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Trainer der Extraklasse: Gyula Lorant (li.) und Dettmar Cramer.

Es war einmal

Der Ringtausch

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Vor 40 Jahren: Als Trainer Gyula Lorant zu den Bayern ging und Dettmar Cramer zur Eintracht kam.

Eigentlich hatte Eintracht Frankfurt damals, vor genau 40 Jahren, einen richtig guten Trainer, Gyula Lorant. Er war nicht gerade pflegeleicht, ein Polterer, bisweilen ungehobelt, aber er hatte Charisma und die Stars Grabowski, Hölzenbein, Nickel, Neuberger auf seiner Seite, auch weil er selbst ihnen noch was hatte beibringen können. In der Saison 1976/77 hatte er die Hessen auf dem drittletzten Platz bei 7:17 Punkten übernommen und gleich nach oben geführt mit einer sensationellen Serie von 22 Bundesligaspielen ohne Niederlage. Die Hessen wurden mit 42:26 Zähler Vierter, wäre der Ungar eine Woche früher gekommen, die Eintracht wäre sicherlich Deutscher Meister geworden.

„Lorant war seiner Zeit voraus“, sagt noch heute die Eintracht-Legende Jürgen Grabowski. Er sei es gewesen, der in Frankfurt als einer der ersten die Raumdeckung eingeführt hatte. „Der Gyula ist an die Tafel gegangen und hat es uns erläutert. Als wir Spieler aus der Sitzung rausgingen, hatte das keiner kapiert. Man hat nur Striche auf der Tafel gesehen, unfassbar.“ Doch im Spiel hat es wunderbar geklappt.

Lorant hatte zudem die Gabe, die Spieler starkzureden. Vor einem wichtigen Spiel gegen Schalke, erzählt Grabowski, hat „Gyula in einem Interview vorher gesagt, ich sei so gut wie Johan Cruyff. Was glauben Sie, mit welch breiter Brust ich aufgelaufen bin. Prompt habe ich ein schönes Tor geschossen.“ Und Lorant hatte noch etwas Außergewöhnliches eingeführt: Unmittelbar vor dem Spiel, noch im Kabinentrakt, aber vom Gegner einsehbar, hatte er eine Kaffeetafel aufgebaut. „Kurz vor jedem Spiel tranken wir komplett umgezogen einen Espresso und knabberten Kekse.“ Zum Erstaunen des Gegners. „Dann sind wir raus und haben gewonnen.“

In der Saison 77/78 freilich lief es nicht mehr so rund. Der hemdsärmelige Lorant eckte mit dem adligen Präsidenten Achaz von Thümen, der Kanzler der Frankfurter Universität, öfter an. Beide konnten nicht so recht miteinander. Trotzdem schlug die Eintracht in dieser Saison die großen Bayern zweimal fast vernichtend. Erst gewannen sie im Uefa-Pokal mit 4:0, dann vier Tage später am 26. November 1977 im Waldstadion noch einmal mit 4:0 nach den Toren von Hölzenbein, Wenzel, Kraus und Grabowski. Das war zu viel für die vom Fußball-Professor Dettmar Cramer trainierten FC Bayern. Und es kam, Anfang Dezember 1977, zu einem in der Bundesliga bis heute einmaligen Tausch: Lorant wechselte zu den Bayern, Cramer kam im Gegenzug zur Eintracht. Dettmar Cramer galt seinerzeit als Inbegriff des vornehmen, gebildeten Trainers, der stundenlang über Fußball und die Welt referieren konnte, der die Oper besuchte und feines Tuch trug. Das komplette Gegenteil von Lorant.

Doch bei der Eintracht hing bald der Haussegen schief, als der Ringtausch bekannt wurde. „Wir tauschen keinen Sieger gegen einen Verlierer“, schimpfte der damalige Schatzmeister Gerhard Jakobi. Mannschaftskapitän Grabowski forderte vehement, aber erfolglos: „Wir wollen Lorant behalten.“ Nur Ersatztorwart Günther Wienhold, den Lorant kaum aufstelle, jubelte: „Meinen nächsten Sohn nenne ich Dettmar.“

Doch der spektakuläre Wechsel wurde vollzogen. Am 10. Dezember 1977 saß Dettmar Cramer erstmals auf der Frankfurter Bank und spielte 0:0 beim 1. FC Saarbrücken, Bayern München gewann unter Lorant gleich 4:2 gegen Kaiserslautern. Dessen ungeachtet kamen die Bayern in jener Saison nicht auf die Beine, sie wurden Zwölfter, schlechter hatten die Ruhmreichen nie mehr abgeschnitten. Die Eintracht wurde Siebter. Gyula Lorant, den Grabowski für einen der besten Trainer hielt, der je bei der Eintracht tätig war, starb mit 58 Jahren – er erlitt auf der Trainerbank bei Paok Saloniki einen Herzinfarkt.

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