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Ungewöhnlicher Arbeitsplatz: Trainer Willi Reimann im Baucontainer.

Eintracht Frankfurt

Rambo und Container-Willi

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In der Bundesliga tut sich die Eintracht trotz der Verpflichtung von Andreas Möller schwer. Dessen Trainer Reimann leistet sich in Dortmund einen folgenschweren Schubser. Teil 6 der FR-Serie.

In der Bundesliga tut sich die Eintracht trotz der Verpflichtung von Andreas Möller schwer. Dessen Trainer Reimann leistet sich in Dortmund einen folgenschweren Schubser. Teil 6 der FR-Serie.

Irgendwann hat dann auch einer eine Frage an Christian Maicon Hening gestellt, einen weitgehend unbekannten Defensivspieler des FC St. Pauli. Er saß ein bisschen verloren da oben auf dem Podium, die Scheinwerfer waren auf seinen Nachbarn gerichtet, von ihm, dem Neuen, wollte kaum einer was wissen. Dabei sollte der Brasilianer zu einer der tragenden Figuren werden und dem Klub gut sieben Jahre die Treue halten.

Heimkehrer Möller

Andererseits musste man das verstehen: Sein Nachbar bei der Vorstellung im August 2003 war niemand Geringeres als Andreas Möller, der Frankfurter Bub, damals 36 Jahre, heimgekehrt nach erfolgreichen Stationen in Turin, Dortmund und Schalke. Eigentlich hatte der Welt- und Europameister vom Rosegger-Platz seine Karriere schon beendet, doch bei der Eintracht lief es in der Bundesliga anfangs gar nicht gut. Ein Punkt aus den ersten vier Spielen war wenig, selbst für einen Aufsteiger. Es gab mal wieder Querelen im berühmten Frankfurter Umfeld, mit merkwürdigen Personalentscheidungen in der Chefetage, einen 20-Tage-Chef namens Dr. Peter Schuster, mit ständigen Indiskretionen, mit Rücktritten und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Das typische Frankfurter Erscheinungsbild also.
Dazu wurde schnell offenkundig: Diese Mannschaft, in der Geri Cipi spielte und Mehmet Dragusha, Nico Frommer, Lars Weißenfeld, Stefan Lexa oder Markus Kreuz, war nicht wettbewerbsfähig. Dazu kam, dass der Kapitän Jens Keller im ersten Heimspiel auf der Baustelle gegen Bayer Leverkusen bereits nach sechs Minuten mit einem Knorpelschaden ausgewechselt werden musste und die komplette Saison ausfiel.
Andreas Möller also. Er sollte es richten. Und wie er es richtete. In seinem ersten Spiel wieder für die Eintracht gewann die Reimann-Elf prompt 2:0 in Mönchengladbach. Zwei Wochen später kam es im DFB-Pokal gegen Kickers Offenbach zum ersten Duell seit 19 Jahren, die Eintracht setzte sich im Elfmeterschießen durch. Der junge Jermaine Jones, der den entscheidenden Elfmeter verwandelte, provozierte dabei noch ein bisschen die OFC-Fans.

Reimann kann nicht mit Möller

Aber schnell wurde deutlich: Möller und Reimann lagen nicht auf einer Wellenlänge, der knorrige Trainer wollte dem alternden Star keine Zugeständnisse einräumen, er ließ ihn auch gerne mal 45 Minuten warmlaufen, um ihn dann für zwei Minuten noch einzuwechseln. Möller fühlte sich gedemütigt. Im März 2004 wurde der Vertrag aufgelöst.
Diese Vertragsauflösung hatte bereits ein Mann auf den Weg gebracht, der Eintracht Frankfurt zukünftig enorm prägen sollte und vom Schmuddel-Image befreite: Heribert Bruchhagen. Ab dem 1. Dezember 2003 fungierte der wertkonservative Ostwestfale als Vorstandsvorsitzender, und er schaffte es, Eintracht Frankfurt nicht nur wirtschaftlich zu konsolidieren, sondern mit einer soliden Unternehmenspolitik zurück in den Kreis seriöser Geschäftspartner zu steuern. Sein Ziel war: „Die Eintracht wieder gesellschaftsfähig zu machen.“ Das ist ihm gelungen.

Was ihm nicht gelang: Einen zunehmend abweisender und schroffer auftretenden Willi Reimann an die Kandarre zu nehmen. Der Mann, seinerzeit immerhin schon 54, leistete sich just zu der Zeit, als es sportlich leicht aufwärts ging mit dem abstiegsbedrohten Klub, einen unverzeihlichen Blackout. Im Spiel in Dortmund im März stürmte er, nach einer glasklaren Ampelkarte für Hennig Bürger, auf den Linienrichter zu. Der Vierte Offizielle stellte sich ihm in den Weg, das hielt Reimann aber nicht davon ab, dem Mann zweimal vor die Brust zu stoßen. In der anschließenden Pressekonferenz gab sich Reimann nicht sehr einsichtig, er formulierte stattdessen: „Das war eine logische Abwehrreaktion und keine Tätlichkeit. Der vierte Mann kann mich ja ansprechen, muss sich mir nicht in den Weg stellen und Rambo spielen. Ich weiß nicht, ob er mich anfassen darf.“ Eine Aussage, die nichts anderes als Kopfschütteln erntete und ihm dann ein Innenraumverbot für fünf Spiele einbrachte. In der Verhandlung beim DFB trug nicht Reimann seine entschuldigende Erklärung vor, sondern Anwalt Christoph Schickhardt las sie vom Blatt ab. Da hätte Bruchhagen schon die Reißleine ziehen müssen. Er vermied es.

Abfahrt nach Sylt

So konnte sich Reimann wenig später (und damit auch den Klub) erneut zum Gespött machen. Weil er sein Team nicht von der Trainerbank aus coachen durfte, setzte er sich auf der Baustelle Waldstadion auf die noch nicht fertiggestellte Haupttribüne und dort in einen leeren Bau-Container. Es war ein Bild für Götter - ein Bundesligatrainer in einem Bauhäuschen, hektisch bemüht darum, eine Handy-Verbindung zu Co-Trainer Jan Kocian auf der Trainerbank zu bekommen.
Sportlich ging es immer weiter bergab, fünf Niederlagen am Stück warfen die Mannschaft weit zurück. Und doch blieb ein Funken Hoffnung: Bei einem Sieg am letzten Spieltag in Hamburg und Niederlagen der Konkurrenz wäre ein drittes Wunder möglich. Doch die Eintracht unterlag, trotz einer 1:0-Führung, dem HSV mit 1:2. Eine gute Stunde nach Spielschluss verabschiedete sich Willi Reimann in den Urlaub, er hatte ein Ferienhäuschen auf Sylt, dorthin entschwand er. Die Mannschaft reiste, abgestiegen und allein gelassen, nach Hause.
In Frankfurt senkte Bruchhagen den Daumen: „Das war keine kluge Entscheidung von Herrn Reimann“, sagte er. Drei Tage später war Reimann Geschichte. Bruchhagen traf dann eine kluge Entscheidung: Er verpflichtete Friedhelm Funkel als Trainer - der Beginn einer neuen Ära.

Lesen Sie im nächsten Teil: Die „fantasieloseste Lösung“ und eine Aufholjagd in Liga zwei.

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