ehrgeizigen Berufssportlern diese verbalen Vorstöße nicht um die Ohren hauen, sie sind auch kein Ausdruck von Hochmut. Vielleicht eher von einer Selbstwahrnehmung, die mit der Fremdwahrnehmung nicht so richtig korrespondieren will. Klar ist: Wer hohe Maßstäbe anlegt oder artikuliert, wird daran gemessen.

Für Adi Hütter, den Verantwortlichen, birgt die jetzige Konstellation aber sehr wohl einige Unwägbarkeiten. Da geht es nicht nur um die tabellarische Situation, die nicht zufriedenstellend, nach sechs Runden aber auch kein Beinbruch ist. Es geht eher um die generelle Ausrichtung auf dem Platz, um den größtmöglichen Erfolg zu erzielen. Und da ist der Österreicher in einer kniffligen Lage, denn die von ihm angesprochene Stabilität geht zulasten anderer Elemente, die das Spiel der Eintracht dringend braucht, zumindest dann, wenn es darum geht, eher minderbemittelte Opponenten zu bespielen und letztlich zu sezieren. Es geht also um Kreativität und Freigeistigkeit, um Finesse und Wagemut. Kein Zufall, dass die Eintracht die Mannschaft stellt, die ligaweit am wenigsten ins Dribbling geht, nur zwölfmal pro Partie. Negativrekord.

Gegen massiert stehende Gegner beißen sich die Frankfurter die Zähne aus. 1:1 gegen Bielefeld, 1:1 in Köln, 1:1 gegen Bremen. „Uns hat das Quäntchen Glück gefehlt“, wirft Aymen Barkok ein. Stimmt zum Teil, greift jedoch zu kurz. Zufall sind diese Resultate eher nicht, sondern Ausdruck der fehlenden Ideen und Lösungen gegen auf Verhinderung bedachte Teams. Das geht, klar, nicht nur der Eintracht so.

Es ist nicht so, dass Hütter keine Möglichkeiten oder nicht die Spieler hätte, um Abhilfe zu schaffen, er könnte etwa Amin Younes bringen oder Barkok, den unerfahrenen Neuling Ajdin Hrustic eher noch nicht, er könnte die Außen oder das Mittelfeld offensiver besetzen. Aber das hat er noch nicht gemacht, nicht weil ihm der Mut fehlt, sondern weil für seinen Geschmack auf diesem Weg zu viele Fallstricke liegen. Es ist eine Frage des Vertrauens und eine Sache der Abwägung.

Ist Younes fit genug, hält er durch? Kann Barkok seine guten Ansätze in eine konstante Gesamtkomposition einbetten? Schon gegen Bremen wirbelte er nach seiner Einwechslung wie ein Derwisch auf rechts, fiel aber hinten raus wieder ab. Und: Wird dadurch die Defensive nicht zu sehr vernachlässigt, geht da nicht die Organisation und Kompaktheit, also die – Achtung – Stabilität verloren? Barkok selbst sagt, er habe einst in der U17-Nationalmannschaft unter Christian Wück rechter Verteidiger gespielt und noch viel früher in Offenbach auf der anderen Seite defensiv. Zudem: „Ich bin fit, ich kann laufen.“ Ob das reicht?

Hütter muss abwägen, schauen, wie er die Positionen besetzt und wie viel Risiko er gehen kann, ohne dass es in einem Vabanquespiel mündet. Oder anders formuliert: Wie viel Stabilität kann man opfern, um mehr Zug, Wucht und Esprit ins Spiel zu bekommen und wie viel Ertrag ist dabei zu erwarten? Kompliziert.

Hütter glaubte, seine Elf gefunden zu haben. Er rotierte kaum, was zu verstehen war, weil sich die Eintracht im Soll wähnte: 1:1 in Köln? Kann mal passieren. 0:5 in München? Schnell abhaken. Doch nun ließ das dritte 1:1 gegen einen nominell schwächeren Gegner aufhorchen. Auch weil einige Spieler das Vertrauen nicht (mehr) zurückzahlen.

Steven Zuber pendelt sich auf unterem Durchschnittsniveau ein, Almamy Tourés Zwischenhoch ist schon wieder abgeflaut, Stefan Ilsanker ist spielerisch limitiert. Und wenn er nicht in die Zweikämpfe kommt, ist er dem Team keine Hilfe. Hütter aber schätzt den 31-Jährigen, nicht aus alter Verbundenheit oder Landsmannschaft, sondern weil er in ihm „unseren einzigen richtigen Sechser und den Stabilisator vor der Abwehr“ sieht. Mit 20 Prozent gewonnener Zweikämpfe wie gegen Bremen ist er das nicht.

Das wiederum wirft die Frage auf, weshalb die Eintracht in der vorherigen Saison satte 19 Millionen Euro für Djibril Sow (zehn Millionen) und Dominik Kohr (neun) ausgegeben hat. Das sind bisher sündhaft teure Missverständnisse. Sow kommt in dieser Saison auf eine Spielzeit von 20 Minuten, verteilt auf zwei Einsätze. Kohr schmorte vier Partien auf der Bank, ehe er gegen Werder für 45 Minuten eingewechselt wurde. Zur Wahrheit gehört auch: Es gibt Gründe, weshalb sie nicht spielen, beide versprechen ohnehin keinen exponentiellen Qualitätszuwachs.

Oder doch mal Sebastian Roder auf der Sechs probieren und einen wie Barkok auf die Halbposition ziehen? Der marokkanische Nationalspieler, selbsternannter „Instinktfußballer“, würde sich freuen, er findet Hütters Herangehensweise erfrischend: „Nach vorne haben wir alle Freiheiten, da können wir machen, was wir wollen, da ist alles erlaubt, wir sollen risikoreich spielen.“

Noch etwas gibt Anlass zur Hoffnung: Vielleicht kehrt Powermann Filip Kostic schneller zurück als gedacht, „er ist eine Maschine“, sagt Barkok ehrfurchtsvoll. Und: Der VfB Stuttgart, obzwar Aufsteiger, ist eine junge, freche Mannschaft, die es auf die spielerische Art versucht. Solche Gegner liegen der Eintracht weit mehr als Spielverweigerer.

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