Europa im Visier: Adi Hütter legt heute in Frankfurt mit Volldampf los.
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Europa im Visier: Adi Hütter legt heute in Frankfurt mit Volldampf los.

Eintracht Frankfurt

Raus aus dem Jogi-Land

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt wird sich mit Trainer Adi Hütter neu aufstellen und sollte sich wieder etwas öffnen. Im Trainingslager in den USA soll der ein oder andere neue Spieler mit an Bord sein.

So langsam sind die Fußballer und die Sportliche Leitung der Eintracht wieder in Frankfurt eingetrudelt, am Samstag siedelte der neue Trainer Adi Hüttner aus Salzburg an den Main über, am Sonntag schwebte als Letzter auch Sportvorstand Fredi Bobic aus seinem Urlaubsdomizil in Florida wieder auf Rhein-Main ein. Während sich die Spieler heute in Gruppen unterteilt einem ersten Leistungstest unterziehen werden, stecken die Verantwortlichen die Köpfe zusammen und zerren das vorbesprochene Rahmenprogramm fest. Der Faktor Zufall soll so gut es geht ausgeschlossen werden. Denn auf Eintracht Frankfurt wartet eine harte Saison mit einigen Unwägbarkeiten – und ein erstes Saisondrittel, das es in sich hat.

Das liegt, ganz profan, schon an dem ambitionierten Startprogramm sowie der Anzahl der Spiele. „Ein anspruchsvoller Auftakt“, sagte Sportdirektor Bruno Hübner. „Insbesondere wenn man sieht, welche Gegner uns bevorstehen, wenn die Englischen Wochen beginnen.“ Partien unter anderem in Dortmund, gegen Leipzig, in Mönchengladbach und in Hoffenheim. Nach der ersten Länderspielpause, traditionell Ende August nach nur zwei Bundesligaspieltagen, wird die Eintracht ein monströses Pensum zu bewältigen haben: Vom 15. September bis 6. Oktober werden die Hessen binnen 21 Tagen sieben Pflichtbegegnungen (fünf in der Liga, zwei in der Europa League) bestreiten müssen – das ist schon mal eine klare Ansage. Viele Fehler darf sich die Sportliche Leitung samt Trainerteam nicht leisten. Klar ist, dass Mannschaft und Coach schnell zueinander finden müssen.

Und natürlich wird dem Team auch recht bald frisches Blut zugeführt werden müssen, schließlich muss es den Abgang dreier Leistungsträger verkraften: Lukas Hradecky, Marius Wolf und Omar Mascarell sind dem Lockruf des großen Geldes gefolgt. Das ist bei den Verdienstmöglichkeiten andernorts sogar absolut nachvollziehbar – ein emotional verbindender Pokalsieg plus gemeinsame internationale Auftritte können damit nicht konkurrieren.

So langsam werden einige Menschen in Frankfurt ein wenig unruhig, weil bisher erst zwei Torhüter (Frederik Rönnow und Felix Wiedwald) sowie ein Rechtsaußen (Nicolai Müller) verpflichtet wurden. Manager Hübner hatte erst kürzlich in der FR gesagt, dass man bei diesem Prozess Geduld haben müsse. Auch wegen der WM „warten viele ab und zocken auf Zeit“, zudem werde die Eintracht keine Mondpreise bezahlen, weil der abgebende Verein denke, dass der Frankfurter Bundesligist im Geld schwimme. „Wir sind Achter geworden, Pokalsieger und spielen international – da kommen manche mit Wahnsinnsvorstellungen um die Ecke“, hatte Hübner gemahnt.

Luisser, das erste Opfer

Am Samstag wird die Mannschaft in ein achttägiges Trainingslager nach Salt Lake City in die USA aufbrechen, bis dahin soll noch der eine oder andere neue Spieler an Bord sein. Die WM-Fahrer sind natürlich nicht dabei, in der Regel erhalten sie nach ihrem Ausscheiden beim Turnier rund drei Wochen Sonderurlaub. Für Coach Hütter wird es gerade am Anfang darum gehen, seine Spieler schnell kennenzulernen, einen Draht zu ihnen zu finden und ein Gefühl für die Mannschaft zu entwickeln. Das ist dem Österreicher zuzutrauen, er ist sicher kein Kumpeltyp, aber setzt doch auf ein starkes Band zwischen den Spielern und ihm selbst. „Es ist gefährlich, zu distanziert zu sein. Ich sehe mich nicht nur als Trainer, sondern manchmal gar als Partner.“

Hütter hat klare Vorstellungen von seinem Job in Frankfurt, er wird, das ist überraschend, den Trainerstab etwas verkleinern. Als erstes „Opfer“ trifft es Athletikcoach Klaus Luisser, der die Mannschaft in den vergangenen beiden Jahren auf ein hervorragendes Fitnesslevel getrimmt hatte. Doch zwischen dem 41-Jährigen und Hütter scheint die Chemie nicht so ganz zu stimmen, beide arbeiteten einst bei RB Salzburg zusammen, auch da musste Luisser gehen, 2014 war das, die Rede war von zwischenmenschlichen Differenzen.

Das ist insofern bedauernswert, weil Luisser in der Mannschaft äußerst beliebt war, fast schon die Rolle des Kummerkastens bekleidete. Der Österreicher hatte für die Spieler ein offenes Ohr, sie vertrauten ihm, wandten sich auch an ihn, wenn Cheftrainer Niko Kovac die Zügel mal wieder zu straff gezogen hatte. Luisser, vertraglich bis 2019 gebunden, war es auch, der Kovac mit konstruktiver Kritik in seinem unbändigen Ehrgeiz und den ständigen Maximalforderungen an die Spieler zumindest ab und an einbremsen konnte. Doch wenn es zwischen dem Chefcoach und einem wichtigen Mitarbeiter menschlich nicht passt, ist eine Trennung sicher der beste Weg.

Unterschiedliche Strömungen im Verein

Hütter ist übrigens nicht bekannt dafür, seine Mannschaft mit wissenschaftlichen Aspekten zu überfrachten. So soll es – anders als bei seinem Vorgänger – keine ausgedehnte Bestimmung des sogenannten CK-Werts geben, um Muskelverletzungen vorbeugen und die Belastungen besser steuern zu können. Hütter geht da eher mit dem klassischen Ansatz ans Werk. Trainingseinheiten von drei Stunden soll es ebenfalls nicht mehr geben, der 48-Jährige steht für eher kurze, aber knackige Einheiten.

Noch nicht ganz klar ist, wie das Training im Regelbetrieb aussehen wird, wie oft im Geheimen geübt werden soll. Es gibt unterschiedliche Strömungen im Verein. Viele sehen nun die Chance, sich wieder mehr zu öffnen. Andere halten die Abschottungspolitik von Niko Kovac für besser. Vielleicht aber sollte sich die Eintracht die Nationalmannschaft als abschreckendes Beispiel vor Augen halten, die einen verschlossenen, entrückten und abgehobenen Eindruck hinterließ und auch deshalb viel Kredit verspielt hat. So sollte die Eintracht die Gelegenheit ergreifen, einen anderen Weg zu gehen und wieder etwas mehr Fannähe zuzulassen.

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